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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.10.2007

Gedichte als Essays

Durs Grünbein: "Strophen für übermorgen". Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2007. 205 Seiten

Der Schriftsteller Durs Grünbein im Jahr 1995 (AP Archiv)
Der Schriftsteller Durs Grünbein im Jahr 1995 (AP Archiv)

Man hat es fast schon vergessen: Durs Grünbein war Anfang der neunziger Jahre der junge Star der Lyrik, der die Szene mit nervösen, zwischen Naturwissenschaft und Erkenntnistheorie schillernden Texten aufmischte; er war der Autor der Stunde. Die Verleihung des Büchner-Preises im Jahr 1995 bildete den Abschluss dieser Sturm und Drang-Phase, und das war auch ein großer Einschnitt für das Werk des damals 33-jährigen Dichters.

Wenn Grünbein jetzt einen Band mit dem Titel "Strophen für übermorgen" vorlegt, dann ist das in vielerlei Hinsicht eine Reaktion auf diesen frühen Ruhm, auch wenn das nicht einmal in Ansätzen thematisiert wird.

Grünbein hat nach dem Büchner-Preis lange gewartet, bis er wieder etwas Neues veröffentlichte, und man war dann ziemlich verblüfft: Er hatte sich zum Olympier gewandelt. Den Büchner-Preis, den raschen Aufstieg zum Olymp, thematisierte Grünbein durch die Hinwendung zu antiken Mythen, zu den Stoffen der alten Griechen und Römer, und das war gleichzeitig ein selbstironischer Kommentar zu seiner biographischen Situation. Doch die Zeitlosigkeit der antiken Dichter verhalf ihm auch zu einer neuen Standortbestimmung für sein eigenes Schaffen.

Grünbein ist seit einigen Jahren ein virtuoser Exeget und Übersetzer der alten Stoffe. In seinem neuen Band ist diesem Themenkreis wieder ein eigenes Unterkapitel gewidmet. "Strophen für übermorgen" hat dabei bereits im Titel wieder einen ironischen Impetus, auch wenn der direkte Indikator wie immer fehlt: die Zeitlosigkeit bezieht sich nicht nur auf einen Fixpunkt in der Vergangenheit, sondern genauso auch auf die Zukunft - sie verliert sich in einem nicht genau zu bestimmenden Feld.

Eines ist jedenfalls klar: die Moden der unmittelbaren Gegenwart, der rasch wechselnde Zeitgeist ist Grünbeins Sache nicht. Seine Haltung ist aber nicht, wie man auf dem ersten Blick meinen könnte, elitär. Verblüffend ist der Witz, der seine Verse oft auszeichnet, das Spiel auch mit der niederen und der Umgangssprache, der Wechsel zwischen hochfahrender philosophischer Reflexion und dem Wissen um die Winzigkeit des einzelnen.

Grünbein ist kein romantischer Dichter, er ist ein poeta doctus im klassischen Sinne. Seine Gedichte sind oft Zuspitzungen des Gedankens, gleichzeitig aber arbeiten sie mit der spezifischen Musikalität der Lyrik, der klassischen Metrik, dem Rhythmus der alten Schulen. Es gibt Reminiszenzen an die DDR, es gibt Reisegedichte - Paris, Turin, Midtown. Und natürlich die ewig sich verändernde Stadt Berlin, Grünbeins Lebensmittelpunkt: "Transit Berlin" heißt ein zentraler Zyklus.

Grünbeins Texte sind immer auch Gedankenspiele, sie bewegen sich wie Freibeuter innerhalb der rasch anwachsenden Informationsspeicher, es sind Gedichte als Essays. Grünbein ist beileibe kein Hofmannsthal, er ist kein Bildermaler und kein Schwelger. Viel eher verkörpert er den wendigen Typus à la Enzensberger, allerdings ohne dessen Hase- und Igel-Taktik. Vielleicht liegt es an seiner Sozialisation in der DDR, dass bei Grünbein ein tiefes Bewusstsein für geschichtliche Dimensionen mitschwingt.


Rezensiert von Helmut Böttiger

Durs Grünbein: Strophen für übermorgen
Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
205 Seiten. 22,80 Euro.

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