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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 03.05.2006

Freud-Bashing

Psychoanalyse in der Kritik

Von Claudia Guderian

Sigmund Freud in Wien, 1936 (AP)
Sigmund Freud in Wien, 1936 (AP)

Dass Theorien und Lehren diskutiert, bestritten und bekämpft werden, gehört in der Wissenschafts- und Kulturgeschichte zur Normalität. Dass aber wie im Falle von Sigmund Freud, die Meinungen zwischen Genie und Scharlatanerie pendeln, ist einmalig. In diesen Tagen erinnern Anhänger und Gegner an seinen 150. Geburtstag am 6. Mai.

Sigmund Freud, österreichischer Nervenarzt, geboren: 6. Mai 1856, gestorben: 23. September 1939. Begründer der Psychoanalyse.

"bash, englisches Verb, transitiv: heftig schlagen. bạsh ịn: einschlagen, zertrümmern"

Dr. med. Mathias Hirsch, Düsseldorf, Traumaforscher: "Freud-Bashing ist unter die Gürtellinie schlagen, sich nicht mehr einer wissenschaftlichen Argumentation zu bedienen, sondern sozusagen sensationslüstern aufgrund von eigenen narzisstischen oder egoistischen und natürlich auch aggressiven Motiven einen Angriff vorzuziehen anstatt in die Diskussion einzusteigen und sozusagen mit langsam mahlenden Mühlen die Gesamtbewegung zu beeinflussen."

Dr. med. Beate Unruh, München: "… dass Psychoanalyse keine Wissenschaft ist, dass die Psychoanalyse Schaden zufügt Menschen, die an sie glauben, dass die Psychoanalyse überhaupt von dem her, dass sie die Sexualität schon im Kindesalter konstatiert hat oder Freud da die ersten Veröffentlichungen zu gemacht hat, als eine … ein Unding, als etwas, das die Menschen verkaufen lässt, darstellt. Also ich muss sagen, ich war eigentlich entsetzt, wie da eine Sammlung war von Menschen, die auch durch die Psychoanalyse sich geschädigt fühlen, also Menschen, die Psychoanalyse gemacht haben und sagen, sie hat mir gar nicht geholfen."

Prof. Junker: "Die Basher sind eigentlich – das Wort wird’s nicht geben – sind diejenigen, die Freud die Fehler nachweisen, und gegenüber den Verehrern sozusagen die andere Seite der Medaille betrachten. Sie haben aber keine Kreativität. Es sind einfach Kritiker, und zum Teil sind die sachlich berechtigt."

"Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust"

sagt Goethes Faust. Und in den "Wahlverwandtschaften" aus dem Jahr 1808 spricht Goethe ausdrücklich von

"unbewussten Erinnerungen."

Aber erst knapp hundert Jahre später geht der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud als Wissenschaftler diesen beiden Seelen nach, die jedermann in seiner Brust trägt: Dem Bewussten und dem Unbewussten. Den bewussten und den unbewussten Erinnerungen. Freud hat all jene Erfahrungen, die in den unzugänglichen Bereich jenseits des Bewusstseins verdrängt wurden, weil sie zu schmerzhaft, zu angsterregend oder schlichtweg nicht zu begreifen waren, enträtselbar gemacht – wie zerstörte Dateien im Computer, die man wieder lesen kann. Darin besteht, im Kern, das Verdienst der Wissenschaftsdisziplin Psychoanalyse.

Psychoanalyse ist auch Therapie. Rätselhafte körperliche Beschwerden, für die es keinen organischen Befund gibt, können mit Hilfe von Psychoanalyse und Psychotherapie geheilt werden.

Psychoanalyse ist aber auch für Gesunde da. Wer seine Kreativität, seine eigentlichen Wünsche, sein bekanntes und sein unbekanntes Ich erforschen will, kann das mit Hilfe der Psychoanalyse tun. Das Ziel ist, die eigene Lebensgeschichte als großen narrativen Strom zur Quelle hin rekonstruieren zu können.

Doch Freud erforscht nicht nur die menschlichen Neurosen. Nach und nach beschäftigte er sich, ausgehend von seiner psychoanalytischen Theorie, mit vielen weiteren Gebieten: so neben der Psychologie des Alltagslebens mit den Fehlhandlungen:

Zur Psychopathologie des Alltagslebens, 1901,

den Träumen: Die Traumdeutung, 1900,

der Völkerkunde und Völkerpsychologie: Totem und Tabu 1913,

der Religionswissenschaft und Mythologie: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, 1939

sowie soziologischen: Das Unbehagen in der Kultur, 1930,

ästhetischen und zeitkritischen Problemen: Warum Krieg, 1933 mit Albert Einstein.

Er ist also Arzt, Neurobiologe, Psychoanalytiker und Begründer einer internationalen psychoanalytischen Vereinigung, die heute mehr als 11.000 praktizierende Mitglieder auf der ganzen Welt hat, er ist Ethnologe, Soziologe und Zeitkritiker. Bei einem so umfangreichen Gesamtwerk gibt es Verehrer und Kritiker. Helmut Junker, Professor emeritus für Geschichte der Psychoanalyse an der Gesamthochschule in Kassel:

"Nur, was man nicht vergessen darf, ist, dass Freud auch Kind seiner Zeit ist und des wissenschaftlichen Standes seiner Zeit. Und insofern sind viele Einzelpunkte zu revidieren. Wenn man nur diese andere Seite sieht, entsteht dieses so genannte Freud-Bashing. Man kann Freud in Hunderten Punkten widerlegen. Zum Beispiel in seiner Anthropologie. In seiner Definition, dieser so genannten pessimistischen Definition des Menschen als Triebwesen. Wir wissen heute so viel von der Bindung, der Bindung von Mutter-Kind. Wir wissen von den frühen Beziehungen, die wir unser ganzes Leben leben und auch leben müssen. Dagegen ist ein Trieb- und auch Triebbefriedigungsmodell Freuds eigentlich, wenn man so will, vergessen. Es ist außerhalb der Diskussion. Insofern ist es sehr schwer, sich auf einen Freud zu einigen. Es wird immer mehrere Freuds geben."

Freuds Psychoanalyse ist von Anbeginn an provokativ gewesen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn hundert Jahre Psychoanalyse auch von der Kritik begleitet wird.

Psychoanalyse – Die große Kränkung des 19. Jahrhunderts. Oder:
Der Bote schlimmer Nachricht ist verhasst.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts befindet sich die westliche Welt in einem beispiellosen Rausch vermeintlicher Ich-Stärke. Eine Grunderfahrung der Menschheit scheint widerlegt: die Abhängigkeit von Raum und Zeit. Die Dampfmaschine und ein auf Schienen befahrbares Wegesystem überwinden alle Distanzen. In wenigen Tagen kann man von Berlin bis an den Stillen Ozean gelangen. Der Wille des Menschen triumphiert.

Die Medizin schickt sich an, alle bekannten Krankheiten auszurotten. Kindbettfieber, Milzbrand, Tollwut, Diphtherie, Seuchen- und Infektionskrankheiten werden unter veränderten Hygienebedingungen besiegt.
Der Mensch, die Krone der Schöpfung, scheint von den Launen der missgünstigen Natur abgekoppelt.

Dieser Euphorie versetzt Charles Darwin eine tiefe Kränkung, als er in seinem Buch "Die Entstehung der Arten" nachweist, dass der Mensch auf dem Weg der Evolution geradewegs vom Affen abstammt. Die Presse reagiert mit täglichen Karikaturen, die Darwin selbst als Affen zeigen: Darwin- Bashing.

Zweihundert Jahre zuvor hatte der Astronom Kopernikus der Welt ähnlich tief gekränkt. Die Erde rückte aus dem Mittelpunkt des Universums – so Ptolemäus – in die belanglose Position eines kleinen Planeten, der mit vielen anderen die Sonne umkreist. Kopernikus’ Werk landete 1616 auf dem Index der vom Vatikan verbotenen Schriften: Kopernikus-Bashing.

In die Tradition dieser beiden "großen Kränker" reiht sich nun der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud selbst ein.

Junker: "Aber, sagt Freud, der Dritte, der bin ich. Nämlich ich sage, der Mensch ist noch nicht einmal Herr in seinem eigenen Haus. Das heißt, das Unbewusste, das in uns lebt, ist ein wesentlicher Bestandteil von uns selbst, und das ist eine beständige Kränkung."

Die Geschichte der Psychoanalyse beginnt also mit einer Provokation. Sie beginnt mit Freuds These, dass der Wille nicht die ultima ratio darstellt, sondern ein verborgenes Arsenal von Strebungen oder Trieben. Und dieses zweite Wesen in uns erweist sich in der Ausführungen unserer alltäglichen Handlungen als das mächtigere. So dass immer wieder Krieg statt Frieden, Zank statt Eintracht, Destruktion statt Konstruktion entstehen, auch wenn das Gegenteil gewollt ist. Der Mann, der sich dieser Einsicht nähert, geht zu keiner Zeit auf Schmusekurs.

Junker: "Er schieb doch damals der Braut in einem der Brautbriefe, als er kurz vor der Ehelichung alle seine früheren Manuskripte verbrannt hat: 'Aber die Biographen werden sich irren. Und ich werde mich darüber freuen.' Der Stolz dieses noch völlig unbekannten 28-jährigen Mannes, 'Meine Biographen werden sich wundern', auch mit dem Witz, mit dem jüdischen Witz vielleicht: Ich habe sie hinters Licht geführt, und ich bin der Große! Das kann man nicht mehr wissen, ob es so war, aber dieser Brief, der ja weltberühmt geworden ist, zeigt schon, wie sich Freud verstand."

Freud als Kränker der Welt? Schon Sophokles sagt in seiner Antigone:

"Der Bote schlimmer Nachricht ist verhasst."

So ging es auch mit Freud. Helmut Junker:

"Und es gibt sicher Menschen, die denken, gerade auch in der empirischen Psychologie, in der Verhaltenspsychologie, die eben dieses Grundkonstrukt, dass es so ein zweites Wesen in uns gibt, einfach nicht denkend anerkennen. Wenn man das nicht tut, fällt das Freud’sche Gebäude eigentlich in sich auch zusammen. Ja?"

1912 – Vorform des Freud-Bashing:
Kritik aus den eigenen Reihen
Oder:
Jung und Adler vor dem Schwurstein

Junker: "Freud war zu der Zeit, 1912, absolut überzeugt, dass die Grundtriebkraft unseres Lebens die sexuelle Energie sei, die sich schon im Kleinkind zeigt und sich dann entwickelt von der Oralität bis hin zur Genitalität. Und Jung hat dem widersprochen. Und an diesem Thema schieden sich die Geister. Freud sagte – das ist jetzt kein Zitat – dem Inhalt nach: Sie müssen auf die Sexualität, so wie ich sie sehe, schwören. Das ist der 'Schwurstein'. Dieses Wort hat er verwendet. Und Jung, der jüngere und auch charakterologisch andere Mann, hat sich dem widersetzt, und es kam zu einer brüsken Auseinandersetzung, indem sich Freud von Jung und Jung von Freud trennen."

Mit seinem Schüler Alfred Adler überwarf sich Freud ebenfalls. Helmut Junker:

"Adler hat auch die Libidotheorie nicht anerkannt, so wie sie Freud gesehen hat, aber er hat an dem Punkt, hat er nachgegeben. Er hat sich mit Freud nicht überworfen, aber er hat gesagt: Die wesentlichen Schwächen, die wesentlichen Auslöser der Neurosen haben mit unseren Organen zu tun, mit unseren biologischen Organen, die so genannte Minderwertigkeitstheorie. Und Freud hat es mehr auf der psychischen Ebene allein gedacht. Also Adler war, in heutigen Worten, nicht damals, schon eine Art Psychosomatiker. Und das hat sich mit dem Freud’schen Weltbild nicht vertragen. Und deshalb ist er auch 1913 ausgeschieden."

1931 – Freud-Bashing oder Diffamierung?
Psychoanalyse als satanische Religion

Freud erhält 1930 den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main. Aber im Vorfeld der Preiszuerkennung wird heftig gestritten. Die Gegner haben sich schon als große Gruppe formiert. Da gibt es in den zwanziger Jahren …

"… die Menschen, die das natürliche Sittengesetz noch anerkennen, … "

die eine "Protesterklärung katholischer Lehrerinnen" unterzeichnen und damit …

"… aufs schärfste …"

… gegen Freuds Pansexualismus protestieren.
Egon Fridẹll, dessen "Kulturgeschichte der Neuzeit" 1931 erscheint, charakterisiert Freud in düsteren Farben:

"Freud ist ein Seher und Sänger für die Mächte des Dunkels. Die Psychoanalyse verkündet den Anbruch des Satansreichs."

Fridẹll selbst gab sich als "Kenner der schwarzen Messe" aus, der wusste, wovon er sprach, als er vor den Satansanbetern warnte, …

"… die als höchste Heiligtümer den Phallus und den Hintern des Teufels anbeten."

Seine vernichtende Würdigung des Freud’schen Gesamtwerks:

"Freud hat eine Religion gestiftet. Diese Religion ist heidnischen Charakters: Naturanbetung, Dämonologie, dionysische Sexualvergötterung. "

Aber Freud, der große Erzieher, der Atheist, ist alles andere als ein Dämonologe. Er identifiziert sich mit einem anderen Anti-Dämonologen: Moses, dem er sein letztes großes Werk widmet:

"Der Mann Moses und die monotheistische Religion."

Darin begrüßt Freud den geistig-sittlichen Fortschritt, den der jüdische Monotheismus mit sich gebracht hat.

"Das Mythische, Magische und Zauberische, "

so heißt es bei ihm,

"das die vormonotheistischen Religionen verehrten, indem sie die Rituale der Triebvergötterung praktizierten – die sexuelle Orgie und den Opfermord –, ist durch den Monotheismus gebannt worden."

Freud ist also ein entschiedener Gegner dionysischer Wollustkultur. Erst Triebverzicht macht Kultur möglich, schreibt er.

1933 – Die Zerstörung des fixierten Gedankens
Die Verbrennung von Freuds Büchern

Im Mai 1933 brennen auf den Scheiterhaufen der Nationalsozialisten in ganz Deutschland auch die Bücher Sigmund Freuds.

"Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens. Für den Adel der menschlichen Seele. Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud."

Ist auch das eine Form des Freud-Bashing? Helmut Junker:

"Es ist eine Form, Freud zu morden, und nicht, ihn zu schlagen. Mein Verständnis von bashing ist eigentlich Verprügeln. Aber was mit Freud geschehen ist, 1933, war eine Zerstörung. Und er hat ja selbst gesagt, in seiner herben Weise, Früher hätte man mich verbrannt. Wie gut, dass sie nur meine Bücher verbrennen."

1951 – Freud-Verlachen als ironische Übung
Verbitterte Embryos
oder:
Vladịmir Nabọkov als geheimer Mitverschworener

Die Linie der Freud-Verehrer und Freud-Gegner zieht sich auch durch die Literatur des 20. Jahrhunderts. Ein Autor, der mit seiner Verachtung für den

"Wiener Quacksalber "

am wenigsten hinter dem Berg gehalten hat, ist der Russe Vladịmir Nabọkov. Er hatte seine Heimat nach der Revolution verlassen und war über die Stationen England, Deutschland und Frankreich in den USA heimisch geworden, wo durch den großen Exodus jüdischer Analytiker gerade eine ungeheure Verbreitungswelle der Psychoanalyse begonnen hatte. Damit einher ging eine Popularisierung und schematische Vereinfachung der Grundannahmen der Psychoanalyse, etwa die:

"Alles ist Sex."

Das ist der Pansexualismusvorwurf, dass hinter allen und noch den unverfänglichsten menschlichen Tätigkeiten, wie etwa dem Ersteigen einer Treppe, in Wahrheit ein sexuelles Motiv verborgen sei. So erwähnt Freud das Treppensteigen in dem Werk "Abriß der Psychoanalyse" als ein mögliches Traumsymbol für sexuellen Verkehr. Die Vulgärpsychoanalyse machte daraus eine schematische Gleichung von Symbol und verdrängtem Bedeutungsinhalt in allen Alltagssituationen. Nabọkov schreibt in seinen Lebenserinnerung unter dem Titel "Sprich, Erinnerung":

"Ich habe meine ältesten Träume nach Aufschlüssen und Fingerzeigen durchgewühlt – und ich möchte gleich sagen, dass ich die vulgäre, schäbige, durch und durch mittelalterliche Welt Freuds mit ihrer spinnerten Suche nach sexuellen Symbolen und ihren verbitterten kleinen Embryos, die von ihrem natürlichen Versteck aus das Liebesleben ihrer Eltern bespitzeln, ganz und gar ablehne. "

Die Vorstellung von verbitterten Embryos – warum sind sie eigentlich verbittert?! –, die ihre Eltern beim Koitus bespitzeln, ist recht amüsant. Nabọkov pinselt damit Freuds Vermutung aus, ein kleines Kind, das seine Eltern beim Beischlaf überrasche – die so genannte Urszene –, könne als Erwachsener darüber zum Neurotiker werden. Helmut Junker:

"Also ich erlebe Nobokov eigentlich als ein schmunzelnder, ironischer Literat, der sich gegen das Dogmengebäude Freuds richtet. Aber seine Figuren selbst sind vielschichtig, und die haben alle verschiedene Formen von Unbewusstem. Das würde Herr Nabọkov vielleicht auch bejahen."

1984 – Das eigentliche Freud-Bashing durch Jeffrey Masson.
War es Missbrauch oder Einbildung?

Der Begriff des Freud-Bashing stammt von einem kalifornischen Psychoanalytiker namens Jeffrey Masson, der Freuds Theorie von 1897 kritisch unter die Lupe nahm. Der Psychoanalytiker und Traumaforscher Mathias Hirsch aus Düsseldorf:

"Ein erstes Beispiel von Freud-Bashing war der Skandal, den Jeffrey Masson erregte 1984 mit seinem Buch "Was hat man dir, du armes Kind getan" in der deutschen Übersetzung des Titels, insofern Freud-Anklage, indem er ihm vorwarf, dass er seine sexuell missbrauchten Patientinnen verraten habe, indem er die Realität des Missbrauchs ersetzte durch die Phantasiewelt der Patientinnen, der Kinder, die sie einmal waren, nämlich durch den Ödipuskomplex mit den entsprechenden sexuellen und aggressiven Triebbestrebungen und den sexuellen Missbrauch und die Realität, die zerstörerische Realität, weit in den Hintergrund treten ließ."

Zu Freud kamen viele Patientinnen, die ihm ein im 19. Jahrhundert unerhörtes Geheimnis anvertrauten: Sie waren als kleine Kinder verführt worden. Freud hat diese Verführung zunächst geglaubt, dann zugunsten der Ödipustheorie als Phantasien und Wunschvorstellungen behandelt. Darauf zielt Massons Kritik: Freud sei im Kern frauenfeindlich, weil er die missbrauchten Kinder nicht ernstgenommen hätte. Michael Ermann, Psychoanalytiker und Professor für Klinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München:

"Das ist eine Aussage, die sich so aus Freuds Werk nicht belegen lässt. Freud hat das relativiert, Freud hat erkannt, dass die traumatische Erfahrung, speziell die sexuellen Übergriffe, der sexuelle Missbrauch, wie wir heute sagen, in Kindheit und Jugend, dass der durchaus auch eine bedeutende Rolle spielt, aber dass man durchaus nicht die gesamte Psychopathologie auf reale Verführungen, realen Missbrauch zurückführen kann, sondern dass die Bedeutung von Phantasien mindestens genauso wichtig ist. Freud hat die Verführungstheorie relativiert, er hat sie aber nicht aufgegeben."

1986 und die folgenden: Dieter E. Zimmers "Tiefenschwindel" und andere

Das in Deutschland betriebene Freud-Bashing vollzog sich hauptsächlich in der überregionalen Tages- und Wochenpresse aber auch in der Sachbuchliteratur. In dem 1986 erschienenen Buch "Tiefenschwindel" kritisiert Dieter E. Zimmer die "endlose und beendbare Psychoanalyse". Und in diesem Jahr schreibt der Autor in der Sonderausgabe der Zeit zum Freud-Jubiläum:

"Meiner Ansicht nach sind Freund nämlich nicht neben wertvollen Erkenntnissen auch ein paar Irrtümer unterlaufen, seine ganze Lehre war von Grund auf ein einziger zusammenhängender Irrtum, der uns noch lange zu schaffen machen wird. Aber in der Tat, er hat im Lauf seines Lebens so vieles und so Widersprüchliches zu so vielen Dingen des Seelenlebens geschrieben, dass es schon statistisch ein Wunder wäre, wenn nicht auch manches Richtige dabei gewesen wäre."

Ermann: "Ich denke, es ist die Kritik, die nicht auf den aktuellen Stand der Wissenschaft Bezug nimmt, so wäre meine Vorstellung. Der größere Teil dieser unsachgerechten Freud-Kritik geht vom Konzept aus, das Freud um 1900 vorgelegt hat und berücksichtigt nicht die Weiterentwicklung der Psychoanalyse über einhundert Jahre. Es ist eigentlich auch kein Freud-Bashing, würde ich sagen, sondern ich denke, es ist ein Psychoanalyse-Bashing, indem sich irrationale Vorurteile niederschlagen, und es ist sicherlich richtig, nicht etwa mit der Idee zu leben, dass die Psychoanalyse nicht angreifbar sei, dass sie nicht kritisierbar sei, im Gegenteil, aber ich denke, Kritik muss auf Fakten beruhen, die dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft entsprechen."

Ein Großteil der Kritik zeigt, dass der Wissenschaftsbegriff von Psychoanalytikern und empirisch forschenden Psychologen keinen gemeinsamen Nenner gefunden hat. Während Freud, eher hermeneutisch vorgehend, sich um die Bedeutung der Träume im Rahmen der Persönlichkeitserforschung kümmerte, beharrten neurologische Traumforscher jahrzehntelang darauf, dass Träume nichts als ein Nervenzucken sei.

Ermann: "Ich denke, dass eine wichtiger Bereich sich auf die Traumlehre von Freud bezieht, gerade im Zusammenhang mit den früheren neurophysiologischen Untersuchungen, in denen man zu dem Ergebnis gekommen zu sein glaubte, dass Träume ausschließlich aus automatischen angeborenen Schlaf-Rhythmen entstehen, wo man REM gleichgesetzt hat mit Träumen, und wo man meinte, Freuds Hypothese, dass Träume einen individuellen Sinn haben, widerlegen zu können, indem man einfach sagte: Das sind die affektiven und auch optischen Begleitphänomene von automatischen, nicht weiter psychologisch motivierten Hirn-Aktivitäten. Diese Auffassung ist schlicht und einfach falsch, wie wir aus einer ganzen Reihe von empirischen Untersuchungen wissen, indem wir zum Beispiel wissen, auch in unserem eigenen Schlaf- und Traumlabor so beforscht, dass Träume durchaus auch in anderen Schlafphasen als in REM-Phasen vorkommen, allerdings auf andere Weise gestaltet sind und auch auf andere Weise erinnert werden."

Freud-Kritik für alle
Der Vorwurf des Pansexualismus
Oder:
Alles ist Lịbido

Nach Freud repräsentiere noch der harmloseste Gegenstand eine sexuelle Handlung oder ein sexuelles Objekts, behaupten seine Gegner.

"Alle in die Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, Schirme wollen das männliche Glied vertreten. Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höhlen, Schiffe und alle Arten von Gefäßen.
Auch Kinder bedeuten in Träumen oft nichts anderes als Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt sind, ihr Genitale liebkosend als ihr 'Kleines' zu bezeichnen. Zur symbolischen Darstellung der Kastration dient der Traumarbeit: die Kahlheit, das Haarschneiden, der Zahnausfall und das Köpfen. "

So Freud in seiner "Traumdeutung", die unter vielen anderen Quellen auch den Griechen Artemidọros von Ephesos heranzieht.
Die Kritiker werfen Freud vor, er interpretiere das gesamte Leben, alle Handlungen und Absichten der Menschen, als triebgesteuert. Aus dem Spannungsfeld zwischen Lịbido und Aggression entwickele sich alle Dynamik. Der stärkste Trieb sei jedoch die Lịbido. Hinter jedem noch so vordergründig benannten Wunsch verberge sich, Freudscher Analyse zufolge, ein Lịbido-gesteuertes Motiv. Vulgo lautet das Argument im Freud-Bashing:

"Alles ist Sex."

Doch derartig schematisch ging Freud nicht vor. Traumdeutung ist komplexer und kaum auf eine Liste von Symbolen und ihren Entsprechungen zu reduzieren.

Freud beschreibt in seiner Entwicklungstheorie, wie die Lịbido, also das erwachsene Sexualstreben sozusagen in verpuppter Form heranwächst. Das, was dem Erwachsenen Sex ist, nämlich der genitale Sex, ist nur die Endform. Wie der Schmetterling in der Raupe heranwächst oder der Frosch in der Kaulquappe, so wechselt auch die menschliche Lịbido ihre Gestalt. Und das, was dem Säugling Trost und höchste Lust bedeutet, nämlich das Nuckeln an Mutters prall gefüllter Brust, ist, laut Freud, nur die orale Phase, die erste Stufe, in der die Lịbido heranwächst.

Alles ist Sex? Nun ja, nicht alles, aber doch sehr vieles. Und vor allem: Das, was Sex ist, wechselt innerhalb eines Menschenlebens.

Die Psychoanalyse hat sich zu einer Wissenschaft gewandelt, die auch die Argumente der empirischen Sozialforschung sachlich widerlegt hat. Ging es etwa vor zehn Jahren noch um die skeptisch gestellte Frage, ob Psychoanalyse denn überhaupt hilft, so belegen das inzwischen umfangreiche Katamnesestudien, also solche, die noch Jahre nach Abschluss die Wirksamkeit der Psychoanalyse erforschen. Professor Ermann:

"Die Kritik geht von einer bestimmten Forschungsrichtung aus, von dem empirischen Belegen von Veränderungen auf der Ebene der Symptome. Die Veränderung von Symptomen ist nur ein Teil der psychoanalytischen Zielsetzung, der Zielsetzung der psychoanalytischen Behandlung, der Weg dorthin ist auf jeden Fall der über die Änderung der psychologischen Hintergründe und der Persönlichkeitsstruktur. Diese Zusammenhänge, speziell die persönlichen Hintergründe, lassen sich schwer mit diesen empirisch-positivistischen Forschungsmethoden der akademischen Psychologie erfassen. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir in den letzten Jahren, etwa 15 Jahren, eine ganze Reihe von hochkarätigen wissenschaftlichen Arbeiten haben, speziell auch aus dem deutschsprachigen Bereich, in denen die Wirksamkeit der analytischen Psychotherapie unter der Zielsetzung der Symptomänderung und der dauerhaften Änderung vor allem nachgewiesen ist, und das hat sicherlich auch sehr zur Zukunftssicherung der Psychoanalyse beigetragen."

Durch die neueren Ergebnisse der neurobiologischen Hirnforschung wird das, was Freud als erster beforscht hat, nämlich die unsichtbaren Einwirkungen unsichtbarer Persönlichkeitsfaktoren auf unser Handeln, die Bedeutung des Unbewussten, messbar und belegbar. Ist das Freud-Bashing damit abgeschlossen? Mathias Hirsch:

"Das scheint sich zu ändern, besonders, meinem Eindruck nach, nach dem Einfluss der neuen hirnphysiologischen Erkenntnisse, des Booms der Forschungen von verschiedensten Seiten der neuen Bildgebungsverfahren, dass man aufmerksam wird, und doch anerkennen muss, dass, was die Psychoanalyse insbesondere mit den Konzepten des Unbewussten, was die Psychoanalyse intuitiv geleistet hat, dass das zum Teil, und wahrscheinlich zunehmend, durch knallharte naturwissenschaftliche Erkenntnisse gestützt und bestätigt werden kann. Und in dieser Zeitströmung wird plötzlich Freuds Psychoanalyse wieder gesellschaftlich, so scheint es mir. Ob ein Freud-Bashing nun damit aufhört, oder ob man nicht doch sein Mütchen in einer Weise an ihm kühlen möchte, das kann ich nicht beurteilen."

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