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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.01.2015

Fußball und HomosexualitätKeine Initialzündung durch Hitzlsperger

Marcus Urban (Netzwerk "Fußball gegen Homophobie") im Gespräch mit Nana Brink

Der ehemalige Fußballspieler Marcus Urban (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
"Es fehlt an Wissen und Kontakt mit Homosexuellen" (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Vor einem Jahr hat sich der ehemalige Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger als homosexuell geoutet. Bewirkt hat dieser Schritt offenbar nichts. Die Angst sei immer noch sehr groß, meint Marcus Urban vom Netzwerk "Fußball gegen Homophobie".

Als sich der ehemalige Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger vor einem Jahr öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte, hofften viele auf eine Initialzündung. Doch bisher ist kein weiterer Fußballer Hitzlspergers Beispiel gefolgt.

Die Angst ausgegrenzt zu werden, sei immer noch sehr groß, meint Marcus Urban, Gründer des Netzwerks "Fußball gegen Homophobie".  "Dementsprechend traut man sich das nicht, erst recht in so einer, ja, einer bisschen Macho-Welt mitunter wie im Fußball."

Nur ein kleiner Teil der Fans ist wirklich homophob

Auch heute noch gehörten "Schwuchtel" oder "schwule Sau" zum Beschimpfungsalltag, sagte der frühere Fußballjugendnationalspieler, der selbst auf eine Karriere als Profifußballer verzichtet hat, um trotz seiner Homosexualität ein normales Leben führen zu können.

Allerdings sei nur ein kleiner Teil der Fans wirklich homophob, sagte Urban. Die meisten seien sich gar nicht dessen bewusst, dass sie Homophobes sagten. "Es fehlt Wissen und Kontakt mit Homosexuellen. Wenn man den nicht hat, dann weiß man auch nicht, dass man was falsch macht, wenn man das sagt."


 

Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Er hat sich getraut – vor einem Jahr hat sich der Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsberger, er spielte lange beim VfB Stuttgart, getraut und sein Coming-out bekannt gegeben, öffentlich gemacht. Er ist bislang der einzige geblieben, der seine Homosexualität als Fußballnationalspieler öffentlich gemacht hat, und da fragt man sich natürlich, warum? Ist das Bewusstsein für das Thema gewachsen in diesem Sport? Bei mir zu Gast in "Studio 9" ist jetzt der ehemalige Jugendnationalspieler Marcus Urban. Er hat als Amateurspieler bei Rot-Weiß Erfurt gespielt, hat sich dann entschieden, nicht Profi zu werden, weil der Druck zu groß war, sich als Schwuler verstecken zu müssen. Guten Morgen, Herr Urban.

Marcus Urban: Schönen guten Morgen!

Brink: 2008 ist Ihr Buch erschienen, "Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballspielers Marcus Urban". Sie haben schon Jahre vor Hitzlsberger sich geoutet. Kein anderer Spieler hat das daraufhin getan – warum eigentlich nicht?

"Schwule Sau" ist Alltagssprachgebrauch im Fußball

Urban: Offenbar ist da noch so große Angst, ich meine, ich hab das ja selber erlebt, was das für ein Druck ist, sich ständig verstecken und verbiegen zu müssen. Man hat halt Angst vor der Reaktion der Fans, des Managements, ausgegrenzt zu werden. Und dementsprechend traut man sich das nicht, erst recht in so einer so ein bisschen Macho-Welt mitunter, wie im Fußball.

Brink: Was haben Sie erlebt, dass Sie dann diese Entscheidung getroffen haben, nicht Profi zu werden?

Urban: Na ja, die Zeit, in der man "schwule Sau", "schwule Schuhe", "das Wetter ist heut schwul" hört, also "Schwuchtel" ...

Brink: Das haben Sie gehört?

Urban: Das ist Alltagssprachgebrauch gewesen, ist auch heute noch so. Dann denkt man automatisch, man ist nichts wert, weniger wert als die anderen. Das ist Mobbing. Und dementsprechend wollte ich nicht schwul sein, war ich aber. Und somit war ich im Kampf mit mir selber. Und diese Kraft, die ich dabei nicht zur Verfügung habe, die stand mir für den Fußball und für das Leben nicht zur Verfügung, und ich drohte daran zu zerbrechen. Und letztlich habe ich mich mit starker Traurigkeit gegen die Fußballkarriere dann entschieden, um ein normales Leben führen zu können.

"Ich habe Leben gerettet"

Brink: Sie waren ja immerhin Jugendnationalspieler, da ist man ja schon unglaublich weit. Das ist eine massive Entscheidung dann zu sagen, ich gehe nicht weiter.

Urban: Das war massiv. Also das war wirklich eine schwere Entscheidung, weil ich wollte einer der Besten werden, so hatte ich das auch im Kopf. Ich hatte das Potenzial, ich war bestens ausgebildet, wir hatten auf der Sportschule in der DDR eine sehr gute Ausbildung. Dann kam die Wende, die deutsche Wiedervereinigung, und die Chancen wären eigentlich dagewesen, jetzt durchzustarten. Ich war 18 Jahre damals, Anfang 20 dann Anfang der 90er. Aber mir war mein Leben mehr wert als die Karriere. Und heute habe ich so vielen Leuten schon helfen können. Ich kann sagen, ich hab Leben gerettet. Ich weiß das, weil die Leute zu mir gekommen sind und mir ihre Geschichten erzählt haben. Und das ist mir noch mehr wert als jeder Fußballweltmeistertitel.

Brink: Darauf möchte ich gleich zu sprechen kommen, auf das, was Sie machen. Sie coachen ja jetzt Leute, beraten auch Spieler. Ich hab einmal aufgehorcht in dem, was Sie eben gerade gesagt haben, nämlich, es passiert heute noch. Also hat sich nichts geändert?

Urban: "Schwuchtel", "schwule Sau" gehört zum Beschimpfungsalltag mit dazu. Die meisten sind sich darüber dann nicht bewusst – also, wenn das Jugendliche zum Beispiel sagen oder auch Erwachsene. Ich erlebe es selber, ich spiele bei Hertha BSC in der Altliga: Da wird auch zum Beispiel gesprochen, dass die Mannschaft ja einen Schwulen jetzt hat. Also meine Spielerkollegen erzählen das auch, sprechen mit den anderen Mannschaften darüber. Das ist immer schon noch was Besonderes. Und da kommt es auch manchmal schon vor, dass irgendwie so ein Schimpfwort kommt, aber die Jungs –

Beratungsnetzwerk für Homosexuelle im Sport

Brink: Also auch in Ihrer Gegenwart?

Urban: In meiner Gegenwart, ja. Weil die sich nicht dessen bewusst sind. Wir gucken uns dann an, und ich muss dann anfangen zu lachen, und die lachen zurück, weil sie merken, oh, ich hab Blödsinn gesagt. Und dann ist das auch schon geklärt, und wir lachen zusammen. Die meisten sind sich nicht darüber bewusst, dass sie homophob sind oder etwas Homophobes sagen. Im Grunde genommen sind die auch nicht homophob, sondern haben einfach kein Bewusstsein dafür. Es fehlt Wissen und Kontakt mit Homosexuellen. Wenn man den nicht hat, dann weiß man auch nicht, dass man was falsch macht, wenn man das sagt. Und der kleinere Teil, auch der Fans zum Beispiel, ein geringer Teil ist wirklich homophob. Weil das ist ja praktisch eine Angststörung so gesehen, eine Phobie.

Brink: Genau das ist das Stichwort. Sie haben das Netzwerk "Fußball gegen Homophobie" mitbegründet. Ist das auch ein Teil dessen, dieser Arbeit gewesen, die Sie jetzt tun, um anderen zu helfen, wie Sie eben gesagt haben?

Urban: Mittlerweile ist das weiter gegangen. Wir haben den Verein für Vielfalt in Sport und Gesellschaft gegründet, mit vielen tollen Leuten zusammen, mit vielen Heterosexuellen, mit vielen Frauen und Männern, alt und jung, sind ein Verein für Vielfalt. Und in diesem Verein haben wir ein Beratungsnetzwerk zum Thema Homophobie im Sport aufgemacht, sind mittlerweile in zwölf Bundesländern präsent, weil wir vor Ort in den Bundesländern niemanden haben. Die Leute sind allein damit, und in diesem Netzwerk bekommen wir jetzt schon die Fälle.

Wer sich outet, wird gemobbt

Brink: Wer kommt denn zu Ihnen, also ganz konkret?

Urban: Da sind ganz absurde Sachen dabei. Da kommen Partner von Tennisspielern, die darunter leiden, dass sie zu Hause als schwules Paar leben, und sowie die Haustür sich verschließt, gehört man nicht mehr zusammen, und der Tennisspieler versteckt sich. Wir haben Fälle, wo junge Fußballspieler sich outen, als 17-Jährige, sofort gemobbt werden. Und in dem Fall hat der junge Mann einen Zwillingsbruder, also der genauso aussieht wie er, und er hat sich dann als sein heterosexueller Zwillingsbruder in der Mannschaft ausgegeben - mit Wissen des Vereins, der Vereinsspitze. Die haben das zwei, drei Jahre mitgemacht, das Spiel. Und das ist doch absurd. Das ist kein Zustand, finde ich.

Brink: Also man kann sagen, es hat sich nicht wirklich viel geändert im deutschen Fußball.

Urban: Nicht wirklich.

Brink: Marcus Urban, Fußballcoach und Begründer des Netzwerkes Fußball gegen Homophobie. Danke für Ihren Besuch hier bei uns in "Studio 9".

 

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