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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.05.2015

Französische WiderstandskämpferinGermaine Tillion bekommt Ehrenplatz im Pantheon

Von Eva Hepper

Ein Porträt der Resistance-Kämpferin Genevieve de Gaulle-Anthonioz, die im Pantheon beigesetzt werden soll, säumt in Paris die Straße. Ein Konvoi transportiert die Särge der vier Widerstandskämpfer zu ihrem letzten Ehrenplatz im Tempel der Nation. - Aufnahme vom Mai 2015 (AFP / Martin Bureau)
Ein Porträt der Resistance-Kämpferin Genevieve de Gaulle-Anthonioz, die im Pantheon beigesetzt werden soll, säumt in Paris die Straße. Ein Konvoi transportiert die Särge der vier Widerstandskämpfer zu ihrem letzten Ehrenplatz im Tempel der Nation. (AFP / Martin Bureau)

Als junge Frau, die als Widerstandskämpferin festgenommen wurde, überlebte sie das KZ Ravensbrück. Später engagierte sich die Ethnologin Germaine Tillion für Menschen in Algerien und gegen Folter im Irak.

"Verfügbar" – so lautete ihr Status im Konzentrationslager Ravensbrück. 1942, im Alter von 35 Jahren, war Germaine Tillion als Widerstandskämpferin in Frankreich von der Gestapo verhaftet und kurze Zeit später in das KZ unweit von Berlin deportiert worden. Verfügbar – das bedeutete: keinem spezifischen Arbeitskommando zugeordnet und deshalb überall und zu jeder Zeit einsetzbar zu sein. Oder auch verzichtbar. Germaine Tillion war als Verfügbare besonders gefährdet. Doch das beschäftigte sie zunächst weniger. 1995 sagte sie in einem Fernsehinterview:

"Was mich gleich interessiert hat, war das, was mir die politischen Gefangenen berichteten. Wenn ich das alles zusammensetzte, entstand ein Bild, was das Lager von Ravensbrück in ökonomischer Hinsicht bedeutete: nämlich eine Zentrale, die sehr viel Geld einbrachte auf der Grundlage der Ermordung der inhaftierten Frauen."

Vorträge im KZ

Obwohl sie mit dem Tod bedroht war, schaffte es Germaine Tillion, das KZ mit den Augen einer Wissenschaftlerin zu betrachten. Sie nahm das ganze perfide System in den Blick: die Hierarchie, die Funktionsweise, die Ökonomie. Darüber hielt sie auch Vorträge im Lager und schaffte so nicht nur für sich, sondern auch für andere Inhaftierte eine - vielleicht lebensrettende - Distanzierung zum Geschehen.

"Verstehen ist eine Labsal, vielleicht weil man dadurch innerlich beherrschen kann, was einen niederdrückt",

schrieb Germaine Tillion 1946 in ihrem Buch über das Konzentrationslager Ravensbrück; noch heute ein herausragendes Werk, in dem sie das Lagersystem minutiös beschreibt. Anders als ihre Mutter Emilie Tillion - auch sie wurde als Widerstandskämpferin nach Ravensbrück deportiert - hatte Germaine das Lager überlebt. Dass sie bereits kurz danach ein Buch darüber schreiben konnte, verdankte sie auch ihrer Profession. Denn sie war Wissenschaftlerin, genauer: Ethnologin.

Als neugierige Forscherin in Algerien

Germaine Tillion wurde 1907 geboren. Ihre Eltern, kunstaffin und hoch gebildet, ermöglichten beiden Töchtern ein Studium; nicht selbstverständlich in dieser Zeit. Germaine wählte Archäologie und Ethnologie und ging 1934 mit einem Forschungsstipendium nach Algerien; für sechs Jahre mit Unterbrechungen.

Britta Jürgs: "Als junge Frau, also mit Ende 20, ist sie alleine nach Algerien gegangen, um dort über einen Berberstamm zu forschen und war dort auch völlig auf sich gestellt, also mehrere Monate in der Einsamkeit zu leben und ohne viele Möglichkeiten überhaupt Französisch zu sprechen, da gab es auch nur wenige Menschen, die das konnten, das war schon eine mutige Aktion und auch sehr wichtig für ihr weiteres Leben."

Die Berliner Verlegerin Britta Jürgs. Gemeinsam mit der Romanistin Mechthild Gilzmer hat sie ein Buch mit zentralen Texten Tillions herausgebracht – nicht zuletzt über ihr Verständnis von Ethnologie.

Tillion: "Die Ethnologie ist ein Dialog mit einer anderen Kultur, ein Hin und Her, und bei jeder Bewegung verändert sich etwas, nicht nur auf einer Seite, sondern auf beiden."

Dass Tillion der einheimischen Bevölkerung unvoreingenommen und auf Augenhöhe begegnete, war ungewöhnlich. Auch ihre Überzeugung, dass die eigenen Erfahrungen den Blick auf den anderen bestimmten, war neu. Niederschreiben konnte sie ihre Erkenntnisse zunächst jedoch nicht: Als sie 1940 nach Frankreich zurückkehrte, herrschte Krieg. Germaine Tillion ging sofort in den Widerstand. Bis sie 1942 in die Hände der Gestapo fiel.

Gott und die Krokodile

Britta Jürgs: "Auf ihre Verhaftung reagierte Tillion mit einer afrikanischen Geschichte von zwei Fischern, die den Niger überqueren wollten und sich über die Gefahr durch Krokodile unterhielten. Und der eine hatte so das Gottvertrauen und meinte, Gott ist gut und uns kann nichts passieren, und der andere fragte, was ist, wenn Gott gut zu den Krokodilen ist? Und Germaine Tillion meinte dann auch nur angesichts der Zufriedenheit der deutschen Polizisten, die sie verhaftet haben: Heute war Gott wohl gut zu den Krokodilen. Das zeugt von einem ganz besonderen Humor in den schlimmsten Situationen."

Nach Krieg, Lagerhaft und dem Verlust der Mutter und vieler Freunde folgte in den 50er-Jahren eine weitere seelische Erschütterung für Germaine Tillion: der Algerienkrieg. 1954 und 1957 war Tillion als Beobachterin in ihrem geliebten nordafrikanischen Land und konnte es nicht fassen, dass die Franzosen Lager und Gefängnisse errichtet hatten, in denen gefoltert und hingerichtet wurde.

Tillion: "Es sind meine Landsleute, Menschen, die mir nahe stehen und mit denen ich mich verbunden fühlte. Und doch: Was sich vor meinen Augen abspielt, ist offensichtlich: In Algerien werden die Praktiken der Nazis angewandt."

Germaine Tillion traf sich – geheim – mit den Führern der algerischen Unabhängigkeitsorganisation FLN. Gerechtigkeit und Wahrheit sollten dem Wechselspiel aus Attentaten und Hinrichtungen ein Ende bereiten. Tillion machte die Zustände öffentlich. Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 war sie allerdings um eine bittere Erkenntnis reicher.

Tillion: "Zwischen 1939 und 1945 bin ich wie viele der Versuchung erlegen, Unterschiede zu formulieren, Ausgrenzungen vorzunehmen im Stil von: 'sie' haben dies getan, 'wir' würden es niemals. Heute glaube ich davon kein einziges Wort mehr, und ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass kein Volk davor gefeit ist, ein totales kollektives moralisches Desaster zu erleben."

Dass sie sich selbst davon nicht niederdrücken ließ, ist das Faszinierende an Germaine Tillion. Zu keiner Zeit, nicht als junge Forscherin in Algerien, nicht als Résistance-Kämpferin, nicht im Konzentrationslager und auch nicht während des Algerienkrieges verlor sie den Glauben an die Menschheit. Bis 2008, als sie im Alter von 100 Jahren starb, hat sie sich zu Wort gemeldet, geforscht und engagiert – zuletzt gegen Folter im Irak.

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