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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.11.2009

Friedensgeschichten

Alexandra Senfft präsentiert ihr Buch "Fremder Feind, so nah" in der Heinrich-Böll-Stiftung

Von Jochen Stöckmann

Ist ein Ende des Nahostkonfliktes möglich (hier israelische Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen)? (AP)
Ist ein Ende des Nahostkonfliktes möglich (hier israelische Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen)? (AP)

Die Autorin Alexandra Senfft stellt in ihrem Buch "Fremder Feind" Begegnungen mit Israelis und Palästinensern dar und zeigt bemerkenswerte Beispiele, dass Privatinitiativen in die öffentliche Debatte vordringen können.

Im Frühjahr 1991 - mitten im Gazastreifen – klopft es an der Bürotür von Alexandra Senfft, der Pressesprecherin des UN-Hilfswerks für Palästinaflüchtlinge. Vor der Tür steht Dan Bar-On, ein Psychologe – und vermutlich der erste Israeli, der sich nach dem Ende des Golfkriegs wieder in diese Gegend wagt. Danach hat die Journalistin den Spezialisten für die Behandlung traumatisierter Holocaustuberlebender des Öfteren getroffen – Alexandra Senfft ist bis heute fasziniert von seiner Methode des "storytelling in conflict": Mit dem Erzählen der eigenen, individuellen Lebens-Geschichten lässt sich der Block der Geschichte, die Blockierung durch eine von Kriegen und Feindschaften geprägte Vergangenheit lösen. Viele Beispiele dafür hat die Nahost-Expertin in ihrem Buch "Fremder feind, so nah" zusammengetragen, exemplarische Dialoge zwischen Israelis und Palästinensern, Juden und Moslems.

Alexandra Senfft: "Leider verbinden sich die ganzen Dialoge an der Basis, an der Grassroots-Ebene nicht mit der offiziellen Politik. Da ist ein Riss. Ich gehe aber schon davon aus, dass das Private auch politisch ist, dass auch die privaten Dialoge, die ich im Buch darstelle, ein Teil von Politik sind."

Zumindest aus Israel schildert Alexandra Senfft bemerkenswerte Beispiele dafür, dass Privatinitiativen in die öffentliche Debatte vordringen: Ganz einfach mit dem Abdruck von palästinensischen Leserbriefen sorgte etwa 1967 Ari Rath, damals Chefredakteur der "Jerusalem Post", dafür, dass von der Armee beschlagnahmte Privatautos zurückgegeben wurden. Und heute, nach der Offensive im Gazastreifen, gibt es öffentliche Beileidsschreiben von Israelis an die Familien palästinensischer Opfer. Oder auch eine Initiative "Study War No More", die sich gegen die Normalisierung und Vermarktung eines allzu heldenhaften Soldaten-Images gegründet hat:

Alexandra Senfft: "Da ist natürlich Israel sehr viel weiter, weil die natürlich auch sämtliche Institutionen haben die eine Demokratie ausmachen. Das ist in Palästina natürlich nicht der Fall, da leben die Menschen unter einer Besatzung. Allerdings gibt es einige Organisationen, die sich genau mit dieser Demokratisierung der Gesellschaft befassen, unter anderem zum Beispiel auch Miftah, die zusammen mit einer israelischen Organisation ein Medienprojekt aufbauen das sich nennt ‚Worte können töten’."

Und Worte wollen mit Bedacht gewählt sein. Es sind ja nicht nur sprachliche Verständigungsprobleme, die den Dialog erschweren - und im Zweifelsfall im englischen Kauderwelsch enden. Samir El-Youssef, palästinensischer Schriftsteller im Londoner Exil, meidet seine Muttersprache, weil das Arabische ihn zwingt, "Werte und Prämissen zu akzeptieren", die nicht mehr die seinen sind, die seine Identität nicht in Frage stellen, sondern schlichtweg verleugnen. Andererseits beklagt Brian Klug, ein jüdischer Philosoph, dass seine Generation der Söhne von Holocaustüberlebenden bei Diskussionen um die Vergangenheit, aber auch bei eventueller Kritik am Staat Israel durch eine Art "Liste vorgeschriebener Redewendungen" eingeschränkt sei.

Und auch Alexandra Senfft, Enkelin eines Nazi-Täters, musste lernen, dass sie ihre eigene Familiengeschichte nicht beiseite lassen konnte. Wer sich auf Moderatorenart bedeckt und abseits hält, dem wird das schnell als Desinteresse ausgelegt – und wirkliche Dialoge laufen anders ab als eine sanfte "Gesprächstherapie".

Alexandra Senfft: "Es geht hier nicht um political correctness und um kultiviertes, höfliches Benehmen, sondern es geht wirklich darum, sich mit der Gegenseite auseinanderzusetzen und im selben Zuge natürlich auch mit sich selber."

Die dichte atmosphärische Schilderung, die Abkehr vom politischen Verlautbarungs-Journalismus ist ein Vorzug dieses Buches, der in den einfühlsamen Porträtfotos von Judah Passow seinen Nachhall findet.

Judah Passow: "”Ich konzentriere mich auf die gewissermaßen sprechenden, erzählerischen Elemente im Porträt: die Augen und die Hände! Sie bilden eine Art Landkarte zur Erforschung der psychologischen Topographie.""

Mit diesen Porträtstudien dokumentiert Judah Passow einige Jahrzehnte des Nahostkonflikts – und verhilft damit dem jeweils individuellen Auftritt, dem anfangs "nur" privaten Engagement zu seiner öffentlichen Wirkung. Und auch für die Autorin Alexandra Senfft gilt: Blockaden werden nicht durch Schock-Fotos, nicht durch das Aufstacheln der Emotionen mit Schnappschüssen der Bluttaten durchbrochen, sondern durch den heilsamen Schock des Tabubruchs im Gespräch, im Angesicht des bisherigen Feindes.

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