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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.10.2007

Forderung nach einer zentralen Bibliotheks-Entwicklungsagentur

Generaldirektorin der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin sieht Handlungsbedarf

Moderation: Jürgen König

Bücher (AP)
Bücher (AP)

Angesichts des schlechten Zustandes vieler Bibliotheken in Deutschland hat die Generaldirektorin der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Claudia Lux, die Einrichtung einer zentralen Bibliotheks-Entwicklungsagentur in Deutschland verlangt. Es gebe in Deutschland aufgrund der föderalen Struktur zu viele Verantwortlichkeiten, sagte Lux. Eine Entwicklungsagentur könne sich zentral darum kümmern.

Jürgen König: Zu Gast im Studio ist nun Claudia Lux, die Generaldirektorin der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, und Claudia Lux ist auch Präsidentin des Internationalen Bibliotheksverbunds IFLA. Frau Lux, guten Morgen.

Claudia Lux: Guten Morgen.

König: Die Rede des Bundespräsidenten vorgestern – waren Sie dabei, haben Sie damit gerechnet, sich vielleicht auch gefreut, hier an prominenter Stelle eine solche Brandrede zu hören?

Lux: Ja, ich war dabei, das auf jeden Fall. Und wir hatten gehofft, wir hatten sehr gehofft, dass er etwas sagt, weil er uns das im Gespräch, was wir mit dem Bundespräsidenten im Beginn des Jahres hatten, versprochen hatte.

König: Also er hat gehalten, was er versprochen hatte. Haben Sie das auch mit initiiert, diese Rede jetzt vorgestern?

Lux: Nein, ich denke, der Bundespräsident hat ja selber seine Punkte, die er auch dann aufgreifen möchte. Und ich glaube, das Gespräch war einfach für ihn auch doch so bedeutend, dass er gesehen hat, das wäre eine Gelegenheit, das auch öffentlich kundzutun.

König: Teilen Sie das dramatische seines Appells?

Lux: Ja, ich teile es, und ich teile es vor allen Dingen da, wo es hier um bestimmte Landesstriche geht, Landesbereiche, ländliche Gegenden. Ich teile es aber auch, wenn es um die Schulen geht, das haben Sie ja selber gehört, und ich ...

König: Entschuldigung, wenn ich unterbreche. Wir mochten es gar nicht glauben, dass nur 15 Prozent unserer Schulen noch eine eigene Bibliothek haben.

Lux: Ja, und die entspricht nicht immer dem Standard. Und das hat er auch gesagt. Und das ist uns sehr wichtig, dass er das gesagt hat, weil man oftmals denkt, wenn jetzt Eltern so alte Bücher sammeln und den Kindern hinstellen, dann ist das schon die Bibliothek. Das ist natürlich nicht das, was wir heute für die Informationsgesellschaft brauchen und wie wir die Kinder mit Informationskompetenz sozusagen entwickeln.

König: Woran liegt das? Ist das Interesse an den Schulen nicht mehr da? Fehlt schlichtweg das Geld oder auch das Bewusstsein, was für ein Schatz eine Bibliothek sein kann?

Lux: Es sind mehrere Elemente. Ich denke, einmal fehlt das Geld, das ist sicher einer der Aspekte. Man stellt sich aber unter Bibliothek immer noch etwas altes, verstaubtes vor. Es sind so alte Bilder Kopf. Ich kann mich auch erinnern, alte Schulbibliothek im Kartenraum, alles war irgendwie so ein bisschen schmuddelig und dunkel.

König: Und es roch nach altem Papier.

Lux: Ja, und wenn Sie in andere Länder sehen, und gerade die Länder, die eben in PISA erfolgreich sind, die haben große, helle Bibliotheken, große Räume, man kommt in die Schule gar nicht, ohne durch die Bibliothek zu gehen. Und es ist nicht nur der Deutschlehrer, sondern auch der Lehrer für Mathematik, für Geographie, für Politik, die alle nutzen die Bibliothek, arbeiten mit den Kindern, mit den Informationen sowohl in elektronischer wie auch eben in gedruckter Form.

König: Aber was machen diese anderen Länder besser? Denn da gibt es ja auch zum Beispiel finanzielle Engpässe. Also wie kommt es, dass es da so viel besser ist?

Lux: Ich denke, das wichtige ist, dass Bibliotheken dort in der Gesellschaft einmal anders verankert sind, zum anderen gibt es eben staatliche, teilweise sehr zentrale Strukturen, die dafür sorgen, dass die Qualität auf diesem Gebiet immer wieder erneuert wird. Und wenn Sie sehen, wie schnell sich die Medien elektronisch entwickeln, dann wissen Sie auch, wie schnell Wissen in verschiedener Form heute weitergegeben wird. Und wenn Bibliotheken das nicht aufnehmen und das nicht dann auch den Schülern zur Verfügung stellen, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir in PISA nicht gut abschneiden.

König: Welche Strukturen herrschen andernorts im Gegensatz zu unseren?

Lux: Es gibt auf der zentralen Ebene sogenannte Entwicklungsgremien, die sich speziell in Bibliotheksplänen für die Entwicklung der Bibliotheken auf allen Ebenen einsetzen. Sicher ist nicht jedes Land so föderal strukturiert wir unseres, aber ich denke, auch in einem föderalen Staat kann man etwas mehr vorgeben, etwas mehr an Fördermitteln auch konzentrieren, um genau hier etwas auf allen Ebenen zu entwickeln.

König: Das heißt, der Föderalismus wird hier auch zum Problem?

Lux: Ja, er wird auf jeden Fall zum Problem. Wir haben einige Bibliotheksprojekte, die fast daran scheitern, weil niemand zuständig ist, weil sie eben ein Zusammenschluss von kommunalen Bibliotheken wie die Internetbibliothek ist, und auch von Landesbibliotheken, Universitätsbibliotheken. Ja, wer soll dafür zuständig sein in Deutschland?

König: Das ist wieder so ein Punkt, wo man sich so denkt, das kann doch gar nicht wahr sein. Wie könnte man das ändern?

Lux: Ja, wir fordern eine Bibliotheks-Entwicklungsagentur, die sich genau auf der Bundesebene darum kümmert. Wir haben sehr gute Strukturvorschläge dazu gemacht. Und ich glaube, das ist auch ein Schritt, um einfach das neue an Bibliotheken, das, was wir heute machen und was in allen Bereichen der Gesellschaft wichtig ist, auch in allen Bereichen der Politik wichtig ist, mit Bibliotheken zu nutzen. Also Bibliotheken werden auch zu wenig für Planungen genutzt, zum Beispiel Migranten, Integration, oder für Informationen über Krankheiten, andere Dinge. Wir haben so viele Bereiche, wo auch alle Arten von Bibliotheken genutzt werden können. Man baut immer wieder neue Infrastrukturen auf. Das ist nicht nötig.

König: Dabei, wenn man sich vorstellt, lebenslanges Lernen, Integration ausländischer Mitbürger, wie Sie gerade gesagt haben, die Hilfe beim Erwerb von Sprachkompetenz, beim Erwerb von Medien-, von Informationskompetenz – all diese Forderungen müssten doch eigentlich die Entwicklung von Bibliotheken unglaublich fördern.

Lux: Also es gibt ja auch einige Bibliotheken, die wirklich hervorragend diese Sache schon angepackt haben. Und viele Bibliothekarinnen und Bibliothekare machen es einfach selbständig. Aber es fehlt ein Mehr an Förderung, an Mitteln, und es fehlt die enge Vernetzung auch an vielen Stellen mit den Schulen und die Möglichkeit, das wirklich zu integrieren. Also wir fordern auch in Deutschland, dass in den Schulen Informationskompetenz unterrichtet wird, und zwar von Bibliothekaren, die das können.

König: Ist doch aber auch eigentlich erstaunlich, gerade in kleineren Kommunen, wo letztlich ja die entscheidenden Kulturträger sagen wir mal sich wirklich gut kennen und miteinander austauschen, da sollte das doch eigentlich möglich sein.

Lux: Ja, da gibt es auch sehr enge Verbindungen mit den Schulen. Da ist es aber so, dass es im Endeffekt nicht das Geld, nicht das Personal, dafür brauchen sie natürlich auch Personal, für die Bibliothek gibt, und dann haben sie gleich das Problem, wer macht es, wer ist zuständig, wer kann das wirklich auffangen. Und ich glaube, da brauchen wir größere auch finanzielle Unterstützung auch aus anderen Bereichen, nicht nur vielleicht aus der Kommune.

König: Fallen mir zwei Stichworte zu ein. Einmal Ein-Euro-Jobs und Ehrenamt, die oft in Bibliotheken sich dort wiederfinden. Ist das ein Problem, dass Leute da erst mal sehr unterschiedlich finanziell entlohnt werden für das, was sie tun, und dass sie überhaupt zwar voll guten Willens sind, aber oft eben nicht mit der nötigen Qualifikation dort hinkommen.

Lux: Ja, es ist auf jeden Fall auch eine Frage der Qualifikation. Ich meine, wir freuen uns sehr über ehrenamtliche Mitarbeit, und auch Ein-Euro-Jobs sind in Bibliotheken zu finden. Der Punkt ist aber, dass die Qualifizierung in dem Bereich auch etwas erfordert. Und es gib bestimmte Bereiche, da brauchen sie eben das Studium, da brauchen sie wirklich die hohe Informationskompetenz. Es ist nicht so wie ein Politiker – der sieht nur, dass irgendwo ein Buch über einen Tresen gereicht wird und denkt, das kann jeder. Was dahinter steckt, die ganze Organisation von Wissen und der schnelle Zugriff auf Wissen, das sind eben Dinge, da reicht auch Google nicht immer, auch wenn das manche denken.

König: Das ist ja so verführerisch, dass man denkt, ach, das kann ich auch. Sind Bibliothekswissenschaften noch ein Studium, auf das die Studenten sich stürzen?

Lux: Ja, es wird immer mehr genutzt. Man merkt, dass das auch eine zusätzliche Kompetenz zum Beispiel auch in einem Nebenfach sein kann, dass es aber auch, und wir haben sichtbar Bedarf in diesem Bereich, es kommen natürlich auch Leute bei solchen Unternehmen wie Google oder vergleichbaren Unternehmen unter, weil die Struktur von Wissen, das zu organisieren, ist ein wichtiger Teil. Und wenn Sie sehen, wie viele Bibliothekarinnen und Bibliothekare gerade an Dingen mitarbeiten, entweder mit Google mitarbeiten, oder auch an Wikipedia, an solchen gemeinsamen, im Netz vorhandenen Informationen mitarbeiten, dann merken Sie, wo die eigentliche Kompetenz auch sitzt. Und die kommt natürlich durch das Studium dann.

Moderator: Vielen Dank für das Gespräch!

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