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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.03.2011

Gedankenlosigkeit als philosophischer Kernbegriff

Hannah Arendt / Joachim Fest: "Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe", Piper Verlag, München und Zürich 2011, 206 Seiten

Hannah Arendt im Jahr 1969 (AP Archiv)
Hannah Arendt im Jahr 1969 (AP Archiv)

Nicht nicht nur über die Grausamkeit, auch über die Dummheit vieler Nazis war Hannah Arendt empört. Wie die Nazi-Verbrechen das Denken der Philosophin bestimmten, lässt sich an ihrem Gedankenaustausch mit Joachim Fest besonders gut nachvollziehen.

Ein Grund für das Rundfunkgespräch, das Hannah Arendt und Joachim Fest 1964 führten, war die heftige Debatte, die Arendts Berichte über den Eichmann-Prozess ausgelöst hatten. Zusammen mit dem bislang unbekannten Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Joachim Fest kann man dieses Gespräch jetzt in dem von Ursula Ludz und Thomas Wild herausgegebenen Buch "Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe" nachlesen.

Hannah Arendt hatte als Beobachterin an der Gerichtsverhandlung gegen Adolf Eichmann teilgenommen, die am 11. April 1961 in Jerusalem begann. Ihre fünfteilige Serie über den Prozessverlauf erschien 1963 in der Zeitschrift "The New Yorker". Eichmann war als hoher Beamter im Reichssicherheitshauptamt für die Deportation der europäischen Juden in die Konzentrationslager verantwortlich. Arendts Bericht über den am 31. Mai 1962 hingerichteten Eichmann löste auch deshalb Empörung aus, weil sie Eichmann als "Hanswurst" bezeichnete. Sie sah in ihm nicht die Inkarnation des Bösen, sondern nur banales Abbild. Seither ist die Formulierung von der "Banalität des Bösen" mit dem Namen Hannah Arendts verbunden.

Das Rundfunkgespräch zwischen Hannah Arendt und Joachim Fest fand am 9. November 1964 statt. Zuvor hatte Arendt Fest in einem Brief vom September 1964 wissen lassen, dass sie "niemals die Absicht" hatte, sich "zu verteidigen". Sie wollte nicht auf die Debatten eingehen, die ihr Buch "Eichmann in Jerusalem" ausgelöst hatte, sondern sie schlug Fest vor: "Wir gehen nicht aus von Einwänden gegen mein Buch, sondern von Problemen, zu denen wir beide etwas zu sagen haben."

Arendt kannte Fests Buch "Das Gesicht des Dritten Reiches", das 1963, im selben Jahr wie die englische Ausgabe von "Eichmann in Jerusalem", erschienen war. "Ich stimmte dem Gespräch mit Ihnen zu", schrieb sie an Fest, "weil ich nach der Lektüre Ihres Buches dachte, wir haben gemeinsame Interessen, sehen vieles in einem ähnlichen Licht". Doch sie wollte keine Diskussion über ein Buch führen, "das niemals geschrieben wurde". Deshalb listet sie in dem Brief vom September 1964 sechs ihr wichtig erscheinende Punkte auf, zu denen auch der "neue Verbrechertypus" gehört, den Eichmann ihrer Meinung nach verkörpert. Für sie war Eichmann ein Mitläufer, der Lust am "Funktionieren" hatte. Er wollte "mitmachen. Er wollte Wir sagen, und dies Mitmachen und dies Wir-sagen-Wollen war ja ganz genug, um die allergrößten Verbrechen möglich zu machen. [...] In diesem Handeln gibt es ein ganz großes Lustgefühl."

Hannah Arendt war empört über Eichmanns Dummheit, weil er Befehle ausführte, ohne sich vorzustellen, was sie auslösten. "Gedankenlosigkeit", so die beiden Herausgeber in ihrem höchst instruktiven Vorwort, wird in den folgenden Jahren für Hannah Arendt zu einem Kernbegriff ihres philosophischen Denkens. Sie geht in den folgenden Jahren der Frage nach, ob "Denken davor bewahren kann, Böses zu tun."

Das von Ludz und Wild herausgegebene Buch liefert wichtiges Material, das zum Verständnis von Hannah Arendts Position beiträgt. Eichmann fehlte es an "leibhaftiger Anschauung", und es muss der jüdischen Philosophin eine Genugtuung gewesen sein, diesen Hanswurst, der sich als Herrenmensch aufgespielt hatte, allein durch intellektuelle Verstandesschärfe zu entdämonisieren.

Besprochen von Michael Opitz

Hannah Arendt /Joachim Fest: Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe
hg. v. Ursula Ludz und Thomas Wild
Piper Verlag, München und Zürich 2011
206 Seiten, 16,95 Euro

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