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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.02.2006

Funkelnde Geschichten aus dem tristen Alltag

Richard Yates: "Elf Arten der Einsamkeit"

Rezensiert von Georg Schmid

Richard Yates blieb der großen Leserschaft zeitlebens unbekannt. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Richard Yates blieb der großen Leserschaft zeitlebens unbekannt. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

"Elf Arten der Einsamkeit" ist eine Shortstory-Sammlung des 1992 verstorbenen amerikanischen Autors Richard Yates. Die Geschichten sind mitten aus dem tristen Alltag der fünfziger und sechziger Jahre gegriffen und überforderten seinerzeit seine Leserschaft. Erst im Jahr 2000 wurde er in seiner Heimat wieder entdeckt. Die Kurzgeschichten sind jetzt auch bei uns erschienen.

Er galt zeit seines Lebens als "Writer's Writer", ein hochverehrter Schriftsteller im Kreise der Kollegen, einer breiten Leserschaft indessen so gut wie unbekannt. Erst im Jahr 2000 wurde Richard Yates, 1926 im Staat New York geboren, 1992 in Kali-fornien gestorben, in seiner Heimat wieder entdeckt und prompt in den Olymp der großen amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts erhoben.

Namhafte Autoren wie Kurt Vonnegut, Richard Ford und Raymond Carver beriefen sich auf ihn als künstlerisches Vorbild – geprägt vor allem durch "Revolutionary Road", Yates' ersten und wohl genialsten Roman, und die zahlreichen Erzählungen, die er über die Jahre verfasste. Ein Fitzgerald seiner Zeit, so wird er im Nachwort von "Zeiten des Aufruhrs" bezeichnet, seinem Debüt, mit dem man ihn 2002 erstmals auf Deutsch entdecken konnte und das jetzt vom Züricher Manesse Verlag in dessen "Bibliothek der Weltliteratur" aufgenommen wurde.

Seine größte Kunst aber zeigte Yates in der kleinen Form, der klassischen Shortstory, wie man jetzt anhand von "Elf Arten der Einsamkeit" feststellen kann, einer Sammlung von Kurzgeschichten, die Yates nach seinem seinerzeit kommerziell hoff-nungslos enttäuschenden Romandebüt veröffentlichte und die nun erstmals ins Deutsche übersetzt wurden. Funkelnde Geschichten, mitten aus dem tristen Alltag der fünfziger und sechziger Jahre gegriffen, verfasst von einem Autor, der in seinem eigenen Leben kaum einen Abgrund ausließ, aber daher umso besser weiß, wie man Untiefen auslotet und in Literatur umsetzt.

Und selbstverständlich überforderte er damit seinerzeit seine Leserschaft – einen so scharfen Spiegel des eigenen Daseins wollte man sich denn doch nicht vorhalten lassen. Heutzutage indessen sind seine Stories über ein geschmähtes Waisenkind, das sich endlich zu einer ebenso genialen wie dreisten Tat aufschwingt, über eine Braut, die sich zu früh für ihren Liebsten fein macht, das stumme Begehren eines Tuberkelpatienten auf Long Island, über all die Illusionen, Lügen und blockierten Träume seiner Protagonisten ein großes literarisches Dokument aus dem Amerika der Nachkriegszeit.


Richard Yates: Elf Arten der Einsamkeit
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube und Hans Wolf
Deutsche Verlags-Anstalt, 2006
288 Seiten, 19,90 Euro

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