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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.04.2013

Fußball ist "durchaus dopingträchtige Sportart"

Doping-Forscher Simon sieht hohe Gefährdung bei Spitzenprofis

Perikles Simon im Gespräch mit Andreas Müller

Der Sportmediziner Perikles Simon von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Der Sportmediziner Perikles Simon von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

Die physischen Anforderungen beim modernen Spitzenfußball sind extrem, sagt Perikles Simon. Besonders im millionenschweren Profigeschäft seien die Spieler wegen des Erfolgsdrucks versucht, mit hochwirksamem, illegalem Doping nachzuhelfen, so der Sportmediziner.

Andreas Müller: Jan Ullrich, Bjarne Riis, Lance Armstrong, Floyd Landis, Alberto Contador – in den vergangenen 20 Jahren gab es kaum eine Tour de France mit einem Sieger, der danach nicht des Dopings überführt wurde. Der Radsport ist längst als Doping-verseuchte Sportart abgestempelt, viele Fans haben sich längst abgewandt und schauen lieber nur noch Fußball, den scheinbar sauberen Sport, bei dem Doping sowieso keinen Sinn hat, bei dem man also noch richtig mitfiebern kann wie jetzt in der heißen Phase der Champions League. Doch ob dabei alles tatsächlich so sauber zugeht, darf bezweifelt werden. Denn auch im Fußball gibt es ziemlich prominente Doping-Fälle und brisante Verdachtsmomente.

Im Studio in Mainz ist jetzt Professor Perikles Simon, Doping-Forscher an der Johannes Gutenberg-Universität. Schönen guten Tag!

Perikles Simon: Guten Tag!

Müller: Dortmunds Erfolgstrainer Jürgen Klopp hat mal in einem Interview gesagt, er sei überzeugt, dass im Fußball nicht gedopt wird. Der italienische Staatsanwalt Raffaele Guariniello, der Doping bei Juventus Turin aufdeckte, meinte hingegen, es sei einfacher, einen geständigen Mafiosi zu finden als einen geständigen Fußballer. Wer hat recht?

Simon: Ja, da können ja fast beide Recht behalten und man kann trotzdem noch sagen, der Fußball sei sauber. Aber ich denke, dass die Wahrheit da irgendwo schon in der Mitte liegt. Fußball ist eine inzwischen durchaus dopingträchtige Sportart. Wenn man uns mal vergegenwärtigt, dass die physische Anforderung extrem ist, also, die fachkundige Presse spricht schon davon, dass jetzt heute wieder Balletttänzer auf den Platz gehen, die gleichzeitig hervorragende Mittelstreckenläufer sind und eben auch noch sehr, sehr gut Fußball spielen können.

Und diese Punkte miteinander zu vereinen, ist schon eine Extremanforderung an ein Individuum. Und wenn da jetzt einer dieser Aspekte nicht so perfekt dasteht, aber dem internationalen Druck im Fußballgeschäft unterliegt, dann liegt eben die Gefahr doch nahe, dass man etwas nachhilft.

Müller: In welchem Maße, glauben Sie, wird im deutschen Fußball gedopt? Also von der Kreisklasse bis zur ersten Bundesliga?

Simon: Ich bin da jetzt mal optimistisch und sage, es wird vielleicht wirklich nicht so viel gedopt. Aber wir wissen es nicht. Es ist, ich glaube, ähnlich wie beim Radsport, dass man sehr viel mit Mutmaßungen arbeiten müsste. Es werden immerhin 20.000 Tests jährlich von der FIFA durchgeführt und nur 0,5 Prozent davon sind positiv. Man muss sich allerdings auch fragen, ob diese Tests, wie in dem Beitrag schon dargestellt, überhaupt so in der Form sinnvoll sind, wie sie durchgeführt werden. Ich glaube, dass es so eine Art U-Funktion gibt zu Doping im Sport. Wir haben Doping im absoluten Amateurbereich, weil die Leute das einfach mehr oder weniger ohne großes Unrechtsbewusstsein nehmen. Wir haben dann einen sauberen mittleren Leistungsbereich, einen relativ sauberen. Und dann haben wir die Spitze, wo der Druck einfach so groß ist, dass die Versuchung zu groß wird beziehungsweise die Spieler auch teilweise da unter Druck gesetzt werden zu dopen.

Müller: Ja, wenn man sich mal den Kader der Bayern zum Beispiel anschaut, wo es ja eigentlich keine Ersatzspieler gibt, wo der gesamte Kader so gut ist, dass, wie es Mehmet Scholl mal gesagt hat, die Trainingsspiele über Bundesliganiveau häufig stattfinden, da ist natürlich ein irrsinniger Druck. Interessant ist ja auch, dass die Bundesliga oder einige Mannschaften sich selber insofern dopen, dass die Spieler immer jünger werden, das ist ja auch interessant. Also, mit Ende 20 ist man da schon ein alter Mann! Aber an welchen Stellen kann man im Fußball überhaupt dopen, wo lohnt sich das?

Simon: Das ist zu allererst schon auch die Grundlagenausdauer, die natürlicherweise nicht bei jedem Ballsportler hervorragend ausgeprägt sein kann. Ich sage mal, gerade dieser Aspekt des Multitalents, dass die gleichzeitig sprinten können müssen, dass sie wendig sein müssen, dass sie ein Auge für den Ball haben, das limitiert einfach die Qualität bezüglich der Grundlagenausdauer. Und wenn Sie dann moderne Spielsysteme spielen wollen, in denen sich die Spieler parallel bewegen, in denen keiner dieser zehn Feldspieler wirklich konditionell hinter den anderen zurücksteht, denn das bedeutet ja eine Schwäche, wo der Gegner eingreifen kann, dann brauchen Sie ein so homogen hohes Ausdauerniveau, wie Sie es wirklich durch Training alleine nur ganz schwer erreichen.

Sie haben immer noch die Möglichkeit der Selektion, um das noch zu ergänzen im positiven Sinne. Also, wenn Sie sich natürlich Ihren Kader so zurechtkaufen, dass das passt, ist das rein theoretisch natürlich alles möglich.

Müller: Die Statistik zeigt, dass die meisten Tore in den letzten 15 Minuten fallen, weil da die Konzentration der Spieler einfach nachlässt, nach über einer Stunde Spieldauer. Ich habe gehört, da gibt es Mittel, die die Konzentration steigern.

Simon: Die gibt es, wobei das Neuro-Enhancement, das sogenannte, meiner Meinung nach gar nicht das Gefährlichste ist. Denn diese Substanzen können wir ganz gut über normale Urintests nachweisen. Es wird heutzutage kaum noch ein Spieler auf solche Substanzen zurückgreifen, meiner Meinung nach.

Müller: Wie hat sich das eigentlich geändert? Also, der legendäre Torwart Toni Schumacher, der beschrieb vor Jahren in seiner Biografie, dass zu seiner Zeit – das waren so die frühen 80er-Jahre – manche Spieler alles Mögliche in sich hineinpumpten. Er erwähnte da einen Bayern-Spieler, natürlich nicht namentlich, den man die wandelnde Apotheke nannte. Das ist offensichtlich kein neues Phänomen, aber hat sich etwas an der Qualität des Dopings geändert?

Simon: Also ganz ehrlich, also, ich glaube natürlich nicht, dass sich etwas an dieser Einstellung geändert hat, dass nach wie vor alle möglichen Mittelchen eingesetzt werden. An der Qualität des Dopings hat sich insofern sicher etwas geändert, als dass die Pharmaka, die jetzt auf dem Markt sind, einfach so hochpotent die Leistungsfähigkeit beeinflussen, dass man sagen muss, wer das nimmt, hat einfach einen Vorteil, der so überdimensional groß ist, dass es eben auch immer schwieriger werden dürfte, auf diesen zu verzichten, wenn nur ein kleiner Anteil der Spieler überhaupt auf die Idee käme, diese Substanzen zu benutzen.

Müller: Jermaine Jones hat mal erzählt, dass in seiner Frankfurter Zeit er sich permanent mit Schmerzmitteln vollgepumpt hätte, weil er einfach viel verletzt war und es nicht anders aushielt. Ist das schon Doping?

Simon: Der Definition nach nicht. Die Schmerzmittel stehen nicht auf der Dopingliste. Man muss einfach sagen, man kann sicherlich nur bedingt die Schmerzgrenze verschieben und dadurch einen Leistungsvorteil generieren. Im Fußball oder im Ballsport generell geht es darum, die Verletzungen, die Wehwehchen, die jeder so hat, auszugleichen dadurch, dass man den Schmerz dann nimmt. Das hat allerdings dann auch negative Konsequenzen. Das Risiko für den Sportler steigt, sich weiter und schwerer zu verletzen. Und die Substanzen hemmen gleichzeitig auch den normalen Heilungsprozess. Also, das ist so eine zweischneidige Geschichte. Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt unbedingt dafür wäre, diese Schmerzmittel auf die Dopingliste zu setzen.

Müller: Über Doping im Fußball spreche ich mit dem Mainzer Dopingforscher Perikles Simon. Wie ist denn überhaupt die Gesetzeslage? Sie haben eben gesagt, 20.000 Tests von der FIFA, ich weiß nicht, wie viele das dann in Deutschland sind, eine ganz geringe Menge an Tests. Wie wird denn ein Fußballer, sollte es denn einen geben, mit einem positiven Dopingtest dann belangt?

Simon: Das ist natürlich etwas, was man die FIFA oder auch den deutschen Verband mal genauer fragen müsste! Ein Kernproblem ist doch, dass diese Spieler sehr, sehr viel Geld verdienen. Jetzt muss man ja nur auf die Tour de France schielen und eins und eins zusammenzählen. Man weiß, dass bei Lance Armstrong offensichtlich eine positive Probe unter den Tisch fallengelassen wurde. Ich wundere mich manchmal darüber, wie gering die Sperren mancher Spieler ausfallen, die zum Beispiel auf Steroide positiv getestet werden. Das sind dann teilweise nur Sperren, die im Halbjahresbereich liegen, wo ich dann schon das Gefühl habe, man scheut sich hier zu härteren oder auch nur zu den üblichen Maßnahmen.

Müller: Wer scheut sich da, die Vereine, der DFB, die Politik, der Gesetzgeber?

Simon: Ja, letztendlich die Instanzen, die dann Verantwortung tragen würden, wenn so ein Spieler beispielsweise zu Unrecht gesperrt wird. Und da müssen Sie ja nur einen kleinen Formfehler begehen. Und jetzt müssen wir da kein Prophet sein. So ein Spieler, der Millionen im Jahr verdient, hat natürlich sehr gute Möglichkeiten, sich da rechtlich in alle Richtungen abzusichern und dann auch wirklich einer Dopingverfolgungsinstanz das Leben sehr schwer zu machen.

Müller: Also, eine Instanz, das ist von mir aus ein Labor, was da testet im Auftrag von, und plötzlich haben wir einen Streitwert von, ich weiß nicht, 100 Millionen Euro oder so, bei einem teuren Spieler oder bei einem sehr teuren Verein?

Simon: Ja, und das fängt mit den Verbänden an und das geht dann die Kette runter bis zum Labor. Also, da würde ich jetzt gar keine Instanz in diesem Prozessweg der Dopinganalytik ausschließen.

Müller: Wir haben das jetzt bei dem Fall von dem Dopingarzt Fuentes, der jetzt gerade – wir warten immer noch auf die Urteilsverkündung –, da hieß es ja auch, der hat mit Real Madrid und Barcelona gearbeitet und da ist alles im Sande verlaufen. Kein Wunder, wenn man sich mit Barca anlegt, hat man wahrscheinlich einen Streitwert von 500 Millionen oder so?

Simon: Ja. Gut denkbar!

Müller: Also, Geld steht dann überm Doping oder der Aufklärung des Doping?

Simon: Ja, man muss einfach sehen, welche Mittel im Antidopingbereich überhaupt zur Verfügung stehen. Das sind ja wirklich marginale Mittel, wenn Sie gucken, was die deutsche NADA zur Verfügung hat, es geht einfach um einstellige Millionenbeträge. Da ist so ein Klagewert, der im zweistelligen Millionenbereich liegt, der würde das komplette System lahmlegen.

Müller: Es gibt also Doping im Fußball, da ist man sich ziemlich sicher, man weiß nur nicht, wie viel und bei wem. Trotzdem werden wir versuchen, heute Abend das Spiel Dortmund gegen Madrid zu genießen. Über Doping im Fußball sprach ich mit Professor Perikles Simon, Dopingforscher an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch!

Simon: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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