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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 05.02.2012

Frische Erdbeeren im Winter?

Saisonale Küche und die Klimabilanz

Von Udo Pollmer

Es gibt schlimmere Öko-Sünden als Erdbeeren im Winter. Zum Beispiel Blattsalate im Winter.  (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Es gibt schlimmere Öko-Sünden als Erdbeeren im Winter. Zum Beispiel Blattsalate im Winter. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Brauchen wir im Winter wirklich frische Erdbeeren? Seit Jahren fordern Verbraucherorganisationen, dass wir endlich lernen sollten, saisonal einzukaufen. Dies würde der Umwelt zugute kommen. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer hat sich die Ökobilanz ein wenig näher angesehen.

Erdbeeren im Winter sind ein Symbol für einen ökologisch unverantwortlichen Luxus-Konsum geworden. Das hochempfindliche Obst wird in der kalten Jahreszeit bekanntlich von weit her - meistenteils aus Israel - nach Deutschland eingeflogen. Nicht nur der Transport gibt Anlass zu Kritik, sondern auch die Rückstandssituation. Die Erdbeere ist empfindlich, sie verdirbt schnell und deshalb braucht sie speziell unter den unnatürlichen Bedingungen im Winter eine Extraportion Schimmelschutz.

Etwas anders sehen wir die Dinge, wenn es um Erdbeerjoghurt geht. Da lautet die Klage, dass da statt erntefrischer Erdbeeren nur ein paar lausige Aromastoffe drin sind. Frucht-Joghurt sollte - so die Forderung vieler Verbraucher - nach Möglichkeit frische Früchte enthalten, pflückfrisch, damit die empfindlichen Aromastoffe erhalten bleiben. Dann aber wäre er ein Saisonartikel. Insofern dürfen die Freunde von Erdbeerjoghurt den Aromenherstellern dankbar sein, dass die eine ganzjährige Versorgung ermöglichen.

Natürlich brauchen wir im Winter keine frischen Erdbeeren - wir haben ja ein reichhaltiges Angebot an saisonalen Südfrüchten wie Orangen, Mandarinen oder Bananen, die natürlich ebenfalls weitgereist sind, aber das stört in diesem Falle niemanden. Nach der Zitrussaison freut man sich dann umso mehr auf die sommerfrischen Erdbeeren aus dem Freiland. Dummerweise droht auch dort der Schimmel. Bei regnerischem Wetter sind Fungizide, also Schimmelvernichtungsmittel, unverzichtbar. Deshalb findet man auch das ganze Jahr über allerlei Rückstände auf den Beeren - gewöhnlich liegen sie im Bereich von Mikrogramm pro Kilo und sind damit aus toxikologischer Sicht belangloser als die Blausäure in einem versehentlich mitverzehrten Apfelkern.

Aber auch Orangen, Bananen und andere Südfrüchte sind hochempfindlich und vergammeln ohne wirksamen Schimmelschutz recht schnell. Zitrusfrüchte und Bananen werden bis heute mit Pilzvernichtungsmitteln imprägniert, die auf den Erdbeerenplantagen längst verboten sind. Vor dem Verladen nach Deutschland werden sie in fungizidhaltigem Wachs gebadet. Beim Anfassen oder Schälen gelangen die Schadstoffe auf die Hände und so auf andere Speisen und in den Mund. Für Orangen und Bananen gilt demnach exakt das Gleiche wie für Erdbeeren - egal ob im Winter oder Sommer.

Wer Ökobilanzen für seinen Einkauf bemüht, sollte also nicht auf die Käufer von Wintererdbeeren herabblicken. Denn Erdbeeren schneiden immer noch besser ab als winterliche Blattsalate. Denn die haben einen geringeren Nährwert als Erdbeeren und enthalten auch keinerlei wichtige Spurenstoffe, die nicht in anderen Lebensmitteln auch vorhanden wären. Deshalb sind sie genaugenommen auch im Sommer "klimaschädlich", ja die Blattsalate haben ein klimapolitisches Gschmäckle.

Doch saisonale Kost zielt nicht nur auf die Klimabilanz. Sie soll uns der "gesünderen Ernährung" früherer Generationen näher bringen, die noch im Einklang mit den Jahreszeiten lebten, leben mussten. Und deshalb zur Erinnerung ein paar Tipps für eine korrekte saisonale Ernährung: Obst im Winter gab es früher als Marmelade aufs Brot oder als Schälchen Kompott zum Nachtisch. Statt Apfelsaftschorle trank man Bier oder Wein, weil es keine Möglichkeit gab, frische Säfte haltbar zu machen.

Im Herbst wurde nicht nur Obst eingekocht oder zu Wein vergoren; es wurde auch das Vieh geschlachtet und das Fleisch durch Trocknen und Pökeln haltbar gemacht. Am besten in Form von geräuchertem Schinken, Speck und Hartwurst. An Gemüse dominierten frostharte Kohlsorten, namentlich Rosenkohl und Grünkohl - und natürlich reichlich Sauerkraut - es war nicht umsonst Jahrhunderte lang das internationale Symbol deutscher Esskultur.

Wer sich in Deutschland konsequent saisonal ernähren möchte, wird das essen müssen, was bereits unsere Vorfahren in der kalten Jahreszeit genossen haben: Nämlich Wurst auf Sauerkraut oder wie der Volksmund früher sagte: Venus im Rosenbett. Und die jeden Tag. Mahlzeit!

Literatur:

Michel V et al: Fungizidrückstände auf Erdbeeren. Schweizer Zeitschrift für Obst- und Weinbau 2011; H.7: 8-11

Fernandez M et al: Liquid chromatographic-mass spectrometric determination of postharvest
fungicides in citrus fruits. Journal of Chromatography A, 2001; 912: 301-310

Lissner E: Wurstologia. Schaefer; Frankfurt/F 1929

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