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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.12.2015

Formell hoher RechtsstandardTraditionen untergraben Menschenrechte in Indien

Von Antje Stiebitz

Drei Frauen stehen gebeugt und betend auf Stufen am Rand eines Flusses auf das Wasser legen sie Gaben (Indien, Haridwar) (imago/GranAngular)
Gläubige während des hinduistischen Festes Kumbha (Kumbh) Mela. (imago/GranAngular)

Laut Verfassung sind alle Menschen in Indien vor dem Gesetz gleich, das Land gilt als die größte Demokratie der Welt. Dennoch werden rund 160 Millionen Hindus weiterhin als unrein herabgewürdigt. Das habe auch mit Religion zu tun, sagen Wissenschaftler.

Die indische Verfassung ist in ihren Grundzügen eine britische. Menschenrechte wie Gleichheit vor dem Gesetz und die Nichtdiskriminierung aufgrund von Religion, Rasse, Kaste, Geschlecht oder Herkunft sind im Grundrechtekatalog verankert. Der Artikel 17 schaffte 1955 die Kaste der Unberührbaren ab und stellte die Benachteiligung von Unberührbaren unter Strafe. Dennoch werden in Indien rund 160 Millionen Hindus weiterhin als unrein herabgewürdigt. Widerspricht der westliche Gleichheitsgedanke dem indischen Menschenbild?

Die Gesellschaft in Indien, so bescheinigen es Wissenschaftler jeder Couleur, ist durch den Homo Hierarchicus geprägt. Wie dieser hierarchische Mensch handelt, bestimmen die Rangordnung innerhalb seiner Familie und die Normen seiner Kaste. Die Religionswissenschaftlerin Katharina Kakar und der Psychoanalytiker Sudhir Kakar erklären diese hierarchischen Verhältnisse so:  

Zitat: "Der 'Höhergestellte' verhält sich mit fast mütterlicher Fürsorge, der ihm 'Untergeordnete' mit Entgegenkommen und Respekt, auf beiden Seiten herrscht ein Gefühl enger Zusammengehörigkeit."

Die vertrauten Bindungen der Großfamilie verlangen die uneingeschränkte Loyalität des Homo Hierarchicus. Treue gegenüber unpersönlichen Institutionen oder abstrakten moralischen Werten, so das Autoren-Ehepaar Kakar, werde in der Kindheit in einer indischen Familie nicht vermittelt. Das hat auch mit der Religion zu tun. Der klassische Hinduismus sieht vier Lebensziele vor: kama, den weltlichen Genuss, artha, Wohlstand, dharma, richtiges Handeln und moksha, die erlösende Freiheit. Während die ersten beiden Lebensziele die menschlichen Grundbedürfnisse befriedigen, fordert dharma ethisches Handeln vom Menschen. Dieses Konzept des "richtigen Handelns" weiche allerdings stark von den ethischen Vorstellungen der jüdisch-christlichen Tradition ab, erklären Katharina und Sudhir Kakar, weil es einen ausgeprägten ethischen Relativismus aufweise.

Zitat: "Was eine Person tun oder lassen soll, hängt vom Kontext ab: Ein Priester darf nicht töten, ein Krieger aber hat die Pflicht zu töten."

Traditionen nicht ohne Weiteres durch Gesetze veränderbar

Freiheit bedeutet für den indischen Menschen weniger ein Freisein in der Welt, als ein geistiges Freisein von der Welt. Das zeigt sich im letzten anzustrebenden Lebensziel eines Hindu: Er sucht Moksha, die Erlösung. Fordere der Europäer die Menschenrechte ein, weil er sich als Individuum begreife, so der Religionswissenschaftler Martin Mittwede, ziehe der Inder seinen Status aus der transzendenten Vorstellung, dass kosmisches und individuelles Sein identisch sind.

Zitat: "In seiner Seele zeigt sich das Urprinzip allen Seins. Wer dieses Sein achtet, muss auch den Menschen und alle anderen Wesen achten."

Der Rechtswissenschaftler Jona Aravind Dohrmann stellt für Indien einen Grundkonsens für Menschenrechte fest, der einen Mindeststandard gewähre. Formell betrachtet sei dieser Menschenrechtsstandard sogar recht hoch, gerate aber durch Tradition und Fundamentalismus unter Druck. Jahrtausende alte Traditionen und urweltliche Bindungen, schreibt Jona Aravind Dohrmann, ließen sich nicht ohne Weiteres durch Gesetze verändern. Er sieht vor allem die Politik in der Verantwortung, wenn er fordert:

Zitat: "Allerdings müssen die politisch Verantwortlichen stärker darauf achten, den hohen Grundrechtsstandard der Anfangsjahre nicht durch fundamentalistische und ausgrenzende Tendenzen einzubüßen (…)."

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