Seit 09:07 Uhr Im Gespräch
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:07 Uhr Im Gespräch
 
 

Thema / Archiv | Beitrag vom 21.12.2010

"Frank Zappa fehlt auf jeden Fall"

Mitglied des Ensembles Modern würdigt US-Musiker Zappa

Dietmar Wiesner im Gespräch mit Ulrike Timm

Frank Zappa, amerikanischer Musiker, gestorben 4.12.1993 (AP)
Frank Zappa, amerikanischer Musiker, gestorben 4.12.1993 (AP)

"Kunst ist, aus Nichts etwas zu machen und es zu verkaufen", sagte der amerikanische Musiker Frank Zappa einmal - beides ist ihm geglückt. Dietmar Wiesner, Flötist des Ensembles Modern, würdigt Zappa, der heute 70 Jahre alt geworden wäre, als "Allround-Musiker".

Ulrike Timm: Schön eigentlich, dass es mit der Musik von Frank Zappa heute noch kleine Konfusionen gibt! Frank Zappa wäre heute 70 Jahre alt geworden, er starb aber bereits 1993 mit 53 Jahren. "Kunst ist, aus nichts was zu machen und es zu verkaufen", das sagte der amerikanische Musiker einmal. Beides ist ihm geglückt: 60 Alben hat Frank Zappa produziert, Rockmusik, aber eben auch Neue Musik, zum Beispiel "The Yellow Shark", "Der gelbe Hai", gemeinsam realisiert mit dem Ensemble Modern.

Frank Zappa war längst berühmt als Bürgerschreck, als jemand, der obszöne Texte zu exaltierten Rockrhythmen erfindet, ein Zeremonienmeister bei seinen Konzerten. Dass er sich aber intensiv und ganz selbstverständlich mit John Cage, mit Schönberg und mit Edgar Varèse beschäftigt hat, und selbst Neue Musik geschrieben, das ist weniger bekannt. Ich habe über diese Seite von Frank Zappa mit Dietmar Wiesner gesprochen, dem Flötist und Gründungsmitglied des Ensembles Modern, der an der Aufnahme, von der Sie eben etwas gehört haben, beteiligt war, und ihn erst mal gefragt, wie das denn überhaupt war, mit einer Rocklegende gemeinsam zu arbeiten?

Dietmar Wiesner: Ja also, der erste Eindruck, der sofort entstand, als man in diese berühmte Joe’s Garage kam, war, dass es einen ganzen Raum voller Noten gab, voller komponierter Noten. Und zwar nicht auf ein Ziel hin, sondern einfach komponiert aus Lust am Thema und aus Lust an der Freude. Und er verstand sich wirklich als ein Komponist auch. Er war nicht nur Rockmusiker, sondern er war einfach ein Allround-Musiker. Und wie wir auch gerade an dem Musikbeispiel gehört haben, hat er sozusagen die polyphone Sprache der Neuen Musik im Effeff beherrscht.

Timm: Es heißt, einige seiner Partituren seien unspielbar gewesen. Was war denn da so schwer?

Wiesner: Ja, Frank Zappa war ja nun in dem Sinne, wie man das von, in Anführungsstrichen, "normalen" Komponisten gewöhnt ist, er war kein Notist, sondern er war jemand, der sofort immer ausprobiert hat. Entweder mit seinen Bands oder an seiner Gitarre oder mit Musikern in seinem Studio. Und diese Arbeit hat er dann auch ausgeweitet in den 80er-Jahren mit seinem Synklavier. Er hat einfach am Synklavier Klänge ausprobiert, Klänge übereinandergeschichtet.

Timm: Jetzt sage ich mal schnell, das Synthesizer-Klavier, an dem man versucht, dann Partituren samt Klangfarben im Einmannbetrieb zu realisieren.

Wiesner: Ja, das Synklavier war sozusagen die erste große Mediahardware-Station.

Timm: Gab es vielleicht auch schlicht eine Abwehrhaltung Frank Zappas Neue Musik aufzuführen, eine Abwehrhaltung sowohl bei Zappa gegen normale Orchester, wie auch umgekehrt?

Wiesner: Das weiß ich nicht, das kann ich jetzt weder das eine noch das andere bestätigen. Ich weiß nur, dass Frank Zappa selber nicht daran interessiert war, eine normale Partitur zu schreiben, dann wird die von irgendeinem Ensemble oder irgendeinem Orchester circa drei, vier Tage geprobt und kommt dann zur Aufführung. Sondern was ihn sein Leben lang interessiert hat – und das war ja dann auch das Befruchtende und das Schöne an unserer Arbeit –, dass er Leute kennenlernt aus einem Ensemble, dass er sieht, wie ticken die musikalisch, dass er merkt, was haben die für einen Charakter, was kann man aus denen noch rausholen, was sie selber von sich noch nicht kennen, wie kann man die musikalisch neu miteinander kombinieren, wie kann man aus einem klassischen Ensemble oder aus einem klassischen Orchester auch eine Art Band formen? Das hat ihn immer am meisten interessiert und dafür haben wir ihm Platz und Raum gegeben.

Timm: Das war dann auch eine sehr persönliche Arbeit für beide Seiten?

Wiesner: Absolut, also wir sind ja rübergefahren und haben, eben im Wissen darum, was ich gerade gesagt habe haben wir ihm einfach zwei Wochen – oder sogar etwas mehr als zwei Wochen, insgesamt 17 Tage – angeboten, einfach mit uns zu arbeiten, zu probieren. Also überhaupt mit keiner definitiven oder festen oder absoluten Vorgabe, sondern einfach einander ausprobieren, also eine sogenannte Try-out-Phase zu machen, wo wir improvisiert haben, mal mit Vorgabe, mal ohne Vorgabe, wo wir Notentexte vom Blatt gespielt haben, die er uns spontan vorgelegt hat, also die erste Komposition, die er uns vorgelegt hat, hieß sinnigerweise "This is a test", wo er einfach gucken wollte, wo so unser Vom-Blatt-Spiel-Standard oder –Vermögen liegt.

Timm: Nun haben Sie als Flötist des Ensembles Modern garantiert schon mal mit den Einzelteilen Ihres Instrumentes Musik gemacht und sind auch die ungewöhnlichsten Notationen schlicht gewöhnt. Hat Sie irgendwas überrascht, als Sie Zappas Noten auf den Pulten hatten?

Wiesner: Ja, das war schon etwas sehr extrem am Anfang, aber auch relativ schnell beherrschbar. Man, nach dem ersten Mal Gucken und Sich-sozusagen-zusammen-Arrangieren war man dann diese Sprache auch gewöhnt. Und er war dann sehr fasziniert, dass wir diese schrägen Rhythmen so schnell dann wieder verinnerlicht hatten und auch auf eine emotionale Ebene verinnerlicht hatten.

Timm: Das klingt schwer sportlich und das Wort unspielbar schreckt die Musiker des Ensembles Modern ja traditionell schon mal nicht, aber vielleicht doch ein Rockmusiker als Dirigent. Wie war denn das?

Wiesner: Es gab ja in, ich glaube in den 70er-Jahren war das schon, eine Talkshow in Australien, wo er behauptet hat, dass er innerhalb von zwei Minuten mit einem x-beliebigen Publikum über bestimmte Handzeichen, bestimmte Chiffren, eine Komposition erstellen könnte. Und das hat er dann auch gleich an Ort und Stelle vorgemacht und da ist ein sehr schönes Ergebnis bei rausgekommen. Und solche Improvisationsmodule gab es mit uns auch. Also wir haben durchaus ein paar Tage damit verbracht, zusammen eine Sprache zu entwickeln, eine Zeichensprache, auf die wir komplett spontan reagieren konnten.

Timm: Aber er stand dann da tatsächlich vorm Ensemble Modern, richtig wie man sich das vorstellt, mit Stäbchen, mit Dirigentenstab ...

Wiesner: ... ja, mit Stäbchen, und das hat ihm eine tierische Freude gemacht, uns zu dirigieren und Zeichen und so eine Mischung aus festen Takten, also meinetwegen ein durchgeschlagener Viervierteltakt oder durchgeschlagener Dreivierteltakt, und den er dann immer wieder unterbrochen hat mit abstrakten Zeichen, auf die wir aber gelernt haben dann einzusteigen.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton", heute wäre der Musiker Frank Zappa 70 Jahre alt geworden, Dietmar Wiesner vom Ensemble Modern erzählt uns von den klassischen Kompositionen des Rockmusikers. Herr Wiesner, Frank Zappa hatte ja auch manchmal einen sehr schrägen Humor. Fehlt der Humor manchmal in Neuer Musik? Sind Sie deshalb auch so begeistert auf ihn eingestiegen?

Wiesner: Ja ich meine, Frank Zappa hatte natürlich eine ganz besondere Art von Humor, weil der eben in ganz vielen Genres zu Hause war. Und dadurch, dass er in der Rockmusik, im freien Markt sozusagen überleben musste oder überleben wollte und so hervorragend überlebt hat, hat er natürlich sich ganz anders mit Marktgesetzen auseinandergesetzt, als das manche Komponisten tun, die sich nicht so auf dem freien Markt behaupten mussten oder behaupten müssen. Und dadurch hatte er natürlich eine ganz eigene Art von Humor und auch eine ganz eigene Art von Zynismus und hat sich auf eine bestimmte Art und Weise auch nie ernst genommen. Er hat also auch damit gespielt, dass die verschiedensten Gruppen immer daran Interesse haben, in Schubladen zu denken oder in Schubladen zu kategorisieren, und darüber hat er sich natürlich extrem lustig gemacht, also auch in anderen gesellschaftlichen Vorgängen.

Timm: Fehlt in der heutigen Musikszene einer wie Frank Zappa?

Wiesner: Frank Zappa fehlt auf jeden Fall, ja!

Timm: Werden denn seine Werke bleiben, auch seine klassischen Werke?

Wiesner: Ach, ich denke schon, dass viele Sachen von ihm überbleiben werden, auch von seinen klassischen Werken. Natürlich wird er immer bekannter dafür sein, was er an Rockklassikern, wenn man jetzt mal nur an "Black Page" denkt, zum Beispiel, ja also, wir hatten Stationen, wo so ganz leise hinter der Bühne unsere Schlagzeuger ein bisschen "Black Page" zitiert haben, und schon hat das Publikum reagiert. Also das war sensationell, was man da zum Teil erlebt hat!

Timm: Er ist seit 17 Jahren tot. Gehören seine Stücke denn immer noch zum Repertoire?

Wiesner: Ja, wir haben immer wieder Auftritte, wo wir zum Teil "Yellow Shark" nachspielen, manchmal auch ganz, eher seltener, denn den ganzen Abend spielen wir eher seltener, aber Teile daraus, die wir dann mit Varèse, was ja sein großes Vorbild war als Komponist, kombinieren, oder mit Conlon Nancarrow kombinieren, auch ein amerikanischer Komponist, der sich sehr am Rand bewegt hat innerhalb der Musik. Und dann haben wir natürlich auch "Greggery Peccary", das Zweite Programm, was wir mit Frank Zappa aus seinem, sozusagen aus seinem Nachlass zusammengestellt haben. Das kombinieren wir des Öfteren, und immer wieder spielen wir das, ja, weltweit.

Timm: Dietmar Wiesner, die Zusammenarbeit mit Frank Zappa, "The Yellow Shark", "Der gelbe Hai". Wissen Sie inzwischen, wer der gelbe Hai ist?

Wiesner: Das war ein Fangeschenk eines amerikanischen Fans – ich weiß nicht genau, wer das war –, der ihm das bei irgendeiner Tournee, die er in Amerika hatte, als Geschenk überreicht hatte. Und das stand bei Frank Zappa im Studio rum und wir haben so drüber geflachst und so weiter und so fort, und irgendwann stellte sich dann heraus, dass wir die ganze Tournee und das Ganze Programm einfach "The Yellow Shark" nennen wollen.

Timm: Dietmar Wiesner war das, Flötist des Ensembles Modern und seinerzeit beteiligt an der Klassik-Aufnahme von Frank Zappa, an "The Yellow Shark", "Der gelbe Hai". Und daraus hören wir jetzt noch was, nämlich "The G-Spot Tornado". Herr Wiesner, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Wiesner: Ja gerne!

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Frank Zappas letzte Band"
Gedenken an den Urvater der Gegenkultur

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur