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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.11.2013

Gärtnern in Grönland

Klaus Scherer: "Am Ende der Eiszeit. Die Arktis im Wandel", Piper Verlag, 320 Seiten

Die "Polarstern" auf ihrer 26. Arktisfahrt 2011 am Nordpol (AWI/Mario Hoppmann)
Die "Polarstern" auf ihrer 26. Arktisfahrt 2011 am Nordpol (AWI/Mario Hoppmann)

Die Welt, die Klaus Scherer in seinem Buch beschreibt, scheint aus den Fugen geraten zu sein: Häuser versinken im Boden, Straßen sind unbefahrbar, Tiere und Pflanzen verschwinden und das Meereis ist unberechenbar.

All dies geschieht, von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt, in Ostgrönland, Island, Nordskandinavien, Russland und Alaska. Und es gibt die Menschen, die sich mit dieser veränderten Umwelt arrangieren müssen. Da sind ostgrönländische Gletscherforscher, die plötzlich zu Gärtnern auf der grüner werdenden Insel werden; Bärenjäger, die sich im Tourismus versuchen; isländische Händler, die als Tauchlehrer arbeiten und russische Architekten, die Häuser auf Stelzen setzen.

Klaus Scherer hat sie alle besucht, ihnen zugehört. Er beschreibt ihren Alltag, nimmt seine Leser mit an die Küchentische und die Arbeitsplätze dieser Menschen und erzählt von ihrem Pragmatismus: Denn sie alle haben sich mit mitunter spritzigen Idee angepasst an die sich wandelnde Umwelt, wie zum Beispiel die schwedischen Seebesitzer, die im Winter Eispisten für Autohersteller aus aller Welt präparieren, damit diese ihre neuesten Modelle unter extremen Wetterbedingungen testen können. All das gibt Scherer wieder, die Gespräche wie auch seinen eigenen Versuch, einen Porsche durch den Eisparcours zu lenken – aber er erzählt auch von den Sorgen dieser Menschen. Der Klimawandel wird dadurch viel nachfühlbarer, als es etwa das Niederbeten abstrakter Zahlen über das Abschmelzen der Polarregion je erreichen würde.

Dabei spielt der Autor die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels nicht herunter, vielmehr ist sein faszinierender Reisebericht angereichert mit den Ergebnissen aktueller wissenschaftlicher Studien. So erfährt man, wie sich die Erwärmung auf die Stabilität des Meereises auswirkt, welche Fischarten im hohen Norden heimisch werden und welche verschwinden, wie sich die Wälder immer weiter nach Norden ausbreiten und die karge Tundra verdrängen. Und Klaus Scherer berichtet auch davon, welche Auswirkungen die Ölförderung auf die Menschen und das weltweite Klima hat.

Hineingewoben in diese Fakten sind immer wieder die persönlichen Geschichten, die wie kleine Hoffnungsschimmer aufblitzen und zeigen, dass in jedem Wandel auch eine Chance auf Neubeginn liegt. Klaus Scherer hat mit diesem Perspektivwechsel der alten Klimawandeldiskussion einen neuen und spannenden Aspekt hinzufügt.

Besprochen von Monika Seynsche

Klaus Scherer: Am Ende der Eiszeit. Die Arktis im Wandel
Piper Verlag, München 2013
320 Seiten, 22,99 Euro

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