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Thema / Archiv | Beitrag vom 09.08.2012

"Frisch wie am ersten Tag"

Der Schriftsteller Michael Kleeberg über die Faszination, Hermann Hesse zu lesen

Hermann Hesse, undatiertes Archivbild (AP Archiv)
Hermann Hesse, undatiertes Archivbild (AP Archiv)

Ein Liebling der Feuilletons war er nie. Hesse sei rückwärtsgewandt und kitschig, sagen Kritiker. Michael Kleeberg dagegen bricht eine Lanze für den vor 50 Jahren gestorbenen Nobelpreisträger. Hesse sei ein brillanter Autor, der sich auch formal mehr getraut habe als viele seiner Zeitgenossen.

Susanne Burg: Hermann Hesse ist Literaturnobelpreisträger und hat weltweit rund 150 Millionen Bücher verkauft. Er ist damit international der erfolgreichste deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Nur im eigenen Lande ist der Prophet ja bekanntlich nichts wert oder wenig wert, und so gibt es in Deutschland immer noch Menschen, die "Narziß und Goldmund" oder "Siddhartha" als Literatur für Pubertierende abtun. Aber natürlich gibt es auch hierzulande begeisterte Anhänger von Hesses Werk. Ein solcher ist der Autor Michael Kleeberg, zuletzt erschien von ihm der Roman "Das amerikanische Hospital", der für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Was ihn an Hermann Hesse fasziniert, das will ich heute am 50. Todestag von Hermann Hesse mit ihm besprechen. Guten Tag, Herr Kleeberg!

Michael Kleeberg: Hallo!

Burg: Ja, Sie haben mal geschrieben, dass Sie gegen Ende der Schulzeit überwältigt und lampenfiebrig im Buchladen vor blauen und roten Suhrkamp-Taschenbüchern von Hermann Hesse standen. Woher kam dieses Lampenfieber?

Kleeberg: Seine Titel waren so faszinierend für jemanden, der gerade erst dabei war, die Welt der Literatur für sich zu entdecken. Es steckte in den Titeln von Hesse eine ungeheure Magie: "Klingsors letzter Sommer" – da fragt man sich, wohin geht diese Reise. Also es ist wie ein Last-Minute-Flugkartenverkauf, wenn Sie sozusagen blind hineingreifen und nicht wissen, ob es zum Nordpol oder in die Südsee geht. Das hat eine ungeheure Faszination auf mich ausgeübt, aber es war nicht die erste Begegnung mit Hesse. Damit diese Faszination überhaupt sozusagen in meinen Gesichtskreis kommen konnte, musste tatsächlich eine erste Begegnung mit Hesse vorausgehen, und zwar in der Schule, irgendwann in der achten oder neunten Klasse haben wir "Unterm Rad" gelesen, also diese tragische Internats- und Schülergeschichte von einem jungen Streber und guten Schüler und braven Jungen, der irgendwie unter die Räder kommt, und ich …

Burg: Ein Buch, das ja wohl interessanterweise in Japan unglaublich erfolgreich ist.

Kleeberg: Ja, weil die dort auch diesen Drill haben. Und ich weiß noch, das war eines der wenigen Werke, das mich nicht zu Tode genervt hat, als wir es in der Schule durchgekaut haben, sondern das mich ganz erschreckend kalt angesprungen hat, weil ich das Gefühl habe, hier ist sozusagen die eine oder andere ungünstige Alternative für meine Zukunft aufgezeigt. Und ich habe es dann auch mit Bangen und natürlich auch mit Freude gelesen, weil auch in diesem Buch sind diese wunderbaren Naturbeschreibungen von Hesse, wo man, wenn man das Buch Jahre später wieder liest, das Gefühl hat, es ging über Seiten hinweg, die Nagold bei Calw, wie man da sitzt, in der Sonne im Sommer und angelt. Und dann liest man es wieder und sieht, dass er das auf fünf, sechs Zeilen gemacht hat, ganz brillant.

Burg: Hesse ist einer der meistgelesenen Autoren international – ich habe eben erwähnt, in Japan zum Beispiel auch sehr, sehr gelesen –, warum gerade Hesse, wie erklären Sie sich das?

Kleeberg: Ich meine, Hesse ist überhaupt einer der ganz wenigen – das muss man sich mal klar machen – Schriftsteller seiner Generation, also noch weit vor der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert geboren, die heute überhaupt noch lesbar sind. Das Faszinierende ist ja, ich meine, wenn man andere Schriftsteller sich anguckt, die um 1860, 1870 geboren sind – ich meine, versuchen Sie mal, heute Prosa von Gerhart Hauptmann zu lesen, das geht nicht mehr. Das ist antiquiert bis dort hinaus. Ein Teil von Hesses Genie ist es tatsächlich, dass er frisch wie am ersten Tag die sechste oder siebte Lesergeneration anspricht, die 130 Jahre nach ihm geboren sind. Also es ist nicht die Frage, ob man irgendwie mit der Feder schreibt oder Computer, oder ob man mit der Kutsche fährt oder mit dem Flugzeug, es bleibt offensichtlich irgendetwas Aktuelles: Das sind die Konstellationen natürlich, die psychologischen, und das ist die Sprache.

Burg: Und es ist ja wohl auch – also es ist ja auch inhaltlich, sind ja viele Leute fasziniert, dass vor allem auch Hesses Suche immer wieder nach Spiritualität – Henry Miller nannte "Siddhartha" mal eine wirksamere Medizin als das Neue Testament. Hesse kam ja aus einem religiösen Elternhaus, sein Großvater war Missionar in Südostasien gewesen, wohin Hesse auch eine längere Reise unternahm. Wie prägend war das für sein Schreiben?

Kleeberg: Nach allem, was man weiß, ist es vor allem ein ungeheuer weltoffenes Elternhaus gewesen beziehungsweise die Problematik ist die von diesem pietistischen Moraldruck einerseits und der ungeheuren Weltoffenheit. Die Eltern von Hesse haben sich, wenn sie nicht wollten, dass die Kinder hören, was sie zu sagen haben, auf Englisch unterhalten, was sie beide fließend sprachen. Der Vater war von Geburt her Balte, die Mutter Westschweizerin, also französischsprachig aufgewachsen. Es kamen da ein Haufen Weltreisende, Missionare, Intellektuelle in diesem Haus zusammen, also das war jetzt nicht der kleine schwäbische Spießbürgerhaushalt, sondern da ist schon die Luft des Geistes durchgeweht, aber natürlich auch auf der anderen Seite die etwas sehr schwer zu atmende Luft des Pietismus.

Burg: Vor 50 Jahren ist der Schriftsteller Hermann Hesse gestorben, und ich bin hier im "Radiofeuilleton" im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Autor und Hermann-Hesse-Kenner Michael Kleeberg. Auch Sie haben Hermann Hesse ja als Jugendlicher gelesen, insofern passen Sie fast ein bisschen in das Klischee, das vor allem pubertierende Jugendliche auf Sinnsuche ihn schätzen. Aber das stimmt natürlich bei Ihnen nicht, sie beschäftigen sich auch heute noch mit Hesse. Woher aber stammt dieses Klischee?

Kleeberg: Das ist schwer zu sagen. Also es gibt eine Handvoll Kritiker, aber damit wäre nicht viel geholfen, wenn ich sage, die muss man nicht weiter ernst nehmen, die haben es nicht verstanden, …

Burg: Dazu gehört immerhin Marcel Reich-Ranicki.

Kleeberg: … typischerweise gehört dazu Marcel Reich-Ranicki, bei dem man ja fast schon sagen kann, was Reich-Ranicki nicht gelesen, nicht verstanden und nicht goutiert hat, ist es immer wert, entdeckt zu werden.

Burg: Harsche Kritik!

Kleeberg: Aber Hesse ist niemand, der viel Aufhebens von seiner Kunst gemacht hat. Es gibt zwei wunderschöne Beispiele, die die Kunst, die Sprachkunst von Hesse, die jemanden, der nach künstlerischer Angeberei sucht, immer verborgen bleibt, aber zwei Beispiele, die das schön illustrieren. Es hat der alte Hesse einen Brief bekommen von einer begeisterten Schülerin, einem Mädchen, schon nach dem Zweiten Weltkrieg, einer schwäbischen Schülerin, die ihm schrieb: Was bei Ihnen so schön ist oder isch, des isch, des immer genau da, wo mer schnaufe muss, a Punkt oder a Komma stoht. Zu Deutsch: Genau da, wo der natürliche Atemzug folgt, setzt Hesse seine Rhythmen und Fermaten. Man kann das an vielen Beispielen sehen, dass er seine Prosa tatsächlich komponiert wie Musik, und dass die Rhythmen, dass die Beschreibungen einen ungeheuer natürlichen Fluss haben, da wird gar nichts vergewaltigt. Seine Kunst versteckt sich sozusagen hinter alltäglichen Formulierungen, und vielleicht geht sie gerade deshalb auch so vielen unterschiedlichen Lesern ins Blut, weil sie sie sozusagen nicht dümmer dastehen lässt, als sie eigentlich sind.

Burg: Haben das seine Zeitgenossen vielleicht auch verkannt? Hermann Hesse hat ja selber mal gesagt, es lag ihm nie daran, formal Neues zu bringen.

Kleeberg: Er hat sprachlich sozusagen aus dem Fundus der großen hauptsächlich romantischen deutschen Literatur geschöpft. Er ist natürlich trotz allem einer der großen formalen Erneuerer, wenn man sieht, was er alles in den Strukturen, in den Formen, im Aufbau seiner Romane benutzt hat – einer der Ersten, die sozusagen die Psychoanalyse überhaupt direkt in Literatur verwandelt hat in "Demian", hat ganz ungeheuer interessante und noch nie dagewesene Kombinationen aus Erzählhaltung gehabt im "Steppenwolf". Also die Konstruktionen, diese Mischung aus halb vorwärts, halb rückwärts gewandter Utopie und Erfindung eines ganzen Geistesreiches und dessen Zerstörung im "Glasperlenspiel", da gibt es, was die formalen Wagnisse betrifft, in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts nicht viele Leute, die sich dergleichen getraut haben.

Burg: Wir befinden uns ja gerade sozusagen im Hesse-Jahr: Es sind Biografien erschienen, in dieser Woche gibt es auch eine Titelgeschichte vom "Spiegel", die sich Hermann Hesse widmet, interessanterweise ja die Zeitung, die 1958 gesagt hat in einer Titelgeschichte, Hesse würde nie international irgendwie mal bedeutend werden. Befinden wir uns gerade in so einer Phase, wo vielleicht Hermann Hesse doch wieder neu gelesen, neu entdeckt wird, vielleicht eine kleine Wiedergutmachung?

Kleeberg: Naja, also der Spiegel hat in der Tat einiges wieder gutzumachen, denn dieser Artikel von 1957, das war also eines der widerwärtigsten Beispiele von Denunziationsjournalismus, was es gegeben hat. Ich habe den jetzigen noch nicht gelesen, aber ich will hoffen, dass sie da einen Kotau vor Hesse machen, der einfach …

Burg: Das tun sie.

Kleeberg: … des Anstands wegen schon angebracht wäre. Aber sagen wir mal so, Hesse ist immer dann aktuell, mal abgesehen davon, dass er für den Leser, der immer ein Individuum ist, der ihn neu entdeckt, ohne indem er aktuell ist, aber er ist sozusagen gesellschaftlich immer dann aktuell, wenn die großen Ismen in der Krise sind, in einer Zeit – und das ist übrigens vielleicht auch einer der Gründe, warum er in Deutschland es schwierig hat, die Deutschen sind ja immer überzeugte Ismen-Anhänger, ob das nun der Kommunismus ist oder der Faschismus, aber die großen kollektiven Heilsbewegungen, dagegen hat sich Hesse ja immer gewehrt. Und wir sind ja momentan in einer Krisenzeit, wo sozusagen das große, das kollektive, das allgemeine Bramarbasieren an den Rand der Lächerlichkeit gekommen ist, und solche Momente sind, glaube ich, immer Momente, wo der eigene Weg hin zu Verständnis, zum Leben lernen, das Individuelle, das Freie, plötzlich wiederentdeckt wird, und das gibt Hesse über seine natürliche Aktualität hinaus auch immer noch die besondere Aktualität, dass er eigentlich immer derjenige gewesen ist, der das Individuum gegen die großen kollektiven Bemühungen verteidigt hat, irgendwie gemeinsam den Verstand zu verlieren. Er ist immer jemand gewesen, der gesagt hat, auch wenn du ganz alleine bist, deinen Verstand musst du behalten.

Burg: Der Autor Michael Kleeberg über einen Kollegen, den er sehr schätzt und der heute vor 50 Jahren gestorben ist, Hermann Hesse. Vielen Dank für Ihren Besuch, Herr Kleeberg!

Kleeberg: Danke schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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