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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.06.2012

"Fußball kennt keine Grenzen"

Die ukrainische Schriftstellerin Natalka Sniadanko über die Fußball-EM als verbindendes Element

Natalka Sniadanko im Gespräch mit Britta Bürger

Blick auf Lemberg - hier lebt die Schriftstellerin Natalka Sniadanko.
Blick auf Lemberg - hier lebt die Schriftstellerin Natalka Sniadanko. (dpa / picture alliance / Markiian Lyseiko)

Die Fußball-EM sei nicht so prägend, dass sich die politische Situation in der Ukraine verändern werde, sagt die Journalistin Natalka Sniadanko aus Lemberg. Die Begeisterung sei aber groß, da gebe es keine Unterschiede: Fußball kenne keine Grenzen "und im eigenen Land schon sowieso".

Britta Bürger: Noch ist die ukrainische Nationalmannschaft im Turnier um den Pokal dieser Europameisterschaft dabei. Heute Abend spielt sie in Donezk gegen England. Doch taugt der Fußball in diesem gespaltenen Land tatsächlich als Ersatz für die fehlende Nationalidee?

Uns interessiert, wie Natalka Sniadanko das bewertet. Sie ist Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin, unter anderem von Günter Grass.

Sie lebt im westlich gelegenen Lemberg und wird von dort heute Abend das Spiel im östlich gelegenen Donezk verfolgen. Ich habe sie vor der Sendung gefragt, ob die Fußballbegeisterung in allen Teilen der Ukraine ähnlich stark ist.

Natalka Sniadanko: Nein, ich glaube, da gibt es keine Unterschiede. Fußball kennt keine Grenzen, und im eigenen Land schon sowieso. Da freuen sich alle, wer sich dafür interessiert und auch, wer sich dafür nicht interessiert. Wenn wir gewinnen, dann gewinnen wir, das ist klar.

Bürger: Die Lemberger sprechen ja gerne davon, dass sie die heimliche Hauptstadt der Ukraine seien. Was ist denn damit genau gemeint?

Sniadanko: Die Lemberger sind natürlich stolz auf ihre Stadt, die sehr schöne Stadt, die ehemalige K.-u.-k.-Provinz, die auch eine viel kürzere Sowjetperiode hinter sich hat als viele andere Städte vor allem im Osten, wo man auch ukrainisch spricht, was nicht selbstverständlich ist für viele andere Städte, vor allem im Osten.

Darüber ist man stolz, und deswegen wahrscheinlich diese ganzen Vergleiche, kleines Paris oder was auch immer. Aber das ist schon sehr provinziell, das ist klar.

Bürger: Lemberg liegt ja nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Sie sind auch für uns in ein Studio von Polski Radio gefahren. Ist es die Stadt der Ukraine, die der Mentalität der Westeuropäer am nahesten kommt?

Sniadanko: Ich würde sagen, dass die sowjetische Mentalität in diesen Teilen des Landes schon viel schwächer ist als in anderen Teilen des Landes und das ist schon mal ein gutes Ergebnis, für mich, auf jeden Fall. Was die westliche Mentalität bedeutet, da ist der Begriff für mich viel zu unklar. Wo haben wir die westliche Mentalität? In Polen oder in England oder in Frankreich? Das sind verschiedene Welten für mich. Kann ich schlecht vergleichen.

Bürger: Lemberg gehörte bis 1918 zur österreichischen Provinz Galizien, da lebten auch viele Deutsche, vor allem Juden. Inwieweit prägt diese Geschichte denn noch heute das heutige Lemberg, noch oder vielleicht auch wieder.

Sniadanko: Wir hatten in den letzten Jahren eine Belebung, eine sehr rege Belebung der historischen Diskussion. Es ist wahrscheinlich die Nacharbeit, dass man sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt. Das hat früher mal gefehlt. Und da sind diese Fragen wieder aktiv. Und was mich besonders freut, das ist nicht nur diese Nostalgie, ja, es war mal schön, sondern es ist auch eine kritische Auseinandersetzung mit vielen Fragen, die nicht so eindeutig zu beurteilen sind. Und ich hoffe, das ist ein sehr gesundes Prozess, das nur angefangen hat und weiter vor sich geht.

Bürger: Sie beschreiben Lemberg als die am wenigsten sowjetisch geprägte Stadt. Das scheint auf der anderen Seite des Landes, in Donezk, ganz anders zu sein. Eine Arbeiterstadt im Osten des Landes, wird gern als Ruhrpott der Ukraine bezeichnet, weil es dort viel Bergbau gibt. Inwieweit repräsentiert jetzt diese Stadt Donezk eine ganz andere Ukraine. Was ist da so anders?

Fans der deutschen Mannschaft inFans der deutschen Mannschaft im Lemberger Stadion (picture alliance / dpa)Sniadanko: Ja, es gibt nicht nur eine oder zwei Ukrainen, es gibt sehr viele Gebiete in der Ukraine. Das Land ist sehr groß, die Verkehrsverbindungen sind nicht besonders gut und schnell, und deswegen ist die Regionalisierung sehr stark. Und man kennt sich einfach nicht so gut. Und deswegen unterscheidet man sich auch mehr.

Und wenn man sich auch nicht so sehr stark unterscheidet, dann denkt man sich aus, ja, weil man sich nicht kennt. Und ich würde sagen, Donezk ist genau so unterschiedlich zu Lemberg wie Krim zu Kiew oder Kiew zu Lemberg oder Odessa zu Kiew. Und so weiter. Es sind einfach diese regionalen Unterschiede, die in der Ukraine vielleicht stärker sind als in anderen Ländern.

Bürger: Spüren Sie, dass die EM in dieser Richtung etwas verändert?

Sniadanko: Ich weiß nicht, ob das so tief bewegend wird. Ich denke, Fußball ist schon sehr schön und das ist auch ein sehr emotionelles Ereignis, ein Gefühl vielleicht für das Selbstbewertung was tun. Aber ob das schon so prägend wird, dass das Land sich gleich verändert, das würde ich nicht vermuten, jetzt gleich.

Bürger: Wir sind hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit der ukrainischen Journalistin und Schriftstellerin Natalka Sniadanko aus Lemberg. In jeder der vier ukrainischen Städte, an denen die EM stattfindet, gibt es einen eigenen Fußballverein, allesamt finanziert von einzelnen Oligarchen. In Lemberg ist das zum Beispiel Petro Deminski, der sich eine Fußballmannschaft zur Aufwertung seines Images hält.

Im östlichen Donezk ist das Rinad Achmetow, der wohl reichste Mann der Ukraine und Strippenzieher bei dem berühmten Verein Schachtar. Was ist das für ein Verein, Frau Sniadanko? Ist das so was wie der FC Bayern der Ukraine?

Sniadanko: Ja, vielleicht könnte man das so grob vergleichen. Schade ist, dass andere Vereine nicht so gut finanziert werden und nicht so gute Spieler bekommen. Das war schon mal besser mit Fußball in der Ukraine als jetzt.

Bürger: Warum?

Sniadanko: Weil es besser dafür gesorgt wurde. Es ist nicht nur, dass man einen Verein gründet und sich Spieler einkauft. Das muss viel früher angefangen werden. In der Schule, wo die Kinder ihre Sportplätze bekommen sollen, also wir haben fast keine jetzt in den letzten Jahren, wo einfach im Dorf gespielt wird, weil es einfach keinen Platz dafür gibt. Es gibt keine Vereine in den Schulen und so weiter und so fort. Das ist nicht nur die Frage eines Oligarchen, der das irgendwie verändert, er macht das so mehr aus Spaß. Es ist die Frage der Politik des Staats, der nichts dafür tut, dafür die neuen Spieler aufwachsen.

Bürger: Aber machen die Oligarchen das tatsächlich nur aus Spaß? Nehmen wir das Beispiel Rinad Achmetow. Er hat den Verein Schachtar 1997 übernommen und durch sein Geld zu großem Erfolg geführt, und es wird behauptet, er sei es, der die EM in die Ukraine geholt habe. Also, da stecken ja schon andere Interessen dahinter als nur Spaß.

Sniadanko: Sicher. Aber ich meine, wenn das nicht auf dem Niveau der ganzen Staatspolitik getragen wird, dass Sport oder Kultur oder was anderes als Priorität des Staates wird, dann hilft das nicht weiter.

Bürger: Welche Beziehung gibt es denn zwischen dem Oligarchen Achmetow und der Politik, sprich dem Präsidenten Wiktor Janukowytsch?

Sniadanko: Achmetow hat die Wahlkampagne von Janukowytsch unterstützt. Deswegen hat er natürlich jetzt viel Einfluss. Und die ganze Politik in der Ukraine ist jetzt eine Clanpolitik, ein Clan gegen den anderen Clan. Und das sind nicht die Interessen von einem einzelnen Menschen, sondern von einer Gruppe von Menschen, und diese Interessen sind prägend für die gesamte Politik, nicht den Profit des Landes selbst.

Bürger: Wenn die ukrainische Nationalmannschaft gewinnt, dann sind im Grunde alle zufrieden, die Spieler ebenso wie die Bergarbeiter und die Oligarchen. Kann Präsident Janukowytsch auf diese Weise auch persönlich von der EM profitieren? Oder andersherum, könnte eine schlecht verlaufende EM seine Regierung möglicherweise frühzeitig scheitern lassen?

Sniadanko: Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Ich würde mich sehr freuen. Aber ich glaube, dass in diesem Moment kann Demir Janukowytsch nichts mehr für ein gutes Image helfen. Seine Stärke ist nicht in dem, dass er viel Erfolg hat bei seinen Wählern.

Das ist die Politik, die nicht dafür da ist, um die Wähler zufriedenzustellen, das ist die Politik für den eigenen Profit. Und man hat jetzt diese Macht, und das ist die einzige Frage, ob man bei der Macht bleibt, und nicht, was man damit tut. Und man wird die Wahlen fälschen, man wird jetzt alles tun, nur um diese Macht zu erhalten. Das ist die Diktatur. Das ist nicht die demokratische Regierung, die scheitern kann, wenn die Wähler nicht zufrieden sind. Die Wähler sind nicht zufrieden. Aber das hilft nicht.

Bürger: Die ukrainische Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin Natalka Sniadanko mit einem pessimistischen Blick auf ihr Land. Doch mit Optimismus schaut sie heute Abend das Spiel der Ukraine gegen England, um 20:45 Uhr in Donezk.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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