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Für einen Umbau der Landwirtschaft

Bäuerlicher Interessenverband fordert neue Kritierien für die Vergabe von Agrarsubventionen

Maria Heubuch im Gespräch mit Susanne Burg

Agrarkritiker fordern, auch kleinere Betriebe angemessen zu fördern.
Agrarkritiker fordern, auch kleinere Betriebe angemessen zu fördern. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

58 Milliarden Euro pumpt die EU jedes Jahr in die Landwirtschaft. Als Maßstab dient die Größe der Betriebe. Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft dagegen fordert, auch landwirtschaftliche Vielfalt, Arbeitsplätze und Klimaleistungen zu bewerten - so Verbandschefin Maria Heubuch.

Susanne Burg: Derzeit wird in Brüssel über die zukünftige Agrarpolitik diskutiert, aber eine Politik ohne Subvention scheint dort undenkbar. Das Undenkbare umgesetzt hat 1984 Neuseeland: Für die Farmer begann 84 die Stunde Null am Ende der Welt. Über Nacht drehte die neu gewählte Labor-Regierung dem Agrarsektor den Geldhahn zu, Subventionen, Zuschüsse und Exportstützen für die Landwirtschaft wurden gestrichen. Die Streichliste machte damals 40 Prozent des ursprünglichen Einkommens der Farmer aus.

In einem Studio in Bayern, in Kempten, begrüße ich jetzt Maria Heubuch, sie ist Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft, und selbst Milchbäuerin im Allgäu mit einem kleinen Betrieb. Guten Tag, Frau Heubuch!

Maria Heubuch: Recht schönen guten Tag!

Burg: Ja, Ihr Betrieb hat nur wenig Fläche, Sie leben daher nicht in erster Linie von den Agrarsubventionen der EU. Könnten Sie denn auch ganz ohne Subventionen überleben?

Heubach: Ja, bis 2005 haben wir das gemacht, da gab es für uns, da wir ein reiner Grünlandbetrieb sind, nämlich gar nichts. Wenn wir das jetzt im Moment sofort abschaffen würden, wäre das für uns noch kein Bruch auf dem Betrieb, wir würden das überstehen. Viel ausschlaggebender für uns wäre die Entwicklung der Märkte. Wenn alle Bauern, die dann dieses zusätzliche Einkommen nicht mehr haben, plötzlich sehr viel mehr produzieren, in unserem Fall Milch, und die Märkte überschwemmt werden und der Preis sinkt, dann wird es natürlich auch für uns sehr, sehr schwierig. Wenn aber gleichzeitig zur Abschaffung der Subventionen die EU die Märkte regeln würde und der Preis stabil bleibt oder endlich nach oben ginge, dann kann man die Subventionen sofort abschaffen, dann brauche ich sie überhaupt nicht mehr.

Burg: Also noch mal langsam: Ein Bauer im Beitrag hat ja eben ganz klar gesagt, der freie Markt soll diktieren, was wir anbauen. Noch mal die Frage an Sie: Sollten Subventionen denn ganz abgeschafft werden?

Heubach: Ich glaube, den freien Markt so zu praktizieren, wie es Neuseeland praktiziert, ist in Europa überhaupt nicht möglich. Neuseeland exportiert 80 Prozent all seiner Agrargüter, 90 Prozent sogar. Die können natürlich das ganze Jahr über produzieren. Sie haben in der Reportage gehört, die Tiere bleiben einfach das ganze Jahr draußen. Wir sitzen hier im Allgäu, ich kann meine Tiere im Winter schon raussperren, aber zu Fressen finden sie nichts. Also, ich muss Futterbergung betreiben, ich brauche Ställe. Unsere Äcker sind im Winter brach, weil es zu kalt ist, dass etwas wächst. Das sind Probleme, die hat Neuseeland nicht. Die Kostenfrage in Neuseeland ist eine völlig andere wie hier in Europa. Das ist das eine. Und das andere ist: Wenn wir nur das produzieren, was im Moment am Markt am besten bezahlt wird, und es geht nicht darum, was alles notwendig wäre und gebraucht wird, sondern was wird im Moment am besten bezahlt, dann kommen wir weg von einer unglaublichen Vielfalt, in eine noch stärkere Industrialisierung. Und ich weiß nicht, ob unsere Gesellschaft das so will, ich kann es mir nicht vorstellen.

Burg: Was ich aber auch an Neuseeland ganz interessant fand, war, dass man hier durch wirtschaftlichen Druck auch Innovation vorangetrieben hat. Zum Beispiel automatische Kuhregistrierungssysteme. Insofern könnte man ja fragen: Behindern Subventionen auch Innovationen?

Heubach: Ich glaube, in diesem Felde stehen wir hier in Europa Neuseeland nicht sehr viel nach. Also, wenn ich an die Melktechnik denke, an Tiererfassung und so weiter, ich glaube, das ist nicht unser Problem. Die Subventionen haben den großen Nachteil, so wie sie bei uns jetzt laufen, dass wir immer stärker in eine Industrialisierung der Betriebe reinkommen. Das ist doch ganz klar: Je billiger ich auf dem Hof produziere, je mehr bleibt mir auch von den Subventionen übrig. Zumal die Vorläufer der jetzigen Subventionen immer bestimmte Produkte subventioniert haben. Insofern: Ja, so wie die Subventionen jetzt laufen, hemmen sie auch eine Vielfalt und sie hemmen auch Innovation und sie haben unglaublich viel Arbeitsplätze hier in Europa abgebaut. Von daher: Subventionen, ja, aber Subventionen für einen Umbau in der Landwirtschaft!

Burg: Sie sagten eben, die Subvention behindere eine bestimmte Vielfalt. Wie ist denn da die Vergabepolitik? Weil man ja auch sagen könnte: Subventionen können gerade die Vielfalt auch fördern!

Heubach: Wenn ich die Subventionen gezielt einsetze, wie jetzt Ciolos, also unser Agrarkommissar, das angedacht hat, indem er sagt, wir brauchen Fruchtwechsel, also, es darf nicht jedes Jahr dieselbe Frucht auf dem Acker stehen und es darf nicht auf jedem Hof nur eine Frucht stehen, dann können wir mit Subventionen lenken. Wenn wir aber nur pauschal mit der Gießkanne, so wie es jetzt gemacht wird, pro Hektar im Schnitt etwa 300 Euro bezahlen bei uns in Deutschland, dann mache ich genau das, was auch der neuseeländische Bauer macht: Ich produziere das, was am einfachsten, am billigsten geht und was ich am leichtesten am Markt absetzen kann. Also, insofern verhindert es schon eine Innovation und eine Vielfalt, weil ich nicht nach einem anderen Markt schauen muss, wenn der eine hier jetzt überlaufen ist, weil, es kommen ja noch die Subventionen.

Burg: Ja, die ja unglaublich viel ausmachen, 58 Milliarden Euro, hatte ich schon gesagt, fließen jedes Jahr in die europäische Agrarwirtschaft. Wie können Ihrer Meinung nach die Subventionen gerechter verteilt werden? EU-Kommissar, den Sie schon erwähnt hatten, Ciolos, hat im letzten Jahr zum Beispiel vorgeschlagen, Obergrenzen für Direktzahlungen einzuführen. Was halten Sie davon?

Heubach: Ganz gut. Wir haben gerade in den großen Betrieben, wenn sie gut durchrationalisiert sind, sehr viel Geld auf die Betriebe geschaufelt, die brauchen das gar nicht. Überlegen Sie sich mal, circa ein 2000-Hektar-Betrieb ist bei uns im Osten, in den Ostländern keine Seltenheit, wenn der gut durchrationalisiert ist, nur Ackerbau macht, Mähdrusch, also Getreide anbaut, dann hat er pro Hektar etwa 300 Euro ungefähr, das sind 600.000 Euro, und er kann das mit fünf Personen machen. Wenn ich das runterrechne auf die Arbeitskraft, sind das 120.000 Euro pro Arbeitskraft, das bekommt kein Arbeiter auf diesem Betrieb. Ihm kann es egal sein, was der Markt macht, aber der kleinere Betrieb, der muss genau auf diesem Markt konkurrieren, wo er, also dieser große, dann sein Getreide hindumpt. Und von daher muss hier eine Obergrenze rein. Und es muss unbedingt auch die Arbeitskraft berücksichtigt werden. Als, wenn der nur fünf Arbeitskräfte hat, dann kann er nicht so viel Geld kriegen! Dann gibt es keine öffentliche Leistung! 2000 Hektar Getreide sind keine öffentliche Leistung und fünf Arbeitsplätze dazu sind keine soziale Leistung, das kann überhaupt nicht sein! Also, wir brauchen mehrere Parameter zur Berechnung der Subventionen.

Burg: Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft unterstützt die Kampagne "Bauernhöfe statt Agrarindustrie", Ende August ist eine Sternfahrt nach Brüssel geplant. Dort wollen Sie eine andere Agrarpolitik fordern. Wir haben ja jetzt schon ein paar Punkte angesprochen, aber so die große Linie, was muss sich denn in der Agrarpolitik Ihrer Meinung nach dringend ändern?

Heubach: Also, ganz dringend muss sich ändern, dass wir die Gelder nicht mehr mit der Gießkanne verteilen, sondern andere Parameter ansetzen. Ich habe es gerade schon gesagt: Obergrenzen ganz wichtig, die Form muss schon abgestaffelt werden, wir müssen die Arbeitskräfte, die Menschen, die auf den Höfen arbeiten, mit berücksichtigen und wir müssen die öffentlichen Leistungen, also in der Landwirtschaft, sprich die Umweltleistungen, Klimaleistungen auch mit berücksichtigen. Und das müssen die Parameter sein für Subventionen, damit wir zu einem Umbau kommen in der Landwirtschaft, damit wir die Betriebe so organisieren, wie es die Gesellschaft eigentlich von uns erwartet.

Wir müssen das Klima schützen und es nicht schädigen, Landwirtschaft kann das. Das ist der einzige Wirtschaftszweig, der genau das kann. Wir können mit Pflanzenbau Klimagase binden, wir können mit Humusaufbau CO2 wieder in die Erde verbuddeln sozusagen aus der Luft. Das muss der Weg sein. Und dabei dürfen wir die Menschen nicht vergessen, also sprich die Arbeitsplätze. Denn je vielfältiger wir sind, je mehr Menschen arbeiten dort. Und darum muss das ein Parameter sein, ganz wichtig.

Burg: Agrarsubventionen, Bremse oder Beschleuniger für die Umsätze der Agrarwirtschaft? Das war das Thema im Gespräch mit Maria Heubuch von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Herzlichen Dank, Frau Heubuch!

Heubach: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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