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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 20.09.2015

Frauen und TeamsportNach dem ersten Kind ist alles vorbei

Von Sonja Gerth

Basketball-Europaspiele in Baku: Nicht viele Frauen spielen noch Basketball, wenn sie eine Familie gegründet haben. (dpa / picture alliance / Srdjan Suki)
Basketball-Europaspiele in Baku: Nicht viele Frauen spielen noch Basketball, wenn sie eine Familie gegründet haben. (dpa / picture alliance / Srdjan Suki)

In Mannschaftssportarten wie Handball, Basketball und Volleyball gibt es kaum Spielerinnen über 30 Jahre. Unsere Autorin Sonja Gerth weiß das aus Erfahrung - und hat nach Gründen gesucht.

Mein letztes Basketballteam hat sich aus Mangel an Spielerinnen aufgelöst. Eigentlich waren wir gar nicht so schlecht. Aber die eine zog es beruflich nach Kanada, die andere nach München. Die Dritte kämpfte mit ihrer Doktorarbeit, und die vierte schaffte es nach dem zweiten Kind auch nicht mehr zum Training. Bei den Spielen waren wir froh, wenn wir noch eine Ersatzspielerin auf der Bank hatten. Und zum Training waren wir oft nur zu fünft oder zu sechst. Das machte irgendwann keinen Spaß mehr.

"Egal, was wir gemacht haben im Basketballverband, um mehr Mädchen und Frauen zum Sport zu bringen, es ist kaum etwas passiert."

Susanne Bürger ist die Mädchen-Beauftragte des Berliner Basketballverbandes. Sie hat die Statistiken untersucht:

"Man sieht, dass bei den unter 18-Jährigen ein Riesenunterschied ist zwischen Jungen und Mädchen. Dieses Jahr gab es 910 Spielerpässe. Bei den Jungen, im Vergleich: 3390. Bei den 18- bis 30-Jährigen geht die Zahl schon zurück. Bei den über 30-Jährigen, da sieht man dann dieses Jahr 243, da sind die Zahlen insgesamt sinkend. Ist schon erstaunlich."

Nur 250 Basketballerinnen über 30, die in der 3,5-Millionen-Stadt Berlin am Ligabetrieb teilnehmen? Das kann doch nur ein Scherz sein. Basketball, Handball, Volleyball: Alle drei Sportarten haben deutschlandweit in den letzten Jahren weibliche Mitglieder verloren. Wahrscheinlich läuft es da ganz ähnlich wie bei uns:

"Meistens kommt irgendwann der Punkt ,wo sie ihr erstes Kind bekommen. Und dann heißt es bei vielen: Ich komme in sechs, acht Wochen zurück. Und dann wird daraus eine längere Pause und eine längere Pause und dann werden die Abstände immer größer und dann kommen sie doch nicht zurück."

Der Beckenboden wird zum sensiblen Thema

Meine Mitspielerin Sarah ist genau wie ich ein seltenes Phänomen: Über 30 und immer noch im Teamport aktiv. Gut, irgendwann zwickt und zwackt es. Der Beckenboden wird zum sensiblen Thema. Und den Gegnerinnen kommt man auch nicht mehr so gut hinterher wie früher. Die Mädchenbeauftragte Susanne Bürger kennt das:

"Jeder weiß in so einem Ligabetrieb, hat man eine hohe Verpflichtung. Kinder, Beruf, allem gerecht zu werden, sich Zeit fürs Hobby zu nehmen fällt den Männern offenbar leichter."

Fürs Team da sein, den Sonntag bei einem Auswärtsspiel verbringen, Kampfgericht machen. Das Hobby steht bei Frauen oft hinter der Familie zurück. Außerdem wollen sie vielleicht Karriere machen. Bei Überstunden ist das Training das erste, was gestrichen wird. Und bei einem Jobwechsel sind sie dann doch zu faul, sich am neuen Ort ein neues Team zu suchen.

Dabei wollen die Leute doch Sport machen! Nach jedem zweiten Einkauf werde ich angesprochen, ob ich nicht in ein Fitness Studio eintreten will. Zumba, Rücken Fit, Body Fit, und nicht zu vergessen: Yoga. 8,6 Millionen Deutsche sind Mitglied in einem Fitnessstudio, sagen die Betreiber. Und es ist ja auch praktisch, jederzeit dorthin gehen und einen Kurs belegen zu können, oder auch nicht. Keinem fällt meine Abwesenheit auf. Es ist der perfekte Ort für Individualisten. Und das Ziel meiner sportlichen Tätigkeit ist nicht die Mannschaftserfahrung, sondern die Perfektionierung meines Körpers. Denn wer einen schönen Po haben will, der spielt deswegen kein Basketball, meint Sarah.

Das muss der Grund sein, warum ich in einem herkömmlichen Laden keine Basketball-Schlabberhose finde, die meinen Basketball-Hintern bedeckt. Alles ist voller Elasthan. Hautenge Jogginghosen und Tops. Aus Sicht der Kaufhausketten ist Sport nur dazu da, um schlank zu bleiben. Trotzdem: Welcher basketballverrückte Mensch könnte auf dieses Geräusch, wenn der Ball sanft durchs Netz geht, verzichten? Oder das Tor im Handball, den Block im Volleyball? An dieser Stelle ein zaghafter Aufruf: Kommt zurück in die Halle, ihr Frauen, es geht auch mit Job und Kindern! Ich jedenfalls lasse mir nur von einem diktieren, wann ich aufhören soll: meinem Knie.

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