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Studio 9 | Beitrag vom 15.01.2016

Freiwillige Rückkehrer in den IrakVon Deutschland enttäuscht

Von Anja Nehls

Reisende und Flüchtlinge an Check-In-Schaltern in Berlin-Tegel eines Fluges der Iraqi Airways nach Erbil, (dpa / picture-alliance / Gregor Fischer)
Reisende und Flüchtlinge an Check-In-Schaltern in Berlin-Tegel eines Fluges der Iraqi Airways nach Erbil (dpa / picture-alliance / Gregor Fischer)

Hunderte Iraker sind in den letzten Monaten freiwillig in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie fühlten sich so würdelos, Deutschland sei nicht gut, sagt einer davon am Berliner Flughafen Tegel. Manche ihrer Landsleute in Deutschland können das verstehen. Der libanesischstämmige Reiseunternehmer Alaa Hadous hingegen nicht.

Mittwoch Mittag in der Abflughalle C des Flugahfens Berlin-Tegel. In zwei Stunden fliegt eine Maschine nach Erbil im Irak, dann weiter nach Bagdad. An den Schaltern drängeln sich junge Männer, aber auch Familien mit Kindern. Die meisten kamen als Flüchtlinge nach Berlin, nun wollen sie wieder nach Hause, so schnell wie möglich:

"Er erzählt, er ist seit fünf, sechs Monate hier und es gibt nichts für sie zu tun, alle haben so viele Krankheiten, sie können nicht zum Arzt gehen, das Essen ist zu wenig, was sollen sie hier machen, wo alles so sinnlos ist, es geht nicht mehr, seit Monaten."

Der junge Mann ist einer von vielen. Von wie vielen ist unklar. Wer freiwillig wieder zurückkehrt in die Heimat und keine Rückkehrhilfen in Anspruch nimmt, wird nicht gezählt. Ungefähr 400 Flugtickets von Berlin Tegel in den Irak hat er allein in den letzten vier Monaten verkauft, schätzt, Alaa Hadous. Er betreibt ein kleines Reisebüro mit angeschlossenem Schmuckladen, nebst Goldankauf direkt neben dem Lageso, der Berliner Erstaufnahmestelle für Asylbewerber in Moabit:

"Klar, deswegen habe ich jetzt hier einen großen Vorteil, das Lageso ist neben mir, arabisch spreche ich. Wenn einer kein Geld hat, kann er seinen Schmuck verkaufen. Viele haben auch Schmuck dabei, wie Ringe oder Goldkettchen oder Sonstiges. Und deswegen ist sozusagen alles in einem."

295 Euro kostet ein Ticket. Die Preise sind gestiegen, weil die Nachfrage gestiegen ist, sagt Alaa Hadous. Seine Eltern stammen aus dem Libanon. Er kann nicht verstehen, dass viele ihr letztes Geld zusammenkratzen und Hals über Kopf nun wieder zurück wollen.

"Einige von denen hatten halt ihre Familien noch dort im Irak gehabt und da habe ich auch kein Verständnis dafür gehabt, weil ich denen gesagt habe, okay, ihr hättet doch vorher sowas schon wissen müssen, ihr seid jetzt hier, versucht doch, ein neues Leben anzufangen und später könnt ihr immer noch eure Familien dann herholen, das ist ja noch nicht zu spät. Die hätten auch eine Chance gehabt, das habe ich auch mit vielen Kunden bei mir besprochen, ihr habt so viel Geld bezahlt, ihr habt Tage auf dem Weg nach Deutschland verbracht, ihr habt vieles erleben müssen, Kälte, Leid und jetzt wollt ihr auf einmal zurück. Warum?"

Die Todesdrohung noch immer in der Tasche

Weil sich viel Deutschland einfach anders vorgestellt haben, sagt Daad Thabet. Sie stammt selbst aus dem Irak, kam 1989 auch als Flüchtling nach Deutschland und arbeitet jetzt als Dolmetscherin.

"Ich verstehe die vollkommen, weil ich weiß wie schwierig das ist, durchzuhalten, und besonders wenn man so beengt ist;  weil ich war auch in einem Heim. Keiner sagt mit zum Beispiel, in einem Jahr kannst du deine Familie treffen. Wenn man mir eine Zeit gibt, dann ist es einfacher zu warten, aber wenn man Ungewissheit hat, dann flippt man aus, weil die Zeit ganz langsam geht."

Ein 24-Jähriger aus dem kurdischen Teil des Irak sieht das ähnlich. Er steht nur mit einer kleinen Reisetasche am Flughafen. Vier Monate war er hier, jetzt will er heim zu seiner Familie:

"Es gefällt ihm nicht, und die respektieren uns nicht; diese Würde, wir fühlen uns so würdelos, wir sind sechs in einem Zimmer, wir haben kein Platz zum Schlafen oder Privatsphäre; Deutschland ist nicht gut, meine Familie sind alle dort und ich werde mich wohlfühlen, zwischen meiner Familie. Er sagt, wenn ich zurückkehre, werde ich heiraten."

Seine Heimatstadt liegt dicht an der Grenze zur Türkei. Nach wie vor kann es da Konflikte geben, aber das will er in Kauf nehmen. Ein älterer Mann hinter ihm in der Schlange am Flughafen will zurück nach Bagdad, aber nur kurz, zu gefährlich; dann weiter nach Istanbul, seine dort zurückgebliebene Familie suchen und in der Türkei ein neues Leben anfangen. Eine Todesdrohung, die er vor seiner Flucht aus Bagdad bekommen hat, trägt er immer noch bei sich:

Das ist eine Bedrohung, er hatte das gekriegt als er in Bagdad war, dass er Atheist ist und er muss in 72 Stunden das Land verlassen oder er wird getötet. Er hatte das alles erzählt aber keiner hat sich darum gekümmert, niemand wollte seine Geschichte anhören.

Die wenigsten nehmen die Rückkehrhilfen in Anspruch

Die irakische Botschaft in Berlin hat nach Angaben des Auswärtigen Amtes bisher 1400 Pässe für Rückkehrer ausgestellt. Ende Oktober waren es erst 150. Für alle, die keine Pässe mehr haben, gibt es dort ein Behelfsdokument, mit dem man aber nur direkt in den Irak reisen kann, sagt Alaa Hadous vom Reisebüro Golf in Moabit. Die sechsköpfige Familie, der er vor Kurzem erst geholfen hat, die notwendigen Papiere zu besorgen, sei kein Einzelfall:

"Da war es halt der Fall, dass diese Familie keine Reisepässe hatte. Die haben die Reisepässe auf dem Weg nach Deutschland zerrissen, weil alle sich als Syrer hier in Deutschland anmelden wollten sozusagen."

Ein echter Syrer sei aber bisher nicht da gewesen, - in eine Heimat, die es nicht mehr gibt, könne man auch nicht zurückkehren, sagt Hadous. Von den freiwilligen Rückkehrern in den Irak nehmen allerdings die wenigsten die angebotenen Rückkehrhilfen in Anspruch. Neben einer Erstattung der Reisekosten gibt es je nach Herkunftsland auch noch bis zu 500 Euro Wiedereingliederungshilfe für Erwachsene und 250 für Jugendliche. Vom Anstehen in Warteschlangen haben die, die nun am Flughafen Tegel auf den Abflug nach Erbil warten, erstmal genug. Heimat ist Heimat, auch wenn es dort nach wie vor gefährlich ist. Verstehen können das nur Landsleute, sagt Daad Thabet:

"Sogar ich, die ich jetzt seit Ewigkeiten in Deutschland bin und in Berlin seit fünf Jahren, manchmal fällt mir der Himmel auf den Kopf, nicht die Decke."

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