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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.08.2012

Forschungsverbund SED-Staat kritisiert "Gedenkstätten-Hopping"

Historiker erinnert an die Sorgfalt bei der Vermittlung der Teilungsgeschichte

Klaus Schroeder im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße
Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)

Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schroeder, sieht vor allem in Berlin eine große Gefahr, dass hier DDR-Geschichte lediglich abgehakt werde. Die Abriegelung eines ganzen Landes nach innen - durch Mauer und Grenze - für Schüler erklärbar zu machen, sei nur noch schwer zu vermitteln und dies erfordere intensive Nacharbeit in der Schule.

Jan-Christoph Kitzler: In Deutschland gibt es ja eine gewisse Routine im Gedenken: Der 8. Mai, der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, der 17. Juni, der Tag des Volksaufstandes der DDR, und vor allem der 9. November, an dem unter anderem die Reichspogromnacht stattfand und an dem sich die deutsch-deutsche Grenze öffnete. Das sind Tage, die einen festen Platz haben im kulturellen Gedächtnis. Und auch heute ist so ein Tag, an dem es wichtig ist, sich zu erinnern: Heute vor 51 Jahren, am 13. August 1961, begann der Bau der Berliner Mauer. Das ist ein Tag zum Gedenken an die deutsche Teilung, an den Kalten Krieg und natürlich auch an die vielen Menschen, die beim Versuch, die Mauer zu überwinden, ums Leben kamen. 136 Menschen sind zwischen 1961 und 1989 mindestens an der deutsch-deutschen Grenze gestorben, doch ihre Zahl könnte noch höher sein. Forscher gehen von 500 bis 700 Todesverdachtsfällen aus. An den Schulen ist das Wissen über die DDR-Diktatur eher unterbelichtet, und das liegt nicht nur daran, dass der 13. August oft in den Ferien liegt. Zu dem kommt eine Studie des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität. Mit dessen Leiter, Professor Klaus Schroeder, bin ich jetzt verbunden. Schönen guten Morgen!

Klaus Schroeder: Ja, schönen guten Morgen!

Kitzler: Der 13. August, der Tag des Mauerbaus - Was müssten Schulen dafür tun, damit dieser Tag mehr ins Bewusstsein junger Menschen gerät?

Schroeder: Sie müssten diesen Tag einordnen, historisch einordnen in die Geschichte des geteilten Deutschlands. Weil hier endgültig die Grenze etabliert wurde, die ein Überkommen verhinderte. Die Menschen, die Schicksale, die sich hier nicht nur durch die gescheiterten Fluchtversuche darstellten, sondern dass Familien getrennt wurden, Paare getrennt wurden vor allem in Berlin, das sind Dimensionen, die sich junge Menschen heute überhaupt nicht mehr vorstellen können. Wenn man ihnen etwas von Mauer oder innerdeutscher Grenze erzählt, dann denken sie, das ist eine Grenze, wie sie heute auch zu Österreich oder zur Schweiz oder sonst wie war. Aber dass Deutschland einmal getrennt war, die DDR hermetisch abgeriegelt war, das geht kaum in die Köpfe hinein, weil es kaum vorstellbar ist.

Kitzler: Die Frage ist ja, wie man Schüler, die das alles nicht erlebt haben, am besten erreicht. Für uns läuft ja die Erinnerung über Bilder ab oft. Zum Beispiel ist ja eine Ikone dieses Bild des NVA-Soldaten, der in Berlin über den Stacheldrahtzaun springt. Kann man mit solchen Bildern junge Menschen erreichen, sind es solche Geschichten?

Schroeder: Ja, es sind diese Einzelschicksale, die anrühren, die aber nicht für sich stehen bleiben dürfen, sondern sie müssen verknüpft werden mit dem historischen Wissen: Warum wurde diese Grenze dicht gemacht, warum hat man Leute gehindert, das Land zu verlassen? Die Schüler wissen ja heute, dass viele nach Europa kommen wollen. Sie kennen das Schicksal der Flüchtlinge aus Afrika, die sterben auf dem Weg nach Europa. Sie haben gehört von dem Zaun zwischen Mexiko und den USA. Und immer sind es Zäune, um die Einwanderung zu verhindern. Dass aber Menschen daran gehindert werden, auszuwandern, das kennen sie nicht. Das ist ein Phänomen, was erklärungsbedürftig ist, und das ist sehr schwer zu vermitteln. Warum versucht ein Staat zu verhindern, dass Menschen dahingehen, wo sie gehen wollen? Das ist sehr schwer zu vermitteln und das geht am besten über Zeitzeugen und über den Besuch von Gedenkstätten, wo aber dann hinterher nachbereitet wird und den Schülern klargemacht wird: Das ist mehr als ein Einzelschicksal, sondern es war die logische Folge des DDR-Grenzregimes.

Kitzler: Sie haben die Gedenkstätten angesprochen, da kann man Vergangenheit sinnlich erleben. Daran fehlt es nicht in Deutschland, es gibt auch einige Gedenkorte, die an die Mauer, an die deutsch-deutsche Teilung erinnern, die werden auch von vielen Schulklassen besucht. Aber bleibt da insgesamt zu wenig hängen?

Schroeder: Ja, es bleibt dann zu wenig hängen, wenn die Gedenkstättenbesuche nicht nachbereitet werden. Die Vorbereitung ist zwar auch wichtig, aber wir haben festgestellt, dass die Nachbereitung noch wichtiger ist. Und vor allen Dingen muss das Gedenkstätten-Hopping aufhören. Es kann nicht sein, dass eine Schulklasse aus Hessen oder Bayern, die nach Berlin kommt, jeden Tag zwei, drei Gedenkstätten besucht, mal NS-, mal DDR-Gedenkstätten, und nach drei Tagen haben sie neun hinter sich, sind froh, das Programm ist zu Ende und jetzt geht es an den lustigen Teil der Fahrt. Die wissen, wenn sie nach Hause kommen, gar nicht mehr, was habe ich da eigentlich besucht? Also, besser ist es zu konzentrieren, meinetwegen nur auf NS-Gedenkstätten, nur auf DDR-Gedenkstätten. Weniger ist hier mehr.

Kitzler: Die meisten Schüler haben ja ihr Geschichtswissen aus der Schule, das belegen auch Zahlen von Ihnen. Und gleichzeitig ist das Ergebnis einer früheren Studie Ihrer Forschungsgruppe, dass Schüler im Osten in der Mehrzahl immer noch ein idealisiertes Bild von der DDR haben. Das heißt aber mit anderen Worten: In den Schulen läuft ganz gehörig was schief?

Klaus SchroederKlaus Schroeder (privat)Schroeder: Ja, das hat sich jetzt ein bisschen relativiert. Die Schüler wissen gerade in Ostdeutschland - wir haben Thüringen und Sachsen-Anhalt als Länder mit aufgenommen -, wissen jetzt mehr über die DDR. Aber gerade die DDR wird heute noch trotz höheren Wissensstandes von ostdeutschen Schülern positiver gesehen als von westdeutschen Schülern. Ansonsten haben die ostdeutschen Schüler aufgeholt, sie haben zum Teil die Westdeutschen überholt im Wissen, sie halten auch die Bundesrepublik viel höher für eine Demokratie. Aber bezogen auf die DDR fällt ihr Urteil sehr milde aus und das führen wir zurück auf Familiengespräche, wo die Eltern den Kindern die positiven Seiten, die es ja durchaus gab, der DDR näherbringen. Und hier muss der Schulunterricht Kenntnisse vermitteln, damit die Schüler in der Lage sind, sich ein eigenes, kritisches Bild jenseits der Familienerzählungen bilden zu können.

Kitzler: In Ihrer aktuellen Studie, die Sie im Juni vorgestellt haben, aus der geht hervor etwas, was eigentlich nicht so richtig überrascht, nämlich: Das Erinnern an die DDR, an die deutsche Teilung, ist in Ost und West ganz unterschiedlich. Heißt das auch, wir brauchen praktisch eine zweigeteilte Ost- und West-Erinnerungspolitik?

Schroeder: Nein, gerade das brauchen wir nicht. Wir müssen den Schülern klarmachen: Das ist eine gesamtdeutsche Geschichte, auch in Zeiten der Teilung. Die beiden Staaten waren viel zu stark aufeinander bezogen, es gab Wechselwirkungen. Erst dann, wenn wir geteilte Geschichte als gemeinsame Geschichte begreifen, dann kann man auch viel mehr vermitteln, viel mehr plastisch machen. Auf keinen Fall darf man sagen: "Das ist Eure Geschichte!" Und: "Das ist Eure Geschichte!" Das sagen viele Schüler beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, die sagen: "Gott, was interessiert uns die DDR-Geschichte, wir haben unserer eigene Geschichte!" Nein, es ist eine gemeinsame Geschichte, und in 100, 200 Jahren wird die Zeit der Teilung eine Fußnote sein. Jetzt aber müssen wir das wach halten und wir müssen die Gründe, warum es zur Teilung kam, was während der Teilung geschah und warum dieser erste sozialistische Staat auf deutschem Boden, der so stolz auf sich war, es nötig hatte, die eigenen Menschen einzusperren.

Kitzler: Die weite Zukunft, 100, 200 Jahre, haben Sie schon angesprochen. Was erwarten Sie aber für die nähere Zukunft? Vermutlich wird sich das Gedenken an die DDR-Diktatur zwischen Ost und West irgendwie angleichen, aber eher im Sinne von mehr Geschichtsbewusstsein oder eher im Sinne von weniger Geschichtsbewusstsein?

Schroeder: Ich befürchte, von weniger Geschichtsbewusstsein. Weil wir hier ja auch noch eine andere Diktatur haben, nämlich die nationalsozialistische. Und das fällt ostdeutschen Lehrern, und Eltern natürlich auch, aber auch Medienleuten, sehr schwer zu vermitteln: Es waren zwei Diktaturen, aber sie waren unterschiedlich! Sie hatten vor allen Dingen ein unterschiedliches Ausmaß an Verbrechen. Aber das viel größere Ausmaß an Verbrechen im Nationalsozialismus relativiert ja nicht die Verbrechen der DDR. Man sollte sowieso nicht aufrechnen, sondern addieren, jetzt im negativen Sinne. Also, das ist sehr schwer zu vermitteln: Zwei Diktaturen unterschiedlichen Charakters, unterschiedlicher Zielrichtung. Aber es darf nicht vernachlässigt werden, weil sonst der Wert der Demokratie verblasst.

Kitzler: Das schwierige Erinnern an die DDR-Diktatur. Das war Klaus Schroeder, Professor an der Freien Universität Berlin und Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat. Haben Sie vielen Dank, einen schönen Tag!

Schroeder: Bitte, gleichfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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