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Kompressor | Beitrag vom 23.06.2015

Frage des TagesVerändert Amazon das Schreiben?

Stephan Porombka im Gespräch mit Max Oppel

Kindle-Lesegerät in einer Bibliothek: Flops beim Publikum gibt es auch im E-Book-Bereich nicht zu knapp. (dpa / picture alliance / Thomas Eisenhuth)
Kindle-Lesegerät in einer Bibliothek: Flops beim Publikum gibt es auch im E-Book-Bereich nicht zu knapp. (dpa / picture alliance / Thomas Eisenhuth)

Mit einem neuen Vergütungsmodell könnte Amazon ab 1. Juli den Literaturbetrieb umkrempeln. Schriftsteller sollen nicht länger pro Buch, sondern pro gelesene Seite bezahlt werden – ein Vorstoß, den der Texttheoretiker Stephan Porombka begrüßt.

"Wir haben lange darauf gewartet, dass es Streaming-Dienste gibt auch für die Literatur", sagte der Professor für Textheorie an der Berliner Universität der Künste, Stephan Porombka, im Deutschlandradio Kultur. "Es war klar, dass das ein neues Abrechnungssystem mit sich bringt und dass das alles nochmal durcheinander wirbeln wird." Auf diese Weise entstehe ein neues Spielfeld mit neuen Spielregeln, auf dem sich die Autoren nicht etwa eingeschränkt fühlten, sondern "entschränkt". "Es gibt eine Möglichkeit für Autoren, kürzer zu schreiben", sagte Porombka. Das könne den Leser dazu animieren, dranzubleiben und das nächste zu lesen.

Das Beispiel erfolgreicher Serien

Der Professor verwies auf das Beispiel der erfolgreichen Fernsehserien, die ganz neue Erzählformen entwickelt hätten. "Was sehen wir im Moment für großartige TV-Serien im Fernsehen, die unglaublich komplex erzählt sind ", sagte er. Das sei in Spielfilmen so nicht möglich gewesen. "Wir übertragen das jetzt nur kurz auf die Literatur und denken uns einfach serielle Literatur, die das vor hat, diese Form von Komplexität, literarischer Hochkomplexität, zu entfalten." Porombka zeigte sich optimistisch: "Da dürfen wir absolut gespannt sein und müssen nicht in Kulturpessimismus verfallen."

Vorteil auch für das gedruckte Buch

Auch das gedruckte Buch könne von dieser Entwicklung profitieren, in dem es nochmal auf ganz andere Weise Sinn bekomme. Es könnte dem Leser Zeit und Ruhe geben, aber ihn auch in Geschichten einüben, die eben nicht "holterdiepolter ins nächste fallen müssen". Bücher könnten etwas mit "Langeweile, mit langem Atem, mit Zurücklehnen und mit Meditation zu tun haben". Das gedruckte Buch könne dann in Zukunft genau diese Aufgabe übernehmen. "Und warum sollten wir im Bereich des virtuellen, also im Netz, nicht eine andere Form von Literatur haben,  die eben anders funktioniert, die vielleicht schneller funktioniert, die serieller funktioniert." Diese Netzliteratur könne dann eher wie Benzin funktionieren, weil sie den Leser mit Treibstoff versorge, um die Gedanken am Laufen zu halten.

Nur einige Autoren betroffen

Die Umstellung zum 1. Juli erfolgt jedoch mit gewissen Einschränkungen. Betroffen sind von der neuen Regel zunächst nur Autoren, deren E-Books in einem der beiden Abo-Services Kindle Unlimited oder Amazon Lending Library erhältlich sind. Das neue Modell gilt außerdem nur für Schriftsteller, die Teil des Programms Kindle Direct Publishing Select sind und ihre Bücher via Amazon selbst verlegen. Wie und ob das neue System bei den Autoren großer Verlage greifen wird, ist noch unklar.

Das bisherige Modell

Bislang verteilte Amazon die über Kindle Unlimited und die Amazon Lending Library erwirtschafteten Tantiemen nach einem Vergütungsmodell, das auf der Anzahl der heruntergeladenen Bücher basiert. Von Juli an soll das Geld nach der Anzahl der tatsächlich gelesenen Seiten aufgeteilt werden.


Welche Vergütung ist gerecht? - Hören Sie auch das Gespräch mit unserem Literaturkritiker Jörg Plath:

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