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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.08.2010

Gedichte regnen auf Berlin

"Poetry Rain" bei der Langen Nacht der Museen

Von Andrea Handels

Nicht nur Regen, auch Gedichte regneten vom Berliner Himmel. (Jan-Martin Altgeld)
Nicht nur Regen, auch Gedichte regneten vom Berliner Himmel. (Jan-Martin Altgeld)

Bei der diesjährigen Langen Nacht der Museen in Berlin gab es ein besonderes Event: Eine halbe Stunde lang hat es aus dem Himmel Gedichte geregnet - abgeworfen von einem Helikopter über dem Lustgarten auf der Museumsinsel.

Da ist er, der Helikopter und wirft sie ab: Über 100.000 weiße Rechtecke aus festem, glänzendem Papier, 22 Zentimeter lang, 7 Zentimeter breit, schweben flirrend zu Boden: Lesezeichen - bedruckt mit einem Gedicht auf Spanisch und Deutsch.

Die vielen Menschen unten im Lustgarten auf der Berliner Museumsinsel springen in die Luft und versuchen sich, ein, zwei oder mehrere dieser Lesezeichen zu schnappen.

80 verschiedene Gedichte sind insgesamt auf die Lesezeichen gedruckt, geschrieben von 40 chilenischen und 40 deutschen Dichtern. Zum Beispiel das Gedicht "Mutter der Ängste" von Santiago Barcaza.

Die chilenische Künstlergruppe Casagrande hat ihren Gedichteregen schon in mehreren Städten inszeniert. Allerdings nannte sie ihn bisher nicht Regen, sondern Bombardierung. Cristóbal Bianchi:

"Wir haben dieses Projekt 2001 gestartet, und die meisten von uns sind 1973 geboren, als in Chile die Diktatur begann. Und das Symbol der Diktatur war die Bombardierung des Regierungspalastes durch Pinochet. Und wir, wir haben 29 Jahre später, im Jahr 2001, diesen Ort erneut bombardiert. Und zwar mit 1000 Gedichten von jungen chilenischen Dichtern."

Später bombardierten sie Dubrovnik, das spanische Gerníka und Warschau mit Gedichten. Alles Städte, denen durch Bomben einst viel Leid zugefügt wurde. Gedichte statt Bomben – diese Botschaft kommt gut an. Nur die Stadtverwaltungen haben manchmal Bedenken, ob die Lesezeichen nicht nach der Aktion überall auf der Straße herumliegen. Julio Carrasco von der Künstlergruppe Casagrande:

"Es ist immer sehr schwierig, den Behörden klar zu machen, dass kein Papier liegen bleibt. Alle nehmen die Lesezeichen mit: Der Helikopter wirft sie ab und fünf Minuten, nachdem er weggeflogen ist, liegt keines mehr am Boden."

Seit Jahren versuchen Casagrande, eine Genehmigung für ihr Poesie-Happening in Deutschland zu bekommen. Zwei Mal haben sie sie für Dresden beantragt, ohne Erfolg. Auch für Berlin benötigten sie mehrere Anläufe. Dass es jetzt geklappt hat, hat wohl auch mit der Umbenennung von Bombardierung in Poetry Rain – Regen der Gedichte - zu tun.

"Das war einer der Gründe, warum Dresden gescheitert ist, ganz wund, umgetauft Berlin ist schwerer Ort, Krieg beginnt und zu Ende kam Schuld und Verstrickung. Mit 'Poetry Rain' konnten alle viel besser umgehen, und dass es in das Bicentinario gegangen ist und in die Lange Nacht der Museen, gibt dem ganzen guten Untergrund","

sagt Thomas Wohlfahrt, der Leiter der Literaturwerkstatt Berlin. Sie hat die 40 deutschen Dichter für die Lesezeichen ausgewählt. Darunter bekannte Namen wie Uljana Wolf, Nico Bleutge oder Jan Wagner. Das Poesiespektakel von Casagrande liegt ganz auf ihrer Linie.

""Mit dieser Aktion bringen wir natürlich Gedichte zu Leuten und das ist eine der zentralen Aufgaben, die sich die Literaturwerkstatt gesetzt hat, ganz einfach im Land der Dichter und Denker Dichtung zu befördern, weil das ist so gut wie vergessen. Gesellschaftlicher. Stellenwert von Dichtung ist hier so niedrig, im Gegensatz zu Chile, wo alle schreiben. Kurz, dass Leute auch erleben: Es hat was mit ihnen zu tun."

Nach einer halben Stunde ist das Spektakel zu Ende, die Gedichte sind in den Taschen der Besucher verschwunden und vielleicht hat ja manch einer, verzaubert durch den Regen der Gedichte, eine neue Liebe entdeckt – für die Poesie.

Gedicht von Cristóbal Bianchi:
Ich lege den Hörer auf und sehe es
Im Garten regnen
Sehe Blumen der Feder entspringen, wo
sonst nichts mehr ist
Außer dem Wind, der die Verse trägt, die ich dir zuflüstere.

Kulturpresseschau

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