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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.10.2013

Fünf Stunden Mord, Verrat und Rache

Roger Vontobel inszeniert Friedrich Hebbels "Nibelungen"

Von Ulrike Gondorf

Blick auf das Bochumer Schauspielhaus (Birgit Hupfeld Fotodesign)
Blick auf das Bochumer Schauspielhaus (Birgit Hupfeld Fotodesign)

Das Stück beginnt mit dem Untergang. Regisseur Roger Vontobel hat die Szenenfolge in Friedrich Hebbels "Nibelungen" umgekehrt. Die eigentliche Geschichte wird in einer Rückblende erzählt. Das Ensemble am Schauspielhaus Bochum überzeugt, die Textlastigkeit der Inszenierung ermüdet dennoch.

Den Zuschauerraum muss man zweimal betreten bei der Bochumer Aufführung der "Nibelungen": Erst durch die Tür und dann nach einigen Metern durch eine zweite Wand aus schwarzen Plastiklamellen, die den Saal auf beiden Seiten zu einem langen Rechteck verengen. Das wird sich dann übergangslos auf der Bühne fortsetzen – es entsteht ein Raum für Zuschauer und Akteure, in dem niemand dem finalen Untergang entkommen wird. Über die Parkettreihen ist von der Bühne herab ein Steg verlegt, auf dem ebenfalls Szenen mitten unter dem Publikum stattfinden.

Regisseur Roger Vontobel zielt darauf, einem die Geschichte von Mord, Verrat und einer Rache, die jedes Vorstellungsvermögen übersteigt, so nahe wie möglich zu bringen. Und doch gelingt das nur phasenweise in der über fünfstündigen Aufführung. Der Abend ist hoch konzentriert, das Ensemble geht intelligent und rhetorisch eindrucksvoll mit Hebbels komplexen Versen um; im schwarzen Raum sieht man eine sehr klassische Klassikeraufführung – im besten, nicht im verstaubten Sinne des Wortes.

Aus den Worten entstehen keine Bilder

Die Besetzung hat Vontobel reduziert, die Szenenfolge umgestellt. Es beginnt mit dem Anlauf in den Untergang - die eigentliche Geschichte um Siegfried und den Burgundenkönig Gunter, ihren schmutzigen Deal, in dem sie sich die beiden Frauen Brunhild und Kriemhild gegenseitig zuschanzen, die Ermordung Siegfrieds durch Hagen, als der Machterhalt der Burgundersippe auf dem Spiel steht – das alles wird in der Art einer Rückblende in den Amoklauf Kriemhilds hinein montiert. Das funktioniert gut, trägt zur Geschlossenheit des Abends bei. Und das Ensemble ist energiegeladen und überzeugend: Jana Schulz als wahnhafte Rächerin Kriemhild und Werner Wölbern als eiskalter Machttaktiker Hagen wachsen zu fatalem Format.

Dennoch lässt einen dieser Theaterabend eigenartig kalt. Das liegt zum einen daran, dass der Regisseur aus den Worten keine Bilder entstehen lässt. Bis hin zu dem beinah schon provokativ konsequenten Kunstgriff, den finalen Showdown an Etzels Hof zum größten Teil hinter dem geschlossenen Eisernen Vorhang stattfinden zu lassen. Und über fünf Stunden ist diese Textlastigkeit dann doch ermüdend.

Problematische Rezeptionshistorie ausgeblendet

Zum anderen ist Vontobels Sicht auf den ungeheuren Stoff seltsam objektivierend, sozusagen unparteiisch. Er breitet das ganze Material aus, all die Themen und Facetten, die Hebbel in dem Mythos entdeckt, reflektiert – und mit einer Sprachkraft vermittelt, die einen wieder einnimmt für das im nationalistischen 19. und erst recht im faschistischen 20. Jahrhundert grausam kompromittierte Stück. Diese problematische Rezeptionsgeschichte der "Nibelungen" bleibt aber ganz ausgeblendet.

Dafür wird immer wieder aus dem originalen Nibelungenlied ausführlich - und mittelhochdeutsch - zitiert. Vor allem aber: jeder und jede hat irgendwie recht und irgendwie furchtbar unrecht in Roger Vontobels Sicht auf den Weltuntergang. Man kann sie alle verstehen – oder keinen. Und so bleiben sie einem auch alle fern. Daraus wird eine Aufführung, an der alles richtig ist – und doch etwas fehlt. Sie zwingt einen nicht unausweichlich in die Konfrontation mit dem Wahnsinn der Selbstzerstörung. Durch die schwarzen Lamellen bleiben viele Schlupflöcher.


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