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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 04.02.2009

"Frost/Nixon"

Hans-Ulrich Pönack über einen verbalen Boxkampf

Als der 37. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika 1974 über die Watergate-Affäre stolperte und zurücktrat, zeigte er sich lange Jahre uneinsichtig. Fernsehmoderator David Frost will mit diesem gefallenen Präsidenten Richard Nixon ein TV-Interview machen, das er schließlich aus eigener Tasche finanziert. "Frost/Nixon" von Regisseur Ron Howard zeigt mit überragenden Darstellern ein legendäres Rededuell, das um die Themen Macht, Medien und Moral kreist.

Regie: Ron Howard. USA/GB/Fr 2008; Hauptdarsteller: Hauptdarsteller: Frank Langella, Michael Sheen, Kevin Bacon, Rebecca Hall, Matthew MacFadyen. 122 Minuten. FSK: 6

Am 9. August 1974 trat der 37. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika von seinem Amt zurück, das er seit 1969 ausübte: Richard Nixon stolperte über die Watergate-Affäre. Drei Jahre lang war von Richard Nixon nichts mehr aus seinem kalifornischen Sonnen-Exil zu hören. Nixon war sehr unbeliebt im ganzen Land. Er galt als übler Schurke, weil er weder Einsicht für sein kriminelles Tun zeigte noch eine Entschuldigung an das amerikanische Volk zu richten bereit war. Nixon war uneinsichtig, glaubte sich damals immer noch zu Unrecht verfolgt, gar das Opfer einer Verschwörung seiner höchst zahlreichen politischen Feinde geworden zu sein.

David Frost, Jahrgang ´39 und Sohn eines Methodisten-Pfarrers, hatte in Cambridge Literatur studiert. Er besaß einen unterschriftsreifen Profivertrag vom englischen Fußballclub Nottingham Forest bevor er dann beim Fernsehen Karriere machte. Als Moderator im polit-satirischen BBC-Programm (1962/63), mit weiteren Satire-Sendungen wie "Frost Report" (1966/67), in den USA mit Interview-Sendungen ("Frost on America"). Ab 1969 war David Frost populärer Gastgeber in Promi-Talkshows ("The David Frost Show"), mit Gästen wie Richard Burton, The Rolling Stones und den Bee Gees, arbeitete sowohl in den USA wie auch in Australien.

1977 war der stete Aufstieg des David Frost jedoch ins Stocken geraten. Als er auf die Idee verfiel, ausgerechnet mit Richard Nixon ein vielstündiges TV-Interview für ein Millionenpublikum zu produzieren, war allgemeine Skepsis angesagt, zumal Nixon nicht gerade als Plauderer bekannt war. Doch Frost blieb hartnäckig. Und schaffte den Deal: 2,5 Mio Dollar Gesamtkosten waren zum Großteil von ihm selbst aufzubringen, da Sponsoren absprangen und TV-Stationen abwinkten. Nixon erhielt eine dreizehnseitigen, größtenteils von ihm selbst bestimmten "Arbeitsvertrag", ein 600.000 Dollar-Honorar. Auch eine 20-prozentige Gewinnbeteiligung an allen Einnahmen wurde ihm für 12 Sitzungen, zugesagt, die in einem Haus im kalifornischen Monarch Bay stattfanden.

Nixon glaubte mit diesem "journalistischem Leichtgewicht" einfaches Spiel zu haben und erhoffte sich danach eine bessere Reputation in der amerikanischen Öffentlichkeit. Und so gingen er und sein Team guten Mutes "in diese Schlacht", die sich zu einem legendären Rededuell entwickeln sollte. Aus fast 29 Stunden Bildmaterial wurden dann 4 mal 90 TV-Minuten hergestellt. Obwohl zunächst kein Sender an der Übertragung Interesse zeigte, erbrachten die Interviews - mit über 45 Millionen Zusehern - schließlich die höchsten Einschaltquoten einer "Nur"-Informationssendung in der Geschichte des amerikanischen Fernsehens.

Reden als Kampf, als verbaler Box-Kampf. Als Western im Sinne von "Sheriff gegen Outlaw". Als ungemein spannender Thriller. Der Film ist Suspense-Kino in dramatischer Dauerstimmung, in einem ganz und gar außergewöhnlichem Format, von geradezu fesselndem, berstendem Unterhaltungsfeuer. Dabei ist es eine kammerspielartige Szenerie, die einfach überragend unterhält: Mit Worten, die permanent zuschlagen, verletzen, erniedrigen, attackieren, bloßstellen, faszinieren, erklären, ausweichen, lügen, heucheln, taktieren, (Plus-)"Punkte" machen wollen, unter die Haut und in den Kopf kriechen, ständig aufregen - bis Einer geschlagen ist. Endgültig. Knock Out. Verbal am Boden liegt und argumentativ nicht mehr aufzustehen vermag. Drei Runden lang sieht Nixon wie der sichere Sieger aus. Ein Sprachprofi, wenn es darum geht, zu verzögern, hinzuhalten, lächelnd auszuweichen, listig zu taktieren, den Kontrahenten in den gedanklichen Hinterhalt zu locken, um dann auszuteilen.

"Der Showman" David Frost scheint dem nicht gewachsen zu sein, hat ganz schön einstecken und viel Lehrgeld zahlen müssen, doch dann geht es in die alles entscheidende 4. Talk-Runde.

Was für ein sensationelles Hör-Movie! Was für eine faszinierende Idee, ein Duell der Worte zu entwickeln, an dem auch unpolitische Interessenten ihren großen Spaß haben, weil es auch um aktuell-tägliche, explosive Spannungsthemen geht: Macht, Medien, Moral. Dabei wird hier keiner niedergemacht, vorverurteilt, an den unmoralisch-moralischen Pranger gestellt, ganz im Gegenteil: Die Fakten, die Argumente, die historischen Figuren sprechen allein für sich: Einfühlsam, nachvollziehbar, kraftvoll. Dicht, packend in jedem Moment der Vorbereitungen wie dann des Kampfes.

Das kann natürlich alles nur deshalb so prächrtig funktionieren, weil zwei ganz großartige Darsteller ihre große Bühne haben und leben. Sie waren auch schon die erste Besetzung im Bühnenstück und treten hier nochmal grandios ins Scheinwerferlicht: Michael Sheen (39), ebenso wie Richard Burton und Anthony Hopkins aus der walisischen Industriestadt Port Talbot stammend und neulich schon als Tony Blair in "The Queen" amüsierend, spielt David Frost. Mit überzeugender Körperlichkeit und fiebrig-sensiblem Journalisten-Feuer. Sein Partner zählt zu den renommiertesten und vielfach ausgezeichneten Bühnen-Schauspielern Amerikas: Frank Langella (68), den wir auch aus vielen (guten) filmischen Nebenparts her kennen, etwa aus "Dave", als Gegenspieler von Kevin Kline; oder als Rundfunk-Boß im George-Clooney-Drama "Good Night, and Good Luck". Wie er hier in diese Rolle/diese historische Figur/ diesen mit allen Wassern gewaschenen Polit-Profi "Tricky Dick" Nixon reinschlüpft beziehungsweise mimt ist genial-nah, atemberaubend-gefährlich, dabei jederzeit menschlich-faszinierend.

Diesen verhaßten Nixon nicht als plumpen Schurken, sondern als spannenden Bösewicht in gespaltener Menschengestalt überzeugend-glaubwürdig vorzuführen, zählt zu den überragenden Darsteller-Leistungen der letzten Jahre. Sowohl in der Bewegung wie auch und vor allem im Ton. Natürlich müssen in diesem Zusammenhang dann auch ihre vorzüglichen beiden deutschen Synchronstimmen lobend hervorgehoben werden, denn sie leisten beste sprachliche Schwerstarbeit, passen sich stimmlich dem hohen Niveau voll an: Otto Mellies ("Nixon" Frank Langella) und Markus Off ("Frost" Michael Sheen).

Übrigens, unbedingt auch zu erwähnen: Drumherum agieren weitere darstellerischen Spitzen-Nebenkräfte wie Kevin Bacon, Oliver Platt und Sam Rockwell. "Frost / Nixon" zählt in dieser sich gerade qualitätsmäßig positiv überschlagenden Kino-Saison zu den definitiven Spitzenfilmen. Große Muss-Unterhaltung!

Die vollständige Interview-Version ist im übrigen 2008 auf DVD veröffentlicht worden und wird in diesen Tagen nochmal herauskommen.

Filmhomepage "Frost/Nixon"

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