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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.07.2015

FreihandelsabkommenWas die Automobilindustrie von TTIP erwartet

Von Marcus Pindur

Neuwagen stehen auf einem Verladeplatz nahe Michendorf (Brandenburg). (dpa / picture alliance / Ralf Hirschberger)
Bereit zum Verladen: Bis zu 20 Prozent mehr Handelsvolumen könnte TTIP bringen, erwartet die Automobilbranche. (dpa / picture alliance / Ralf Hirschberger)

TTIP ist in den USA und Europa heftig umstritten. Vor seinen negativen Folgen warnen Verbraucherverbände. Einzelne Branchen erhoffen sich eine positive Wirkung des Freihandelsabkommens. Mit deutlichem Wachstum rechnen die Vertreter der Automobilindustrie.

Die Ängste dies- und jenseits des Atlantiks ähneln sich: Die Verbraucherorganisationen warnen beim TTIP-Handelsabkommen vor einem Abbau von Sicherheitsstandards. Jean Halloran ist Beraterin für Consumer Reports, die führende amerikanische Verbraucherschutzorganisation. Die amerikanischen Verbraucherverbände hätten ähnliche Fragen an das TTIP-Abkommen wie die europäischen, so Jean Halloran.

"Das Problem ist, dass die Verhandlungsparteien sich über unterschiedliche Regulierungen auf beiden Seiten des Atlantiks verständigen wollen. Aber sie haben nicht gesagt, dass sie auf die Aufwertung beider Standards abzielen. Deshalb sind wir besorgt, dass es eine Abwärtsspirale gibt, dass man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt."

Doch in der Regel wird sowohl in der Europäischen Union als auch in den USA Konsumentensicherheit  groß geschrieben. Für die Automobilindustrie kann das auch belegt werden. Die Zahl tödlicher Autounfälle ist in Europa und den USA im Schnitt gleich. Ganz im Gegenteil, Unterschiede gibt es jeweils eher zwischen ärmeren und reicheren amerikanischen Bundesstaaten oder ärmeren und reicheren EU-Mitgliedsstaaten.

Unterschiedliche Standards in den USA und Europa

Für die Sicherheit sind offensichtlich unterschiedliche Standards in den USA und Europa weit weniger entscheidend als Faktoren wie das durchschnittliche Alter der Fahrzeugflotte oder der Zustand des Straßennetzes. Caroline Freund ist Ökonomin am "Peterson Institute for International Economics"in Washington D.C. Sie hat eine Studie zu möglichen Auswirkungen des TTIP-Vertrages auf die Automobilindustrie beiderseits des Atlantiks erstellt.

"Staatliche Sicherheitsvorschriften sind da, weil der Konsument geschützt werden soll, oder weil die Umwelt geschützt werden soll. Sowohl Europa als auch die USA haben einen hohen Sicherheitsstandard, die Konsumenten werden also gut geschützt. Das Problem ist, dass dieser Schutz mit unterschiedlichen Vorschriften erreicht wird."

Viele Vorschriften und Standards im Automobilbereich seien jedoch willkürlich, so Wade Newton, der Sprecher des amerikanischen Branchenverbandes "Alliance of Automobile Manufacturers", dem auch deutsche Autokonzerne angehören.

"Zum Beispiel ist der Bereich, den die Scheibenwischer auf der Frontscheibe abdecken müssen, in den USA und einigen europäischen Ländern unterschiedlich groß. Es gibt Probleme mit den Seitenspiegeln, die unterschiedliche Winkel abbilden müssen. Es gibt ein Problem mit den Blinkern. In Europa müssen sie orange sein. In den USA können sie rot oder orange sein."

20 Prozent mehr Handelsvolumen möglich

Auch die Crashtests sind unterschiedlich. Während in Europa die Dummies angeschnallt sind, müssen sie in den USA auch mit nicht angeschnallten Testpuppen durchgeführt werden. Das Sicherheitsniveau ist nach Ansicht der weitaus meisten Experten bei amerikanischen Autos jedoch genauso hoch wie bei europäischen. Lediglich die Methoden und Prozesse, dies zu messen, unterscheiden sich. Von einer Angleichung dieser Standards oder der Anerkennung der jeweils anderen Testmethoden würden beide Seiten profitieren, so die Studie von Caroline Freund. Sie hat TTIP mit ähnlichen Handelsabkommen verglichen und schätzt, dass sich durch TTIP das Handelsvolumen in der Automobilindustrie um 20 Prozent erhöhen würde.

"Im Moment bauen die Automobilhersteller zwei unterschiedliche Modelle für Deutschland und die USA. Der Audi, den ich fahre, ist im Prinzip der gleiche Audi, den ein deutscher Konsument fährt. Er unterscheidet sich aber in vielen Kleinigkeiten, etwa beim Rückspiegel, bei der Farbe der Blinker, oder der Dicke des Glases. Würde man das vereinheitlichen, könnten wir auf beiden Seiten des Atlantiks ein gleichwertiges Fahrzeug für weniger Geld kaufen."

Der Wachstumseffekt würde die Europäer sogar bevorteilen. Drei Viertel der Wachstumseffekte verblieben bei der europäischen Automobilindustrie – weil die Europäer derzeit weit mehr in die USA exportieren als umgekehrt. Doch es gibt noch ein weiteres, strategisches Argument für eine Einigung zwischen den USA und den Europäern – sie könnten globale Standards setzen.

"Wenn die USA und Europa sich einig sind, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass China sich dem anschließt. Dann hätten die USA und die EU einen Wettbewerbsvorteil, weil ihre Produkte preiswerter herzustellen wären. Und gleichzeitig würden wir für die Weltwirtschaft hohe Sicherheitsstandards setzen können."

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