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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 20.11.2011

Gefährliche Antischimmel-Mittel

Ein Reizstoff taucht an unerwarteter Stelle wieder auf

Von Udo Pollmer

Schimmelpilz auf einem Brot (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)
Schimmelpilz auf einem Brot (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)

Noch vor kurzem wurde ein Stoff namens Dimethylfumarat verboten, weil er ein übles Pestizid ist. Jetzt kommt es wieder zurück – als Hoffnungsträger für viele chronisch Kranke. Auch die Lebensmittel-Industrie will da offenbar nicht abseits stehen.

Die Wende kam überraschend. Kaum war der Stoff aufgrund seiner fatalen Folgen für die Gesundheit verboten, kam er durch die Hintertür als Wundermittel zurück. Die Rede ist von Dimethylfumarat. Das ist ein Schimmelschutzmittel, das vor fünf Jahren hunderte von Vergiftungsfällen verursacht hatte. Schuld waren importierte Schuhe und Sofas. Die enthielten nämlich ein Säckchen mit Trocknungsmittel und da war auch noch Dimethylfumarat mit drin – natürlich ohne Deklaration. Die Folgen waren schwere allergische Reaktionen, Hautentzündungen und akute Atembeschwerden – das sogenannte "Sofa-Syndrom".

Nun ist die Verwendung von Dimethylfumarat in der EU schon lange verboten, aber in Importwaren war die Substanz noch geduldet. 2009 wurde auch hier ein Riegel vorgeschoben. Jetzt aber taucht dieser Reizstoff an unerwarteter Stelle wieder auf: Denn er bremst offenbar Entzündungen, ins-besondere im Nervensystem. Im klinischen Test wirkte er sogar bei Multipler Sklerose. In der medizinischen Fachwelt sind die Erwartungen groß. Er wird zur Bekämpfung von Hautkrebs erprobt und wurde kürzlich gegen Aids vorgeschlagen. Zu allem Überfluss behandeln die Hautärzte mit diesem Allergen erfolgreich die Schuppenflechte. Es ist zum Mäusemelken.

Um da noch eins drauf zu setzen: Toxikologen stufen Dimethylfumarat aufgrund seiner schweren Nebenwirkungen als riskant ein. Bei seiner Verwendung als Medikament vermochten die Ärzte hingegen kaum Nebenwirkungen zu erkennen. Sie loben allgemein die gute Verträglichkeit. Dabei ist die Dosis bei einer Einnahme als Medikament höher als beim Tragen von Latschen, die davon nur ein paar Mil-ligramm abgeben. Höchst merkwürdig. Aber dennoch vielsagend.

Ein Stoff, der Bakterien, Pilze und sogar Insekten abtötet, ist für Lebensmittelhersteller durchaus reizvoll. Natürlich ist er als Konservierungsmittel verboten. Aber wenn man einen Blick in die Werbung der Chemiekonzerne wirft, die davon Jahr für Jahr offenbar Hunderttausende von Tonnen in alle Welt liefern, dann fehlt nicht der Hinweis, der Wirkstoff würde in großem Stile für Futter- und Lebensmittel verwendet. Man konserviert damit gelagertes Getreide, Brot, Tortillas, Kuchen, Gemüse, Tabak usw. – eben alles, was schimmeln oder verderben oder unter Insektenfraß leiden könnte.

Die erheblichen Mengen, die noch dazu als Zusatzstoff offeriert werden, legen nahe, dass seine Verwendung tatsächlich weit verbreitet ist – und sich bestimmt nicht auf Sofas beschränkt. Eine Mitteilung des chinesischen Gesundheitsministeriums bestätigt das indirekt; das Ministerium weist darauf hin, dass der Stoff eigentlich nicht zur menschlichen Ernährung geeignet sei. Dort weiß man offensichtlich von dem Missbrauch.

Anders bei uns. Es ist zwar davon auszugehen, dass dieser kuriose Stoff im internationalen Lebensmittelhandel eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Doch bisher hat sich bei uns niemand dafür interessiert. Die Lebensmittelüberwachung hat in den vergangenen Jahren zwar fleißig Sofas und Sandalen untersucht, was sehr löblich ist – aber offenbar bis heute keine Lebensmittel. Das aber wäre aber viel dringlicher. Auch die Allergologen sollten bei ihren Tests nicht nur an Sulfit oder Benzoesäure denken, sondern auch mal an das Dimethylfurmarat.

Immer wieder wird unterstellt, die Überwachung erführe von Missständen bei Lebensmitteln meist erst aus der Zeitung. Vielleicht verschafft auch mal das Radiohören einen Wissensvorsprung. Mahlzeit!

Literatur
Brooks M, Jeffrey S: BG-12 data impress in multiple sclerosis. Medscape vom 21.10.2011
Mrowietz U et al: Treatment of severe psoriasis with fumaric acid esters: scientific background and guidelines for therapeutic use. British Journal of Dermatology 1999; 141: 424-429
Roll A et al: Use of fumaric acid esters in psoriasis. Indian Journal of Dermatology, Venerology & Leprology 2007; 73: 133-137
Loewe R et al: Dimethylfumarate impairs melanoma growth and metastasis.. Cancer Research 2006; 66: 11888-11896
Lin SX et al: The anti-infalmmatory effects of dimethyl fumarate in astrocytes involve glutathione and haem oxygenase-1. ASN Neuro 2011; 3: e00055
Cross SA et al: Dimethyl fumarat, an immune modulator and inducer of antioxidant response, suppresses HIV replication and macrophage-mediated neurotoxicity: a novel candidate for HIV neuroprotection. Journal of Immunology 2011; 187: 5015-5025
Wang HH et al: Inhibition of Escherichia coli by dimethyl fumarate. International Journal of Food Microbiology 2001; 65: 125-130
Islam MN et al: Mold inhibition in tortilla by dimethyl fumarate. Journal of Food Processing and Preservation 1984; 8: 41-45
Islam MN: Inhibition of mold in bread by dimethylfumarate. Journal of Food Science 1982; 47: 1710
Anon: The second batch of food that could break the law to add the list of non-food substances released. Xinhua, 2. Dec. 2009

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