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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.02.2016

Friedrich Ani: "Der einsame Engel"Krimi mit Sogwirkung

Von Ulrich Noller

Der Münchner Schriftsteller Friedrich Ani im Juli 2015 (dpa / picture alliance / Ursula Düren)
Friedrich Ani, Schöpfer des chronisch schwermütigen Kommissars Tabor Südem (dpa / picture alliance / Ursula Düren)

Der chronisch schwermütige Kommissar ermittelt wieder. In seinem mittlerweile 20. Krimi um den Ermittler Tabor Süden hält der vielfach preisgekrönte Autor Friedrich Ani sein Niveau. In "Der einsame Engel" erkundet Süden nicht nur einen Fall, sondern auch die menschliche Seele.

Friedrich Ani ist ein Phänomen: Den Deutschen Krimi Preis, für andere Autoren ein einsamer Karrierehöhepunkt, gewinnt der Münchener Kriminalschriftsteller in Serie – so wie zuletzt im Januar mit dem Roman "Der namenlose Tag", erschienen bei Suhrkamp.

Und kaum ist der Beifall verhallt, steht Ani meist schon wieder mit dem nächsten Kandidaten am Start. "Der einsame Engel" ist die 20. Lieferung in seiner Reihe um den melancholischen Privatdetektiv (und Ex-Polizisten) Tabor Süden. Dazwischen: Kaum Luft, aber doch immer wieder genügend Raum, noch "schnell" ein kleines Meisterstück im TV zu platzieren, etwa jüngst die Drehbuchvorlage zu dem Krimidrama "Operation Zucker: Jagdgesellschaft". Nicht nur in Sachen Erfolg, sondern auch in punkto Produktivität ist Friedrich Ani ein Phänomen.

Neonazis haben die Büroräume niedergebrannt

Wobei: So ganz sicher, ob und wie es weitergehen könnte, scheint´s anfangs nicht in seinem neuen Roman "Der einsame Engel": Neonazis, deren Wege ihre Arbeit kreuzten, haben die Büroräume von Süden und seinen Kolleginnen bei der Detektei Liebergesell niedergebrannt, und vor allem haben sie einen Kollegen ermordet. Alles steht in Frage, und der sowieso schon chronisch niedergeschlagene Detektiv versinkt derart bodenlos in seiner Trauer und Traurigkeit, dass man sensiblen LeserInnen eine Lektüre dieses Buches bloß für die guten Tage empfehlen kann.

Was natürlich nicht heißen soll, dass von der Lektüre abzuraten wäre, ganz im Gegenteil: Die temporeduzierte Dynamik, die die Süden-Romane auszeichnet, fußt seit nun beinahe 20 Jahren gerade auf der Schwermut ihres Helden. Sein Mittel, um nicht unrettbar in den Tiefen der Depression zu versinken, seine einzige Chance, ist die Arbeit, die Ermittlungsarbeit.

Und so macht Süden sich, natürlich, auch diesmal wieder auf die Suche nach einem, der aus seinem Leben verschollen ist: Justus Greve, Besitzer eines Münchener Obst- und Gemüseladens ist verschwunden. Emma Fink, seine Angestellte, will wissen, was ihrem Chef widerfahren ist. Beide haben ihre Geheimnisse, und will Süden den Fall lösen, muss er die Räume, in denen diese Geheimnisse gut verborgen sind, erahnen, erspüren, erschnüffeln.

Im Prinzip immer wieder die gleiche Story

"Der einsame Engel" ist Friedrich Anis zwanzigster Tabor-Süden-Roman, die Menschensuche des gebeugten Melancholikers ist der rote Faden, der sich durchs Werk des Münchener Autors zieht. Dabei erzählt Ani – nüchtern und einfach - im Prinzip immer wieder die gleiche Story, lediglich leicht variiert.
Trotzdem ist man auch als Stammleser immer wieder überrascht über Verlauf und Ausgang beziehungsweise Auflösung, kleine Details variieren das große Ganze entscheidend, auch das ein Phänomen.
Tabor Südens Ermittlungen sind Erkundungen der Geheimnisse der Seele, wohl insbesondere auch der ihres Autors. Seine Methoden sind Intuition, Empathie und eine Fragetechnik im Stil provokativer Intervention, die nicht nur bei den Protagonisten, sondern auch beim Leser Spuren hinterlässt: Dem Süden-Blues kann man sich kaum entziehen, insbesondere in seinem neuen Fall. Die Sogwirkung ist gewaltig.

Friedrich Ani: Der einsame Engel. Ein Tabor Süden Roman
Droemer, München 2016
208 Seiten, 18 Euro
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