Montag, 28. Juli 2014MESZ10:22 Uhr

Buchkritik

SachbuchAuf verschlungenen Wegen
Geldscheine hängen durch Wäscheklammern gehalten auf einer Wäscheleine.

Der französische Ökonom Gabriel Zucman setzt sich in "Steueroasen" mit Verteilungsgerechtigkeit von Kapital auseinander. Er ordnet zu und klärt auf über das Horten von Geld in ausgewählten Finanzkapitalen.Mehr

Neapel-KrimiAbgründe einer mediterranen Metropole
Neapel

Maurizio De Giovanni, einst Bankangestellter und Wasserballspieler, ist nur aus Zufall Schriftsteller geworden. Sein neuer Krimi über einen unheimlichen Mord in Neapel ist ein glänzendes Beispiel für gute Genre-Literatur.Mehr

LiebesromanShowdown in den Bergen
Schneebedeckte Berge vor einem grauen Himmel

Charles Frazier erzählt von Luce, die sich um die traumatisierten Kinder ihrer ermordeten Schwester kümmert. Dann taucht der Mörder auf, Luces drogensüchtiger Vater mischt sich ein und ein alter Verehrer auch. Mehr

weitere Beiträge

Literatur

LyriksommerDas Lied der Globalisierung
Der amerikanische Dichter Ezra Pound ("Pisan Cantos") am 18. April 1958 in Washington D.C.

Die Dichtung durchpflügt Kulturkreise und Historie, in der Monarchien vergingen, Diktatoren siegten und scheiterten, sie feiert Homer, Dante und die altchinesische Philosophie.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.06.2005

Freakshow illusionslos gewordener Beatlesfans

Lars Saabye Christensen: "Waterloo"

Vorgestellt von Peter Urban-Halle

Die Beatles werden 1964 in New York stürmisch begrüßt
Die Beatles werden 1964 in New York stürmisch begrüßt (AP)

In Lars Saabye Christensens schräg-schönem Roman "Yesterday" erkannte die Hauptfigur, dass alle Kunst nur Lug und Trug sei, mit Ausnahme der Musik. Gemeinsam mit ein paar Freunden wollte der in Oslo lebende Kim wie die "Beatles" sein. Im neuen Buch, der Fortsetzung von "Yesterday", ist der Traum ausgeträumt.

In diesen noch wunderbar unpolitischen Aus- und Aufbruchsjahren ab 1965 wollten sie wie die Beatles sein und träumten ohne die geringsten musikalischen Fertigkeiten, von Instrumenten gar nicht zu reden, davon, eine Band zu gründen. Im neuen Buch, der Fortsetzung von "Yesterday" (die in Norwegen schon 1990 erschien) ist der Traum ausgeträumt - aber wer träumt schon noch davon, wie Abba zu spielen?

Jetzt stecken wir in den tiefen 70er Jahren, in denen jeder der Freunde sein Waterloo erlebt. "Waterloo" ist eine Freakshow illusionslos gewordener Beatlesfans. Kim kehrt aus Italien zurück, fast reumütig, mit einem einbandagierten Geschlechtsteil. Den Grund dafür erfahren wir nach und nach. Seb ist jetzt Lyriker und verkauft seine misslungenen Gedichte auf der Straße, was die Polizei nicht gern sieht, weil er keinen Gewerbeschein hat. Gunnar ist unter die Proletarier gegangen und kommunistischer Drucker geworden, Ola läuft als wandelnder Kühlschrank Reklame. Und dann ist da noch Vivi, kein wandelnder Kühlschrank, sondern eine wandelnde Liebesgeschichte, geheimnisvoll und verlockend, die Kim immer wieder entgleitet, und doch ist sie wahrscheinlich der einzige Traum, der in diesem Buch über die 70er Jahre weitergeträumt werden darf. Die beiden werden sich bestimmt wiedersehen. Bestimmt.

Der Norweger Lars Saabye Christensen, geboren 1953 in Oslo, wurde bei uns durch den glänzenden Roman "Der Alleinunterhalter" bekannt, dann folgten die Erzählungen "Der eifersüchtige Friseur und andere Helden", die in Thema und Stil an Burkhard Spinnen erinnern. Durch "Yesterday" (und den mächtigen Roman "Der Halbbruder", für den er den Nordischen Literaturpreis erhielt) wurde aus dem Geheimtip so etwas wie ein Star. "Waterloo" knüpft daran an. Der lakonische Witz und der Humor bewahrt seine "Helden" vor dem Untergang. Utopien sind nicht mehr zu erwarten, aber in der Depression versinken, das wollen sie auch nicht.

Lars Saabye Christensen: Waterloo
Roman
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt

btb Verlag, München 2005
350 Seiten. 9 Euro