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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 26.07.2006

Französisch-jüdischer Publizist kritisiert israelisches Vorgehen

Alfred Grosser gegenüber Vorschlag einer UN-Truppe skeptisch

Moderation: Joachim Scholl

Porträt des in Frankfurt geborenen französischen Publizisten Alfred Grosser aus dem Jahre 1982 (AP Archiv)
Porträt des in Frankfurt geborenen französischen Publizisten Alfred Grosser aus dem Jahre 1982 (AP Archiv)

Der französisch-jüdische Politologe und Publizist Alfred Grosser hat seine harte Kritik am israelischen Vorgehen im Libanon erneuert. Die Regierung in Jerusalem müsse im Kampf gegen die Hisbollah umdenken. Jede israelische Bombe bringe mehr Libanesen an die Seite der radikal-islamischen Miliz.

Scholl: Trotz vieler diplomatischer Bemühungen wird weiterhin im Libanon gekämpft. Die Meinungen über das Vorgehen Israels sind geteilt. Jedermann versteht das Recht auf Selbstverteidigung, dennoch ist der militärische Effekt der Bombardements gering. Hunderte von Zivilisten sind umgekommen, Zehntausende auf der Flucht. Dazu sagt der Politologe und Publizist Alfred Grosser, zu lesen in einem Interview der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", Israel begeht im Libanon nichts anderes als Kriegsverbrechen. Er ist jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Grosser.

Grosser: Guten Tag.

Scholl: Sie sind jüdischer Abstammung, Herr Grosser?

Grosser: Ja, völlig, nach Hitler bin ich 100 Prozent Jude, ja.

Scholl: Ein sehr prominenter und renommierter europäischer Intellektueller, dessen Wort Gewicht hat. Man wird es auch in Israel hören, was wollen Sie erreichen?

Grosser: Erreichen, dass man in Deutschland aufweckt, dass man nicht mehr sagt, es gibt diplomatische Bemühungen, sondern dass man sagt: Warum schweigt Europa? Bush steht völlig hinter Israel, aber Europa soll an solchen Verbrechen an Libanon nicht schweigen und sagen, dass das überhaupt nicht gelten kann, dass man ein Land zerstört, dass man Städte zerstört, Elektrizitätswerke zerstört, Flughafen zerstört, Schiffe nicht in den Hafen reinlässt, nur alles, weil man sagt, man sei im Krieg mit der Hisbollah.

Scholl: Die Hisbollah im südlichen Libanon hat Israel permanent attackiert. Die Entführung der israelischen Soldaten haben für die Regierung das Fass zum Überlaufen gebracht. War, Herr Grosser, eine scharfe Reaktion nicht erwartbar? Trägt die Hisbollah nicht auch mit Verantwortung für die Eskalation?

Grosser: Ja natürlich, aber werden Sie sagen, zum Beispiel, Entführung von Soldaten, wenn es Krieg ist, dann sind das Kriegsgefangene, die auszutauschen sind gegen andere Kriegsgefangene. Wenn es kein Krieg ist, wieso dann diese Bombardierung? Dann sind es Geiselnahmen. Aber es ist Geiselnahme nur, wenn es keinen Krieg gibt.

Scholl: Wir in Deutschland fühlen uns verständlicherweise unsicher. Wir stehen auf der Seite Israels gegen den Terror, aber natürlich finden wir Bomben, die Zivilisten treffen, entsetzlich. Sie haben es schon angedeutet, aber inwieweit müsste denn die deutsche Regierung eindeutiger Position gegen die kriegerischen Mittel beziehen?

Grosser: Ja, das sollte sie schon tun und man lässt sich in Deutschland ständig einschüchtern, in Frankreich übrigens auch. Man spricht von humanitären Interventionen zu Gunsten der Zivilbevölkerung, die Krankenhäuser sind bombardiert, es gibt kaum noch Arzneimittel, es kommen Hunger und Durst und all das wird übergangen. Die vierte Republik in Frankreich ist 1968 zusammengebrochen, unter anderem, weil es einen Aufschrei gab gegen das Kriegsverbrechen von Frankreich, dass ein paar Bomben auf ein tunesisches Dorf fiel, weil sich dort Freiheitskämpfer, algerische Freiheitskämpfe, verschanzt hatten. Das galt damals als ein Kriegsverbrechen. Und das Ausmaß im Libanon das geschieht, ist tausend Mal mehr als das, was damals Frankreich getan hat.

Scholl: Der israelische Politologe Shlomo Avineri hat letzte Woche hier im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur gesagt, dass die Welt sich einfach daran gewöhnt habe, dass Israel Tag für Tag unter Beschuss stünde. Was seien schon zwei bis drei Raketen am Tag, so ungefähr. Und jetzt sollten wir uns mal vorstellen, das passiere jeden Tag in Deutschland. Das ist natürlich polemisch zugespitzt, aber Schlomo Avineri berührt ja einen wunden Punkt. Steht es uns überhaupt zu, Israel zu kritisieren?

Grosser: Ja, natürlich steht es Ihnen zu! Man war ja nicht nur gegen Hitler wegen Antisemitismus und wegen Auschwitz, sondern gegen Hitler wegen der Demütigung aller Menschen, die nicht Deutsche waren. Hier wird ununterbrochen seit Jahrzehnten in Gaza, Israel hat sich das Recht eingestanden zu töten, wen er will, einzugreifen, wo es will, und wenn man sagt, Israel steht unter Bomben, Gaza steht ständig unter Beschuss und die Demütigung der Palästinenser ist enorm und wenn das in Deutschland gesagt wird, gibt es eine Pressezensur. Ich bin zum Beispiel vom "Focus" zensiert worden, weil ich von einem Buch gesprochen habe, von dem ich sprechen sollte, von meinem Freund Rupert Neudeck, das heißt "Ich will nicht mehr schweigen" über das Schicksal der Palästinenser.

Scholl: Der Historiker Michael Stürmer sagt in seinem neuen Buch, das im August erscheint, dass der Rückzug der Israelis aus dem Libanon im Jahr 2000 von der Hisbollah als Zeichen der Schwäche gedeutet wurde. Im Westen wurde der Rückzug als Friedenssignal begrüßt. Jedes Zeichen von Israel, Rückzug auch aus dem Gazastreifen, hat ja keine Befriedung der Lage gebracht.

Grosser: Aber umgekehrt genauso nicht. Was hat die Anerkennung von Israel durch Arafat den Palästinensern gebracht? Was hat die Einrichtung einer Regierung gebracht, außer dass Israel von Anfang an her jedes Mittel verweigert hat und die palästinensischen Polizisten auch beschossen hat, wenn Attentate waren, anstatt sie einzusetzen. Und da könnte man lange aufrechnen.

Aber das Heutige ist, das Wichtige ist, dass ein Land total zerstört wird. Gestern gab es in Paris eine große Demonstration zu Gunsten Libanon. Es trifft sich, dass an sich Frankreich mit Libanon viele Beziehungen hat. Ich bedaure, dass unser Präsident nur sagt, es soll humanitär, soll gerettet werden, was gerettet werden kann, und nicht sagt, es ist unerträglich, dass diese Zerstörung eines Landes durchgesetzt wird.

Scholl: Das sagen Sie jetzt auch als französischer Staatsbürger in Richtung Jacques Chirac. Wie beurteilen Sie generell das Verhalten der Europäer? Viel zu zögerlich?

Grosser: Ja, viel zu zögerlich, viel zu schweigsam, viel zu darauf bedacht, nicht das Gegenteil von George Bush zu tun. Und George Bush hat völlig die Linie verlassen, die andere Präsidenten vor ihm gegangen sind, zum Beispiel Carter oder ein Außenminister wie Kissinger, die versucht haben zu vermitteln. Jetzt gibt es nichts mehr zu vermitteln, wenn der amerikanische Präsident sagt, ich lege ein Veto ein, sollte es eine Resolution der UNO geben, dass Israel irgendwie verurteilt, und seit Jahrzehnten entweder gibt es diese amerikanische Veto oder Israel folgt nicht den Vereinten Nationen, obwohl es von Vereinten Nationen gegründet worden ist. Und jetzt heißt es, die libanesische Regierung hat sich nicht einer Verpflichtung, einer Resolution der UNO gebeugt, aber wer hat angefangen sich nicht zu beugen?

Scholl: Wie beurteilen Sie die Chancen einer UN-Streitmacht die Hisbollah zu entwaffnen?

Grosser: Also, daran glaube ich keineswegs, die kann nur kommen, wenn es aufgehört hat zu kämpfen. Und Israel sagt ja auch, erst muss mal der Kampf durchgesetzt werden. Was heißt denn Kampf durchsetzen, wenn jede israelische Bombe mehr Libanesen auf die Seite des Hisbollah bringt? Israel will nicht einsehen, wie viel die Demütigung und die Eingriffe überall Hass entzündet haben, bei denen, die getroffen wurden.

Bei uns im Algerienkrieg, ich habe gegen diesen Algerienkrieg, eben weil ich Franzose war, gekämpft, genauso wie ich Israel kritisiere, weil ich Jude bin. Und damals stand ich auf der Seite des Bischofs von Algier, des katholischen Bischofs, der sagte, jedes zerstörte Dorf, jeder unschuldige Getötete bringt neue Terroristen hervor. Und die Regierung sagte damals, wie die israelische Regierung, die Attentate müssen aufhören, bevor die Repressalien aufhören.

Scholl: Nun sind die Fronten jetzt aber sehr verhärtet. Die diplomatischen Möglichkeiten scheinen gering, die Krise zu lösen. Was fordern Sie von Israel?

Grosser: Ja, das müsste eine völlige Umstellung der Geister sein an der Regierung. Man kann nur fragen, dass israelische Leiter daran denken, dass auf der anderen Seite Menschen sind, mit denen man sprechen muss, mit denen man Mitgefühl haben muss und nicht Menschen, die man ständig demütigt. In diesem Sinne habe ich auch gesagt, und das wurde mir sehr übel genommen, dass Daniel Barenboim viel mehr für den Frieden getan hat als Scharon.

Scholl: Mit seinem Orchester.

Grosser: Der Orchesterchef, ja.

Scholl: Jetzt scheinen solche kulturellen Bemühungen ja irgendwie nichtig.

Grosser. Ja, aber er hat wenigstens Ansatz gesetzt, wenn sie Zusammenarbeit machen, kann zwischen Leute, die sich heute bekriegen, also von deren Vertreter sich heute bekriegen, und den Frieden nur mit Bomben lösen, das hat noch niemand fertig gebracht außer durch die Zerstörung des Gegners, aber in dem Fall ist Libanon gar nicht der Gegner.

Scholl: Nun hat der Konflikt ja auch einen größeren geopolitischen Rahmen, wenn man so will, also Syrien und der Iran kochen natürlich auf dem Konflikt ihr eigenes Süppchen. Ist das hier aber dann nicht einfach naiv, von Israel zu verlangen, sozusagen die Friedenstaube zu starten?

Grosser Warum naiv? Seit 40 Jahren ist die Lage unsicher. Wie kann man Sicherheit gewinnen außer mit Vertrauen? Und dieses Vertrauen wird immer weniger entstehen. Und wenn zum Beispiel die israelischen Bürger moslemischen Glaubens auch misshandelt werden, auch gedemütigt werden, ist es kein Fortschritt für die Zukunft.

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