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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.11.2012

"Frankreich ist zurzeit irgendwie sehr angespannt"

Der französische Schriftsteller Alexis Jennis über seinen Erfolgsroman

Moderation: Barbara Wahlster

"Ich wollte schon einen Abenteuerroman schreiben", erklärt Alexis Jenni.
"Ich wollte schon einen Abenteuerroman schreiben", erklärt Alexis Jenni. (picture-alliance / dpa / Thomas Padilla)

Für seinen Roman "Die französische Kunst des Krieges" wurde Alexis Jenni mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. In seinem Buch befasst er sich mit den Kriegen seines Heimatlandes. Frankreich versuche auch heute die Konflikte genau so mit Gewalt zu lösen, das sei "doch absurd", so Jenni.

Britta Bürger: Ein Ende 40-jähriger Biologielehrer aus Lyon hat in seiner Freizeit immer wieder an Romanen geschrieben. Für die ersten beiden handelte er sich mehrere Verlagsabsagen ein, sein dritter Roman aber wurde vom Traditionshaus Gallimard genommen und prompt im vergangenen Jahr mit dem Prix Goncourt gekürt.

Alexis Jenni heißt der Autor, dessen Roman "L'Art Français de la Guerre" nun auch auf Deutsch vorliegt: "Die französische Kunst des Krieges", ein großes Geschichtspanorama.

Meine Kollegin Barbara Wahlster hatte Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch mit Alexis Jenni und fragte ihn zunächst nach seinem Protagonisten Victor Salagnon, den man von der Schulzeit an erlebt, unter deutscher Besatzung, im Widerstand, im Arbeitsdienst und dann später im Kolonialkrieg in Indochina und Algerien.

Warum ist all das, wie es an einer Stelle des Buches heißt, spurlos an ihm vorübergegangen?

Alexis Jenni: Nun, natürlich muss ich dazu sagen, dass ist eine Figur, die ich mir komplett ausgedacht habe. Ich habe niemals jemanden getroffen, der mich dazu inspiriert hätte, diese Figur so zu schreiben. Aber es ist wie immer, wenn man sich Figuren ausdenkt, man setzt sie aus ganz verschiedenen Dingen und Menschen zusammen, die man vielleicht schon mal getroffen hat.

Aber ich finde, diese Figur ist sehr kohärent, weil ich habe mir einfach eine Figur vorgestellt, die niemals von der Vergangenheit redet, auch niemals in der Vergangenheit lebt. Ich habe mir einfach gedacht, dass das ein Mann ist, der den Krieg mitgemacht hat, und irgendwann hat er für sich einfach beschlossen, dass der Krieg einfach nicht mehr stattfindet, dann ist er irgendwie in die Banlieue, in einen Vorort von Lyon, gezogen, hat geheiratet und Kinder bekommen, und er zeigt gar nichts an Emotionen - er hat ja auch keine Erinnerungen, und das war natürlich eine Art von Schutzfunktion.

Natürlich ist er im psychischen oder im psychiatrischen Sinn jemand, der das verdrängt hat, das ist ganz klar. Aber er braucht das für sein inneres Gleichgewicht, er ist jemand, der nur im Präsenz, der nur in der Gegenwart lebt. Man könnte sich vorstellen, dass er schon als junger Mann so war, und dann hat er als junger Mann eben etwas gemacht, das war in dem Fall einfach der Krieg, und hat nie etwas anderes gelernt, er hat nie darüber nachgedacht, und er ist einfach nur da.

Aber er denkt eben überhaupt nicht darüber nach, was er da getan hat, er stellt sich überhaupt keine moralischen Fragen, er macht es einfach, er will keine Spuren hinterlassen. Und in gewisser Weise kann man das auch auf Frankreich übertragen. Wir Franzosen, wir würden es so lieben, keine Spuren zu hinterlassen, nicht in die Vergangenheit zu schauen, aber natürlich ist diese Art, unsere Vergangenheit nicht anzunehmen, ein großer Flop.

Barbara Wahlster: Es gibt an irgendeiner Stelle Ihres Buches den Satz: "Wenn der Mord keine Spur hinterlässt, verschwindet auch der Mörder." Und es geht weiter und heißt: "Und dann häufen sich Gespenster, die man nicht identifizieren kann." Das könnte das Motto Ihres Romans sein.

Jenni: Juristisch - ich bin da nicht so bewandert, aber ich glaube, jeder Mord beginnt erst einmal mit einer Leiche, und solang es keine Leiche gibt, gibt es auch keinen Mord. Und das ist ja auch das Schändliche an all diesen schmutzigen Kriegen, die Frankreich geführt hat. Man hat ja immer versucht, die Opfer verschwinden zu lassen, dass sie keine Körper mehr haben, dass es keine Leichen mehr gibt, damit verlieren sie natürlich auch ihre Identität.

Das hat man gemacht bei der Schlacht um Algier, das hat man in Indochina gemacht, und da steckt irgendwo dahinter, dass wenn man die Leichen verschwinden lässt, sind die Täter für immer unschuldig, und das für alle Zeiten. Daher kommt es ja auch, dass zum Beispiel in den Kriegen wie im Spanischen Bürgerkrieg oder auch den Kriegen jetzt im Balkan es immer wieder diese Massengräber gegeben hat, man hat immer wieder plötzlich diese Toten gefunden, die hastig verscharrt worden sind, und es gibt Menschen, die verbringen Wochen, Monate, Jahre damit, diese Knochen auszugraben.

Und das ist natürlich etwas ganz, ganz Fürchterliches, das zu tun. Andererseits gibt man ihnen so ihren Namen und ihre Identität wieder. So lässt sich der Mord auch wirklich feststellen, und wenn ich sage, dass Leichen, die nicht existieren, praktisch, wie Gespenster werden, dann ist es ja auch so: Gespenster, die verfolgen einen ja, und die verfolgen einen für immer.

Wahlster: Jetzt haben Sie erwähnt sozusagen die großen Reisen, die großen Deplatzierungen, die die historische Perspektive darstellen in Ihrem Roman, gleichzeitig gibt es natürlich die andere Perspektive, nämlich wenn der Gang zu einer Nachtapotheke zu einer Erfahrung von Segregation in der Stadt wird, von Rassismus wird, dann sind wir sozusagen im Heute, in einem anderen Modus, und ich wüsste gerne, ob das für Sie die Folgen dieser großen Deplatzierung, die Folgend der Kolonialkriege sind.

Jenni: Also ich glaube, in Ihrer Frage gibt es zwei Dinge: Einmal geht es um diese Reise, und dann geht es um das, was ich das Mikroerlebnis des Alltags nenne würde.

Ich wollte schon einen Abenteuerroman schreiben, und dann gleichzeitig aber auch diese Mikrorealität irgendwie literarisch ausarbeiten, also mit den ganz banalsten Dingen: was geschieht in einem Supermarkt, was geschieht in der von Ihnen angesprochenen Apotheke?

Und da kann man dann so eine Riesenoper aus ganz banalen Dingen des Alltags machen, und das macht einem Schriftsteller einfach ganz großen Spaß. Zum zweiten Teil der Frage, was das Reisen angeht und was das in uns macht, da habe ich einfach nur eine Hypothese aufgestellt: Frankreich ist zurzeit irgendwie sehr angespannt.

Wir wissen nicht mehr so genau, wer sind wir Franzosen, wo wollen wir Franzosen hin. Plötzlich gibt es diese Ausbrüche von Gewalt, woher kommt diese Gewalt. Und ich stelle da einfach nur als Schriftsteller eine Hypothese auf und sage, diese letzten 50 Jahre, diese Gewalt, die wir als Franzosen, als Kolonialmacht an anderen Völkern sozusagen ausgelassen haben, das hat auch uns als Republik, als Französische Republik destabilisiert.

Wir haben gewisse republikanische Werte mit Füßen getreten, und das tut man nicht ungestraft. Ich bin kein Soziologe, ich bin kein Historiker, aber ich glaube, dass das, was vor 50 Jahren geschah, plötzlich in irgendeiner Form wieder zurückkommt. Und ich versuche einfach auch nur, das in eine gewisse Perspektive zu setzen. Ich versuche Bilder nebeneinanderzustellen, weil mir fällt plötzlich auf, dass sich gewisse Dinge einfach ähneln, wenn ich sie nebeneinanderstelle, und ich hinterfrage den Sinn dieser Bilder, und vielleicht ergibt das auch einen Sinn.

Und das hilft mir, die Welt vielleicht zu verstehen, und ich hoffe, dass es dem Leser genau so geht - und ich freue mich darüber, wenn es auch dem Leser gelingt, dann die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Wahlster: Das, was Sie beschrieben haben, ist natürlich etwas, was wir Deutsche aus unseren Versuchen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, gut kennen. Nun heißt Ihr Roman allerdings, Alexis Jenni, "Die französische Kunst des Krieges". Was ist französisch daran? Sie sprechen natürlich über die Sprache, über die Lügen, über die zerrissenen Seiten des Nationalepos bei de Gaulle. Aber, ja, was ist das Französische an der Kunst des Krieges?

Jenni: Natürlich haben diverse Länder so einiges gemeinsam, aber ich würde diese französische Kunst, Kriege zu führen, auf eine ironische Art und Weise der taoistischen chinesischen Tradition entgegenstellen, wie man auch Kriege führen kann. Und um es kurz zu vereinfachen, da geht es eben drum, nicht das mit Gewalt zu lösen, sondern einen Krieg gewinnt man, ohne ihn zu führen, also mit ganz anderen, eher unscheinbaren Mitteln, ohne die direkte Konfrontation.

Und die französische Art, einen Krieg zu führen, ist das ganze Gegenteil davon. Wir üben immer Gewalt aus, wenn es keinen Krieg gab, dann sorgen wir dafür, dass es zu einem Krieg kommt, und das ist eine Konstante, die vielleicht schon mit den drei Musketieren angefangen hat, also wir wollen dabei auch immer bravourös sein, und wir wollen etwas Heldenhaftes vollbringen. Das sage ich jetzt vielleicht ein bisschen ironisch, aber um etwas ernster zu werden, es ist schon so, dass die französische Gesellschaft eine ganz seltsame Form hat, Diskussionen auszuleben. Also wer diskutiert oder wer einen Kompromiss macht, der gilt als Schwächling, das gehört sich nicht, man macht keine Kompromisse.

Die französische Demokratie besteht darin, dass die Leute auf die Straße gehen und unglaublich viel Krach machen und dadurch etwas bewegen. Beispielsweise: Nachdem ich diesen Roman beendet hatte, ist in meiner Heimatstadt, in Lyon, wenige Wochen danach das gesamte Zentrum verwüstet und zerstört worden, die Polizei war da, es wurde geplündert, und irgendwo stört uns das ein wenig, aber andererseits finden wir das auch ganz normal. Und das ist eine Art von französischer Neurose, die wir da pflegen.

Und der ganze Konflikt mit den Vorstädten, mit den Banlieues, da versucht man eben auch, alle Konflikte eben genau so mit Gewalt zu lösen, also diese Kriegsszenarien wieder durchzuspielen - und das ist doch absurd.

Wahlster: Es kommt ja noch dazu, dass diese Auseinandersetzungen mit dem, was Sie Banlieue nennen, also mit den Jugendlichen, mit den Migranten, immer auch genährt ist von einem rassistischen Diskurs. Und es gibt so unterschiedliche Arten des rassistischen Diskurses, die Sie aufgreifen, oder die Sie versuchen auseinanderzunehmen - nicht soziologisch, es ist ein Roman, das will ich vielleicht an der Stelle noch mal ganz eindeutig sagen.

Es sind Affekte an manchen Stellen, die damit zu tun haben, wir zu sagen, also wir, die wir zusammengehören, das Sprungbrett ist auch die Möglichkeit, Ähnlichkeiten wahrzunehmen, heißt es an anderer Stelle. Wenn Rasse tatsächlich wie eine Wahnidee funktioniert, was macht das Konzept so attraktiv?

Jenni: Nun, ich habe diese sogenannten Rassenfragen studiert, ich bin im Übrigen ja auch Biologielehrer, und da habe ich mich schon dafür interessiert, ob das überhaupt Sinn macht, all diese Fragen nach Genetik und so weiter.

Und vieles hält ja wissenschaftlich überhaupt nicht stand, das ist ja total absurd, und im Prinzip haben wir auch seit 50 Jahren diese Akte geschlossen - und trotzdem glauben alle irgendwie daran. Natürlich gibt es immer den moralischen Einwand, wie kann man nur so denken, aber wir wollen unbedingt Unterschiede feststellen.

Sicherlich ist es so, wen ein Schwarzer und ein Weißer auf der Straße stehen, dann sehen Sie erst einmal unterschiedlich aus, aber was bedeutet das dann eigentlich. Und dann nehmen wir uns irgendein Detail heraus, von dem wir dann ausgehen, was uns dann plötzlich als nicht mehr natürlich erscheint. Und Rasse als solches hat überhaupt keinen Wert, das hat überhaupt keinen Inhalt, das hat man vergeblich versucht im 19. und 20. Jahrhundert irgendwie zu definieren, irgendwie Rassen gewisse Eigenschaften zuzuordnen, aber das hat nur absurde Resultate ergeben.

Und trotzdem haben wir diesen Appetit, dass wir Gruppen angehören möchten, dass wir dieses Wir uns so wünschen, dass wir uns so gerne ähneln wollen. Und das geht ja zurück bis in Familien, wenn man immer darauf besteht, dass dieser jenen oder einer anderen ähnelt. Und dieser Appetit, den gibt es einfach.

Und dann muss man auch noch beim Rassismus etwas anderes sehen, nicht nur dieses Negative, sondern Rassismus bedeutet ja auch im Gegenschluss, dass man sich zu etwas zugehörig fühlt, dass man so eine Zugehörigkeit sucht. Und das ist es ja, wenn man versucht, mit diesem Ähneln und mit diesem Gruppenbilden irgendetwas auszudrücken. Und das war etwas, was ich viel interessanter fand, als jetzt nur diesen klassischen antirassistischen Kurs zu fahren.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Profil 2012-10-29 - Wie ein Lehrer in seinen Freistunden zum Bestsellerautor wurde <br>Der Biologielehrer Alexis Jenni hat den "Prix Goncourt" gewonnen