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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.12.2008

Frohes Fest!

Welche Bedeutung hat Weihnachten noch?

Von Uwe Bork

Immer häufiger ist das Weihnachtsfest ein Event (AP)
Immer häufiger ist das Weihnachtsfest ein Event (AP)

Das Weihnachtsfest ist ein Event, ob man es nun wahrhaben will oder nicht. Aber: Haben die Kirchen als eigentliche Eigentümer des Warenzeichens "Weihnachten" davon überhaupt etwas?

So schafft man Marken. "Brands", um es in der Sprache der Kommerz-Kreativen zu sagen. Aber eigens einen veritablen Stern über dem zentralen Ort des Geschehens aufgehen zu lassen – das schafft man wohl auch nur, wenn man tatsächlich allmächtig ist und sich nicht nur so fühlt.

Überhaupt die Story: Der kommende König des Kosmos, der Herr des Himmels und der Erde, beginnt sein irdisches Leben in einer armseligen Futterkrippe in einem Unterstand für das Vieh, irgendwo in einem der hinteren Winkel des römischen Imperiums. Zu seiner Geburt jubilieren Engel, und drei orientalische Potentaten überbringen prestigeträchtig Präsente.

Zugegeben, das ist vielleicht nicht ganz der Stoff, um der Schelte erboster literarischer Großkritiker zu entrinnen, andererseits besitzt die Inszenierung aber genügend Volksnähe für einen Longseller, der inzwischen denn auch seit über zweitausend Jahren nichts an Attraktivität verloren hat.

Weihnachten ist ein Event, ob man es nun wahrhaben will oder nicht. Nicht einmal, wer in seinen Wünschen auf ein modisches "Merry X-Mas!" ausweicht, kommt damit am Gehalt des Festes vorbei: Schon in den frühesten Fassungen des Neuen Testaments steht nämlich der griechische Buchstabe "Chi" – respektive das Lateinische "X" – für Christus, den Namensgeber des Christfestes. Nichts ist es also wieder einmal damit, Weihnachten womöglich zu einem Multi-Kulti-Fest der Liebe und des Schenkens umzumodeln: Ganz so leicht lässt sich sein christlicher Gehalt nicht abschütteln!

Aber: Haben die Kirchen als eigentliche Eigentümer des Warenzeichens "Weihnachten" davon überhaupt etwas? Sicher, die Kirchenbänke werden auch in diesem Jahr wieder gut gefüllt sein. Der Papst wird in Rom die Stadt und den Erdkreis segnen, und Bischöfe sowie sonstige Kirchenobere aller Konfessionen werden von den Kanzeln ihre üblichen Weihnachtsbotschaften verlesen: für den Weltfrieden, die Solidarität von Arm und Reich, den sorgsamen Umgang mit der Natur, und was sonst an irdischen Zielen halt ebenso wichtig ist wie es unerreichbar scheint. Nicht nur Spötter stellen in diesen Zeiten fest, dass die Kirchen zwar offensichtlich auf alles die Antwort haben, nur dass ihnen anscheinend immer weniger Gläubige überhaupt eine Frage danach stellen.

Ist damit aber nicht ausgerechnet Weihnachten, das Fest kirchlicher Hochkonjunktur, gleichzeitig auch das Fest, das den Kirchen ihren Bedeutungsverlust geradezu schlagend vor Augen führt? Einmal im Jahr erfüllen sie das legitime menschliche Bedürfnis nach Wellness für die Seele, einmal im Jahr liefern sie auch den sonst Kirchenfernen religiöse Folklore vom Feinsten, aber sonst?

Es stünde schlecht um Katholiken wie Protestanten, wenn sie diese Malaise nicht erkannt hätten. Wollen sie gesellschaftlich den Platz behalten, den sie als Kulturvermittler und Kulturschöpfer in den westlichen Demokratien legitimerweise beanspruchen können, muss es ihnen allerdings auch möglichst schnell gelingen, für diese Gesellschaften wieder mehr als nur das zwar schmückende, aber leider auch nutzlose Dekor zu liefern, das wir uns an ein paar Festtagen im Jahr gönnen.

Für die katholische wie die evangelische Kirche liegt die Problematik dabei sehr ähnlich, wenn auch auf protestantischer Seite der Leidensdruck spürbarer zu sein scheint. Dies belegt unter anderem ein sogenanntes "Perspektivpapier", das in den Gemeinden durchaus kontrovers diskutiert wird. Kein Wunder, geißelt es doch rund um die Kirchtürme eine "zu oft vereinsmäßige Ausrichtung mit deutlicher Milieuverengung", die "einer missionarischen Öffnung entgegenstehe". Gefordert wird statt selbstgenügsamer Abkapselung eine Öffnung nach außen, die neue, flexible und anlassbezogene Formen der Gemeindearbeit nutzt. Und – für viele treue Christen wohl völlig neue Töne – die Gemeinden brauchen eine "Qualitätsoffensive".

Nicht immer heißt von der Wirtschaft lernen siegen lernen, das haben gerade die letzten Wochen überdeutlich gezeigt. Vielleicht sollte sich aber so mancher Pfarrer und so manches in splendider Isolation glücklich gewordene Gemeindeglied angesichts der zu Heiligabend ausnahmsweise einmal vollen Kirchenbänke den Grundsatz klassischen Kundenfangs zu Herzen nehmen: "Wir wollen, dass Sie wiederkommen!"

Das Eventfest Weihnachten könnte so für die Kirchen die Chance bieten, dauerhaft wieder in der Gesellschaft präsenter zu werden. Ein Kickoff an der Krippe gewissermaßen.


Uwe Bork (privat)Uwe Bork (privat)Uwe Bork, Journalist, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Sozialwissenschaften. Nach dem Studium arbeitete Bork zunächst als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 leitet er die Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks in Stuttgart. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet. Bork ist außerdem Autor mehrerer Bücher.

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