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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.09.2007

Gefährliche Verlockungen

Vom Verlust der journalistischen Distanz

Von Hajo Schumacher

Zeitungsstapel
Zeitungsstapel (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

Journalisten gelten nicht gerade als Geistesriesen. Sonst hätten sie vermutlich einen anspruchsvolleren Beruf ergriffen. Solche Sätze hören wir Vertreter des berichtenden Gewerbes immer mal wieder. Und nie waren sie richtiger als heute.

Nehmen wir den Fall Maddie. Kaum war das kleine Mädchen aus dem Ferienklub in Portugal verschwunden, da brach eine Welle von Mitgefühl und Empörung aus. Ganz Europa suchte einen Mörder und Kinderschänder; kein Vater konnte noch mit seiner Tochter an der Hand über die Straße gehen ohne sich den prüfenden Blicken seiner ermittelnden Mitmenschen ausgesetzt zu sehen. Selbst der Papst machte sich gemein mit der Sache der Familie McCann. Die Beckhams sowieso.

Es ist schon aberwitzig, wie nun, ein Vierteljahr später, die versammelte Weltpresse plötzlich das nachholt, was ihr Job schon im Mai gewesen wäre: zweifeln, prüfen, fragen. Warum lesen wir erst jetzt die abgewogenen Geschichten, die alle guten Gründe auflisten, die für und gegen eine Entführung sprechen? Warum bezog die internationale Presse sich bereitwillig auf halbgare Hören-Sagen-Informationen aus portugiesischen Krawallblättern? Bislang herrschte eine Emotions-Kampagne, aber kein distanzierter Journalismus. Sender, Blätter, Radios – alle waren dabei, als es darum ging, Spenden zu sammeln und Mitleid zu schüren. Nicht auszuschließen, dass der paneuropäische Maddie-Medien-Hype jene merkwürdigen Verhaltensweisen der Eltern erst erzeugte, die uns jetzt so seltsam vorkommen.

Verzweifelte Mutter sucht ihre Tochter - Kinderschänder hinter jedem Busch - diese hysterietauglichen Muster sind so verführerisch, dass man sie nicht nur glauben, sondern auch gleich aufschreiben möchte. Und alle rennen hinterher. Nie bildete der Journalismus einen stabileren Mainstream als heute. Noch mehr Kanäle, noch mehr Web-Angebote, noch mehr Formate führen nicht zu mehr Vielfalt, sondern zu freiwilliger Gleichschaltung. Nie waren die Muster der Berichterstattung gleichförmiger, nie wurde schaf-artiger wiederholt, was ein paar wenige vorne weg blöken. Nicht, was ist, wird berichtet, sondern was sein könnte oder was man sich wünschte. Es lebe das Stereotyp.

Wie war das noch im Saarland? Waren wir nicht alle felsenfest überzeugt davon, dass eine Horde grenzdebiler Prekariatsangehöriger einen Jungen zu Tode missbraucht hat? Ein starkes Muster, das auch niederste Instinkte perfekt bedient. Im Laufe des Verfahrens allerdings mehrten sich Widersprüche und Zweifel. Am Ende herrschte vor allem Verwirrung. Nur eines war klar: Es fehlte die Grundlage für eine Verurteilung.

Wie im Falle Maddie hätte ein verantwortungsvoller Journalismus sich und der Öffentlichkeit eingestehen müssen: Wir wissen bislang nicht, was wirklich passiert ist. Aber wir verwenden alle Kraft darauf, Indizien, Theorien und Widersprüche sauber aufzuzeichnen. Bis dahin gilt, auch wenn es schwerfällt, die Unschuldsvermutung. Der CDU-Politiker Uwe Barschel, seit dessen Tod 20 Jahre vergangen sind, war einer, den diese Unschuldsvermutung vermutlich am Leben erhalten hätte. Ob man ihn mochte oder nicht – er wurde Opfer falscher Behauptungen.

Skepsis und Distanz, der ausdauernde Widerstand gegen die Verlockung, sich mit einer Sache gemein zu machen, vor allem mit einer vermeintlich guten oder gern gesehenen Sache, das hat schon Altmeister Hans-Joachim Friederichs zur Urtugend des Journalismus erklärt.

Diese Neigung scheint allerdings nicht sehr verbreitet.

Der Philosoph Karl Popper hat für die Wissenschaft formuliert, was auch für die Medienwelt gelten muss: "Alle Theorien sind Hypothesen, die grundsätzlich umgestoßen werden können. Wer eines Tages beschließt, die wissenschaftlichen Sätze nicht weiter zu überprüfen, sondern sie etwa als endgültig verifiziert zu betrachten, der tritt aus dem Spiel aus." Für den Journalismus gilt daher: Der beständige Zweifel ist erste Voraussetzung, das Spielfeld überhaupt zu betreten.

Hajo SchumacherHajo Schumacher (privat)Hajo Schumacher: Nach Abschluss der Münchner Journalistenschule schrieb Hajo Schumacher für die "Süddeutsche Zeitung". Dann arbeitete er rund zehn Jahre beim "SPIEGEL", zuletzt als stellvertretender Leiter des Berliner Büros und stellvertretender Ressortleiter Deutsche Politik. Anfang 2001 wurde Hajo Schumacher Chefredakteur von "Max". Nach seinem Ausscheiden arbeitet er jetzt als freier Journalist.