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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 09.10.2015

Fotos von Zeitzeugen des HolocaustDas Leben nach dem Überleben

Von Lioba Keuck

Zwei Frauen halten sich an den Händen und lachen, im Hintergrund die untergehende Sonne. (Helena Schätzle)
Die Holocaust-Überlebende Judith mit ihrer Tochter - eines der Fotos, auf denen Helena Schätzle den Alltag von Überlebenden der Schoah dokumentiert (Helena Schätzle)

Trauer, Einsamkeit, Angst, aber auch Freude und Liebe: Die Fotografin Helena Schätzle hat mit ihrer Kamera den Alltag von Überlebenden der Schoah dokumentiert. Solche Bilder gebe es bislang nicht, sagt Schätzle. Sie hat versucht, auch die Traumata abzubilden.

Helena Schätzle: "Der große große Stapel, das sind die ganzen Zitate, und hier der Stapel, das ist das gesammelte Bildmaterial."

Das gesammelte Bildmaterial: viele Monate Arbeit der Fotografin Helena Schätzle. Bilder, die den Betrachter mitnehmen. Tief hinein nach Israel, nach Hause in die Wohnzimmer, mit auf Spaziergänge und hinein in bunte lebendige Familien. Sie zeigen intime Einblicke ins volle Leben, aber auch Momente tiefer Einsamkeit - Bilder, die einen umarmen so dass man sie nicht wieder vergisst. Es sind Bilder, wie man sie von Überlebenden des Holocaust so noch nicht gesehen hat.

Das Leben nach dem Überleben - was bringt es mit sich, und wie kann man es begleiten? Die Fotografin Helena Schätzle hat sich im Auftrag von Amcha aufgemacht, um die Geschichten der Überlebenden einmal neu festzuhalten.

"Bevor ich die Arbeit angefangen hab', hab' ich versucht zu recherchieren, was gibt es an Fotoarbeiten dazu - und hab' eigentlich nur Fotografien gefunden, die reine Portraits sind mit den Geschichten der Überlebenden. Aber ich hab' keine einzige Arbeit gefunden, die sagt, ich schau' mir einfach das Leben der Überlebenden an, in all seinen Aspekten, und zeige, wie sie als ganz normale Menschen ihren Alltag meistern. Und zu diesem Alltag gehören eben sowohl Momente der Trauer, Einsamkeit, Angst, wie auch Momente der Freude, Familie, Liebe. Ich hatte das Gefühl, das was ihnen ganz stark von den Deutschen genommen wurde, war ihre Menschlichkeit - und das was ich als allererstes in den Vordergrund stellen wollte, war erstmal das Menschsein."

Wie lässt sich Trauma fotografieren?

Das Menschsein. Mit allen Facetten. Da ist erst einmal der Start bei Null, völlig auf sich gestellt. Die meisten finden sich nach dem Zweiten Weltkrieg allein wieder, die Familien ausgelöscht, ohne Zuflucht, ohne Halt. Für viele wird Israel zur neuen Heimat. Nach dem Horror des Holocaust geht es zunächst mit aller Kraft ums Leben, um den Neuaufbau einer versuchten Normalität -  das erlebte Schwersttrauma jedoch bleibt, begleitet jeden Schritt und lässt sich nicht auslöschen. Aber wie lässt sich Trauma nun fotografieren, wie fotografiert man etwas, was gar nicht fotografierbar ist?

"Es ist natürlich absolut unmöglich, Erlebnisse während des Holocaust darzustellen, und es ist auch sehr, sehr schwierig, überhaupt die Traumatisierung darzustellen, und oft spiegelt es sich in Blicken wieder, in zurückgezogenen, einsamen Momenten dann wieder. Aber dass ich in diesen Momenten dabei sein darf, das ist auch schon ein ganz großes Geschenk und zeugt von viel Vertrauen.

Wenn ich jetzt von mir anfange, ist natürlich erstmal eine ganz große Zurückhaltung und Angst da, als deutsche Person, Enkelin von Wehrmachtssoldaten nach Israel zu gehen und mit Holocaust-Überlebenden zu arbeiten. Wie reagieren die Personen, öffnen sie mir ihre Türen - und hab' dann bei mir schon eine unendlich große Erleichterung gespürt für dieses unglaublich warme und herzliche Willkommen. Und nicht nur das, auch den Drang von so vielen Menschen, die Erlebnisse nochmal mitzuteilen, die ganz, ganz dankbar auch waren, dass ich da war, dass ich diese Arbeit mache, dass die Arbeit Verbreitung findet und ihren Schrecken, ihr Erlebnis, ihre Lebensgeschichte in die Welt trägt und sich dadurch auch für die Welt bewahrt."

Fotografien und Interviews sollen nun zu einem Buch werden

Auf einem Bild sieht man Judith, wie sie im Abendlicht mit einer Freundin ihrer Tochter ausgelassen lacht, beide Frauen halten sich an den Händen. Auf einem anderen Bild wieder Judith - man sieht ihr Gesicht hinter Glas, völlig abwesend ist ihr Blick. Ausgelöst durch ihren damaligen Aufenthalt im Gefängnis, so sagt sie, habe sie sich viele Jahre wie abgetrennt von der Welt und ihren Empfindungen gefühlt.

"Und das hier ist für mich auch ein sehr symbolisches Bild. Das ist Richard mit seinen beiden Töchtern, denen er die Augen im Spaß zuhält - einfach rumgeblödelt, aber für mich ein ganz starker Moment, weil dieses Schützen der zweiten Generation hier einfach so rüberkommt."

Das Ziel von Helena Schätzle sind Bilder, deren Aussagen für den Protagonisten aufgrund ihrer persönlichen Geschichte "stimmen" - und gleichzeitig oftmals Symbolbilder für die Generation der Überlebenden sind. Nicht nur Yael sitzt verstört vor ihrem Teller - viele haben Probleme mit dem Essen. Nicht nur George schläft auf dem Sofa mit angezogenen Schuhen - viele schlafen in einer Haltung ständiger Alarmbereitschaft.

Fotografien und Auszüge aus vielen Stunden aufgezeichneter Gespräche sollen nun zu einem Buch werden. Darin setzt Helena Schätzle die Chronologie der Fotografien gegenläufig zur Anordnung der gesammelten Zitaten der Überlebenden. Wo die Bilder mit freudigen Eindrücken beginnen und sich fortentwickeln hin zu den einsamen, dunkleren Momenten, bilden die Texte einen Gegenpol, stellen zuerst im Holocaust Erlebtes dar und wenden sich dann fast philosophischen Gedanken über das Leben zu.

"Das Bild, was Tel Aviv im Nebel zeigt, ist für mich symbolisch für dieses Ankommen in Israel, ich sehe das erste Mal Land vom Meer, aber noch so ganz verschwommen, weiß nicht genau, was mich dort erwartet."

Mehr Informationen zur Fotografin Helena Schätzle und ihren Foto-Arbeiten auf ihrer Webseite

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