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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.05.2012

"Für uns ist Europa Realität"

Autorin Julia Friedrichs über das Lebensgefühl der jungen Generation

Die Schriftstellerin Julia Friedrichs (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Die Schriftstellerin Julia Friedrichs (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Ulrich Beck und Daniel Cohn-Bendit fordern in einem Manifest ein "Europa von unten" und ein freiwilliges europäisches Jahr. Die Schriftstellerin Julia Friedrichs kontert: Junge Menschen brauchen keinen weiteren Austausch - denn für sie ist Europa längst Realität.

Ute Welty: Ein Europa von unten fordern sie also, die Initiatoren und Unterzeichner des Manifestes: Dazu gehören Altkanzler Helmut Schmidt, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Regisseur Wim Wenders und Philosoph Jürgen Habermas. Es sind also vor allem Männer mit Erfahrung, die vor einem Ende der Europäischen Union warnen. Welchen Eindruck macht das auf eine Frau Anfang 30 – was denkt die Publizistin und Autorin Julia Friedrichs, Jahrgang 1979? Das kann ich sie jetzt selber fragen. Guten Morgen, Frau Friedrichs!

Julia Friedrichs: Guten Morgen!

Welty: Haben Sie den Eindruck, Europa ist am Ende?

Friedrichs: Also ich glaube, dass es Sinn macht, Europa mit einer neuen Utopie zu füllen, das auf jeden Fall. Also mich stört auch, dass Europa mit Schuldenkrise verbunden wird, dass über Europa immer im Zusammenhang mit Krise gesprochen wird, weil für mich ist Europa natürlich eine tolle Idee und ich bin mit Europa aufgewachsen. Ich habe eine Zeit in Brüssel studiert, ich war als Schülerin ein halbes Jahr in Frankreich, das heißt, für mich ist wie für ganz viele Jüngere Europa natürlich Realität, die ich niemals aufgeben wollen würde.

Welty: Das heißt aber doch im Umkehrschluss, dass Sie die Idee eines Freiwilligen Europäischen Jahres schon längst realisiert haben?

Friedrichs: Ja, natürlich, und ich glaube, dass das ganz, ganz viele tun, und das finde ich ein bisschen befremdlich an diesem Manifest – das ist ja ein Riesen-Wort. Also wie gesagt, ich habe für mein Buch zum Thema Ideale sehr viel über Ideale und Utopien recherchiert und ich glaube, dass Menschen das brauchen, und ich glaube auch, dass Europa das braucht. Aber ich weiß eben nicht, ob diese Idee – das ist so eine kleine Idee für so ein großes Wort, Manifest –, ob das ausreichend ist.

Es gibt so viele Programme: Wer möchte, der kann in Europa schon leben, studieren und auch arbeiten, das heißt, das ist schon möglich. Und ich habe eher die Sorge: Ich habe bei meinen Recherchen vor allem mit Jüngeren festgestellt, dass die unter dem Druck und unter den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, sehr zu knabbern haben. Wenn jetzt gesagt wird, ihr müsst auch noch die europäische Idee tragen, indem ihr ein Jahr irgendwo hingehen sollt, habe ich eher das Gefühl, dass das zu viel wird.

Welty: Mit Idealen kann man Sie also locken, aber die Umsetzung finden Sie jetzt nicht ideal. Kann man es so zusammenfassen?

Friedrichs: So kann man es zusammenfassen. Also was ich mir wünschen würde, wenn man sagt, eine Utopie von einem neuen Europa, ist, dass man jungen Menschen in Europa sagt – weil ja vor allem im Moment die Jungen in Europa quasi leiden in den südlichen Ländern –, dass man sagt: Europa ist der Platz, wo ihr leben könnt, wo ihr arbeiten könnt, wo ihr eure Familien großziehen könnt, und zwar ohne Druck. Dafür bräuchte man aber was anderes als ein gemeinsames europäisches Jahr, dazu bräuchte man so was wie gemeinsame europäische Löhne, gemeinsame europäische Steuern, das heißt wirklich das Gefühl, dass da ein geschützter Raum ist, wo Menschen arbeiten können und wo eben sich nicht Wirtschaftssysteme gegenseitig unter Druck setzen.

Welty: Ließe sich ein solches europäisches Jahr, wie Daniel Cohn-Bendit es formuliert, überhaupt in Ihren Beruf und in Ihre Familie integrieren?

Friedrichs: Ja, natürlich. Also ich finde das auch nicht abwegig, das zu tun, wie gesagt, ich finde das per se keine schlechte Idee. Ich weiß nur nicht, wie sich das von den ganzen Sachen unterscheidet, die es ohnehin schon gibt. Das heißt, ich habe ja das Recht, in Europa zu leben und zu arbeiten, und als Studentin habe ich es auch getan. Ich wohne hier in Berlin in einer Wohngemeinschaft, auch hier leben Europäer, die hier in Berlin arbeiten, weil sie zum Beispiel in ihren Ländern keine Jobs mehr gefunden haben, Spanier kommen ja viel hierher.

Das heißt, ich glaube, das ist schon da, dass gerade junge Menschen auch in verschiedenen Ländern leben. Was nicht da ist, ist, dass sie das Gefühl haben, dass ihnen dieses Europa Schutz gibt, dass ihnen dieses Europa einen Raum gibt, wo sie in Frieden leben können und wo sie ohne diesen immensen wirtschaftlichen Druck leben können. Und das wäre toll, wenn das quasi ein neues europäisches Manifest wäre, dass man sagen würde: Wir Europäer, wir garantieren unseren Mitbürgern in unseren Ländern bestimmte Lebensbedingungen. Und da sehe ich eher, dass das quasi genau in die gegenteilige Richtung läuft.

Welty: Woran liegt das, dass die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit so groß ist, aber auch umgekehrt: Die Wirklichkeit bietet ja unendlich viele Möglichkeiten, Sie haben das eben beschrieben, und trotzdem hat Europa auch und vor allen Dingen ein Imageproblem.

Friedrichs: Ja, Europa hat halt das Problem, dass es eben das Europa der Alten oder der Mächtigen in Brüssel ist, aber ich glaube, dass in Wahrheit natürlich es doch ein anderes Europa gibt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass gerade die Jungen von diesem Europa lassen wollen würden. Also auch wenn man hört, wer will wieder zurück zur D-Mark, wer will raus aus dem Euro – auch das sind hauptsächlich alte Männer, die da die Diskussion prägen.

Also wie gesagt, für uns ist Europa Realität, und deshalb brauche ich keinen Austausch, keinen zusätzlichen. Das kann man auch machen, also wie gesagt, ich habe nichts gegen diese Idee. Ich finde sie nur für ein Manifest ein bisschen zu klein und möchte eben nicht, dass noch zusätzliche Ansprüche gerade an Junge gestellt werden und gesagt wird, ihr müsst das jetzt auch noch machen, um Europa zu retten, weil: Wir sollen auch arbeiten, wir sollen schon Kinder bekommen, um die Demografie auszugleichen, und wenn wir jetzt noch pendeln sollen, um diese Idee zu retten, dann ist das halt ein bisschen viel. Also ich glaube wirklich, mit einer sozialen und politischen Union - darauf sollte man seine Energie konzentrieren.

Welty: Die Autorin Julia Friedrichs in Deutschlandradio Kultur. Ich danke sehr fürs Gespräch!

Friedrichs: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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