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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 14.12.2015

Friedrich Dürrenmatt Idyllische Kindheit mit Schatten

Von Eva Pfister

Friedrich Dürrenmatt, aufgenommen am 18. Juni 1988 in Schwetzingen an einem vollen Schreibtisch. (picture-alliance / dpa - Marcus Thelen)
Friedrich Dürrenmatt, aufgenommen am 18. Juni 1988 in Schwetzingen. Der Schweizer Schriftsteller nimmt mit der Inszenierung seiner Komödie "Achterloo" bei den Schwetzinger Festspielen Abschied vom Theater. (picture-alliance / dpa - Marcus Thelen)

Vor 25 Jahren starb der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt. Sein Heimatland widmet ihm ein ganzes Kulturjahr. Der Pfarrerssohn war selbst ein Prediger, allerdings einer, der die Apokalypse an die Wand malte - und das mit dem schwarzen Humor der Groteske.

"Fantasie zu haben und Stoffe umzusetzen, ist ja nichts Gemütliches. Sondern es ist etwas, was man ebenso unerschrocken tun muss, wie man ja überhaupt im Grunde auch unerschrocken leben muss."

Seine Themen sind wahrlich nicht gemütlich: Prediger, Idealisten und zynische Mörder ringen in Friedrich Dürrenmatts Theaterstücken um Wahrheit und Macht. Seine Kriminalromane und Hörspiele handeln von meist ungesühnten Verbrechen, davon, wie man jemanden in einen Mord hineintreiben kann – oder in eine Schuld, wie in dem frühen Hörspiel "Der Doppelgänger".

"Ich bin unschuldig! Mein Gott, ich bin unschuldig! Ich muss diesen Satz immer wieder in die Nacht hineinbrüllen: Ich bin unschuldig!"

Kafka steht bei Dürrenmatt ebenso Pate wie Wedekind und Nestroy. In seinen politischen Themen wurde er auch von Bertolt Brecht inspiriert, aber anders als Brecht trieb Dürrenmatt seine Stoffe stets in die Groteske. Dürrenmatt lässt die Zuschauer lachen - und dann in den Abgrund blicken, der für ihn die Welt bedeutete. Der 1921 Geborene war vom Zweiten Weltkrieg geprägt, obwohl er als Schweizer nicht an ihm teilgenommen hatte.

"Ich komme nicht von der Literatur, sondern natürlich auch vom Erleben her und vielleicht noch mehr vom Nicht-Erleben. Und das ist nun ein sehr schweizerisches Thema - ich komme von einem verschonten Lande her und da war nun das Urmotiv: Was setze ich dieser Welt entgegen, von der ich verschont bin?"

Dürrenmatt lebte in Sozialer Isolierung

Dass er als Zwanzigjähriger mit dem Nationalsozialismus und der Idee eines Anschlusses an das Deutsche Reich sympathisierte, hat Dürrenmatt lange Zeit verdrängt. Erst im Prosaband "Stoffe", in dem er den Motiven seines Schaffens nachspürte, erwähnte er diese Episode. Da wurde ihm auch bewusst, dass seine idyllische Kindheit im bernischen Emmental durchaus ihre dunklen Seiten hatte.

"Mein Vater war dort Pfarrer, und ich lebte in einer gewissen sozialen Isolierung, indem ein Pfarrerssohn in einem Dorf etwas ganz Bestimmtes darstellt - er wird mit Schadenfreude betrachtet, er sollte besser sein als die andern, und man weiß, dass er nicht besser ist."

Der Pfarrerssohn wurde manchmal auch von seinen Schulkameraden verprügelt und fühlte sich als Kind oft eingesperrt in ein undurchschaubares Labyrinth, wie der Minotaurus, der nicht weiß, was auf ihn zukommt - eines der wichtigen Motive des bildenden Künstlers Dürrenmatt. Gezeichnet hatte Fritz, wie er zuhause genannt wurde, schon als Kind:

"Zeichnen war für mich eine Abwehr, ein Umfunktionieren, ich konnte dann das irgendwie bildlich darstellen. Was hab ich gezeichnet? Ich habe immer Katastrophen gezeichnet, ich habe immer Kriege gezeichnet, ich hab immer Sintfluten gezeichnet."

Friedrich Dürrenmatt, aufgenommen in Locarno im August 1990 (picture alliance / dpa / Christoph Ruckstuhl)Friedrich Dürrenmatt, aufgenommen in Locarno im August 1990 (picture alliance / dpa / Christoph Ruckstuhl)

Eigentlich wollte Friedrich Dürrenmatt Kunst studieren, aber seine magisch-surrealen Bilder stießen auf Ablehnung. So belegte er Theologie, Philosophie und Literatur, blieb unzufrieden – und fand erst im Theater seine Bestimmung. Hier konnte er Bilder auf die Bühne bringen und zugleich philosophische Denkmodelle mit handelnden Personen entwerfen.

Mit 35 Jahren erlebte Dürrenmatt den Durchbruch. Die tragische Komödie "Der Besuch der alten Dame" wurde 1956 ein Welterfolg. Überall verfolgten die Zuschauer seine düstere Spielanordnung: Was würde geschehen, wenn ein Mensch - wie die alte Dame Claire Zachanassian - eine Milliarde für einen Mord böte?

Und was, wenn die Formel zur Vernichtung der Welt in falsche Hände geriete, wie in "Die Physiker"? Auch dieses Stück, das 1962 uraufgeführt wurde, nannte Dürrenmatt eine Komödie, denn seiner Überzeugung nach konnten nur noch Komödien den grotesk-horrenden Zustand der Welt im Zeitalter der Atombombe abbilden.

"Das Komödiantische ist meine dramaturgische, ich möchte fast sagen, wissenschaftliche Methode, mit der ich mit den Menschen experimentiere, um Resultate zu erhalte, die mich allerdings oft selber verblüffen. "

Am 14. Dezember 1990 starb Friedrich Dürrenmatt in seinem Haus hoch über dem Neuenburgersee, an diesem idyllischen Ort, an dem all seine schwarzen Werke entstanden sind.

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