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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.11.2015

Friedenspreis für syrischen Autor"Adonis ist praktisch überfragt"

Stefan Weidner im Gespräch mit Britta Bürger

Der syrisch-libanesische Dichter Ali Ahmad Said, genannt Adonis. (dpa / picture alliance / Jesus Ochando)
Der umstrittene syrisch-libanesische Dichter Ali Ahmad Said, genannt Adonis. (dpa / picture alliance / Jesus Ochando)

Der syrische Lyriker Adonis sollte am 20. November den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises erhalten. Daraus wird nach scharfer Kritik nichts − sein Übersetzer Stefan Weidner meint, dass die Osnabrücker Jury einen Fehler gemacht habe.

Die Stadt Osnabrück hat die Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises an den syrischen Autor Ali Ahmad Said (Adonis) verschoben. Ursprünglich war sie für den 20. November geplant. Hintergrund ist die starke Kritik an seiner Haltung zum Regime von Syriens Präsident Baschar al-Assad.

Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner, der die Gedichte von Adonis ins Deutsche überträgt, äußerte im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur ein gewisses Verständnis für die Diskussion um den Schriftsteller:  

"Adonis als bekanntester syrischer Intellektueller steht natürlich besonders im Rampenlicht. Und es ist nun so, dass er sich nicht klar genug, nicht mit der erwünschten, von vielen gewünschten Deutlichkeit vom Assad-Regime distanziert hat. Er sagt nicht, dass er für das Regime ist, aber er sagt auch nicht oft und nachdrücklich genug, dass er gegen das Regime ist."

Das sei eine durchaus problematische Haltung, meinte Weidner:

"Als Dichter halte ich ihn für einen großartigen Künstler. Seine Haltung im Syrien-Konflikt halte ich tatsächlich für ungenügend, jedenfalls nicht für so, dass man ihm ausgerechnet einen Friedenspreis geben sollte."

Weidner kritisierte die Entscheidung der Osnabrücker Jury zugunsten von Adonis:

"Man muss dazu sagen, er ist kein Politologe, er ist kein sehr politisch denkender Mensch. Er mischt sich zwar immer ein, aber ich glaube, jemand in diesem Alter, mit diesem Horizont – er ist 85 Jahre alt, hat alles Mögliche gesehen – ihn jetzt auf ein paar Haltungen im Syrien-Krieg festzunageln, wird seiner Bedeutung als Lyriker nicht gerecht. Im Grunde ist das der Fehler, den die Jury gemacht hat, dass sie so einem Mann, der viel geleistet hat in der Kunst, in der Literatur, nun für eine Haltung einen Preis gibt, die wirklich fragwürdig ist, nämlich für eine politische Haltung, und ich glaube, da ist Adonis praktisch überfragt."

Suche nach einem Laudator

"Aus organisatorischen Gründen" war die Verleihung auf das Frühjahr 2016 verlegt worden. Dahinter steckt offenbar, dass es nicht möglich war, wegen der heftigen Kritik an der politischen Haltung von Adonis zum Assad-Regime, eine angemessene Preisverleihung zu organisieren.

So konnte bisher niemand gefunden werden, der die Laudatio auf die Trägerin des Nebenpreises hält, die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giuseppina Maria Nicolini. Für Adonis war zwar mit dem Publizisten Daniel Gerlach ein Laudator gefunden worden, aber auch erst nachdem der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, es abgelehnt hatte, sie zu halten.

Mehr zum Thema:

Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis - "Die Jury hat sich einstimmig für Adonis erklärt"
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 23.9.2015)

Umstrittene Preisverleihung in Osnabrück - Beleidigung der Aufklärung?
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 22.9.2015)

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(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 30.5.2013)

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(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 9.1.2007)

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