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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.05.2006

Friedliche WM mit Hilfe der Kirche

Bischof Algermissen hofft auf "Impuls für den Frieden in der ganzen Welt"

Moderation: Jörg Degenhardt

Der Pokal für den Fußball-Weltmeister (AP Archiv)
Der Pokal für den Fußball-Weltmeister (AP Archiv)

Der Bischof des Bistums Fulda, Heinz Josef Algermissen, sieht die Kirche in der Pflicht, zum friedlichen Verlauf der Fußball-Weltmeisterschaft beizutragen. Nach dem Vorbild des Weltjugendtages in Köln im vergangenen Jahr wolle die Kirche ihren Beitrag zum Gelingen dieser Großveranstaltung leisten, sagte Algermissen.

Jörg Degenhardt: Wer Jens Lehmann heute Abend live sehen will, muss auf dem Schwarzmarkt 1000 bis 2000 Euro hinblättern. Jens Lehmann im Tor von Arsenal London gegen den FC Barcelona, das ist das Champions-League-Finale in Paris. Jens Lehmann, das ist nach eigener Aussage, auch ein tiefreligiöser Mensch. Bis zum Alter von 14 Jahren sei er Messdiener gewesen und mittlerweile trage er jeden Tag eine Halskette mit religiösen Motiven, hat er dieser Tage in einem Interview offenbart. Spannende Spiele bei der Fußballweltmeisterschaft mit Lehmann im Tor, volle Stadien und eine friedliche Atmosphäre, darauf freuen sich weltweit Millionen Fans. In wenigen Tagen ist es soweit und auch die großen Kirchen im Gastgeberland fiebern dem Ereignis entgegen. Bischof Heinz-Josef Algermissen begrüße ich am Telefon, den Bischof des Bistums Fulda. Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen und gleich die Frage: Sie haben mit Bischof Hein von der evangelischen Kirche einen gemeinsamen Brief an die Gemeinden geschrieben mit Blick auf die Weltmeisterschaft, welche Idee stand denn dahinter?

Bischof Heinz-Josef Algermissen: Ich denke, beide großen Kirchen haben ein vitales Interesse auch in die Öffentlichkeit hineinzuwirken. Und wo immer wir um Gastfreundschaft werben können und wo es um Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung geht, sind wir ganz vorne dabei. Und wir sehen das als große Möglichkeit, wenn vielleicht Millionen von Menschen von überall herkommen, aus Asien, Lateinamerika, aus Australien, Europa, Unseres dazu beizutragen, dass das ein friedliches Fest wird. Ich als katholischer Bischof habe natürlich noch sehr stark im Bewusstsein, dass man sehr friedfertig mit über einer Millionen Jugendlichen aus der ganzen Welt beim Weltjugendtag im letzten Jahr in Köln feiern konnte. Die Kölner waren fasziniert über diese friedfertige Stimmung. Ich wünsche mir eigentlich auch so etwas, bei allen Hooligans und was immer, die Begeisterung, ganz klar, sind wir auch fasziniert und ich bin persönlich seit meinen Kindertagen Fußballfan, aber eben, das Ganze muss in Frieden sein.

Degenhardt: Werden Sie auch Videoleinwände aufstellen für junge Leute, die sich dann neben der Kirche die Spiele angucken können?

Algermissen: Also in den Gemeindezentren ist das schon voravisiert, dass man das gemeinsam macht, es ist natürlich viel spannender und schöner, wenn man in einer großen Gruppe sich diese Spiele anschauen kann, als wenn man alleine vor dem Fernsehschirm sitzt. Hier gibt es auch in Fulda bei uns auf einem Platz sicher eine große Leinwand, es wird schon angedacht. Und wir sind ja nicht weit und ein Teil des Bistums Fulda geht ja im südwestlichen Bereich in die Vorstädte von Frankfurt. Und Frankfurt ist eben ein Austragungsort, wenn es eben geht, werde ich mir sicher das eine oder andere Spiel, große Sehnsucht habe ich schon das Spiel England gegen Niederlande da zu sehen.

Degenhardt: Herr Bischof, Millionen Menschen auf der Welt leiden Not, es geht ihnen nicht gut, gleichzeitig feiern mindestens eben so viele, oder eher noch mehr, König Fußball, wie gegen Sie mit diesem Gegensatz um?

Algermissen: Das ist sicherlich auch ein Grund, warum wir diesen Brief geschrieben haben. Menschen kommen zum Feiern, Menschen sind hier, die Zehntausende von Euro ausgeben. Und zur selben Zeit gibt es in der ganzen Welt dramatische Probleme des Hungers und der Armut. Millionen Menschen haben eine abgrundtiefe Not, es gibt wirtschaftliche Ungerechtigkeit und es gibt ja auch eine ganze Reihe Länder, die zu uns kommen, Mannschaften, die aus Länder stammen, mit einer schreienden Not. Es gibt Hass und Diskriminierung zwischen Völkern, Religionen, Geschlechtern. Und gerade da mit hinein müssen wir unser kirchliches Engagement zeigen ...

Degenhardt:... aber wenn ich Sie unterbrechen darf, warum sollte gerade ein derartiges Ereignis, es ist ja vor allem auch ein super Geschäft, das Bewusstsein für die Probleme dieser Welt schaffen?

Algermissen: Ja, das ist natürlich vorrangig nicht der Fall. Die werden natürlich erst mal alle kommen und für ihre Mannschaft rufen und schreien. Das ist sicher, zunächst wird das nicht der Fall sein, aber, wenn viele Menschen friedfertig nach hier kommen und in Frieden auch zusammenleben, wenn es gelingen könnte, ist ein erster, ganz wichtiger Impuls auch für den Frieden in der ganzen Welt. Mit zweien oder dreien Frieden zu halten, die einer Meinung sind, ist es das leicht, aber diesen Frieden zu bauen bei Meinungsverschiedenheit, das ist schon schwierig. Und vielleicht schaffen wir es ja, dass das Ganze ohne Randale und ohne große Kämpfe abläuft. Das wäre wunderbar. Es ist natürlich so, wenn man die schreiende Armut sieht, und die Not dieser Welt, dürfte man solche Festivals gar nicht machen. Aber mitten drin ist auch das Entspannen und das Aufatmen und das Sichfreuen am Spiel ein Stückchen Himmel, den wir uns schaffen müssen, sonst kann man mitunter diese Erde mit ihren Schatten nicht überleben.

Degenhardt: Herr Bischof noch eine abschließende Frage. Darf man Gott eigentlich um einen Sieg der eigenen Mannschaft bitten?

Algermissen: Ich würde das nicht tun. Es gibt sicher Leute, die dann auch die Kirchen bestürmen und Kerzen anzünden. Es gibt sogar Fans von Schalke, es ist mein altes Bistum, Erzbistum Paderborn, Borussia Dortmund oder Arminia Bielefeld, ich habe da lange gelebt, wenn Arminia Bielefeld ziemlich unten stand in der Bundesliga, dann wurde ich angerufen, Herr Bischof, machen Sie uns eine Kerze an. Ja gut, das ist im Grunde genommen Spiel. Nein, kann man eigentlich nicht. Es ist ein Spiel, soll es bleiben und wir wollen das jetzt auch nicht im Nachhinein religiös überhöhen. Ich wäre nicht dafür.

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