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Förderkreis für Atonalität

Vor 90 Jahren wurde in Salzburg die Internationale Gesellschaft für Neue Musik gegründet

Von Stefan Zednik

Heute haben viele Komponisten zur Harmonik zurückgefunden.
Heute haben viele Komponisten zur Harmonik zurückgefunden. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff "Neue Musik" zum Markenzeichen für unharmonische und schräge Musik. Und die hatte es schwer beim Publikum. Deshalb wollten Komponisten, wie Béla Bartók und Paul Hindemith ihre Interessen auf internationaler Ebene vereinen: Sie gründeten die "Internationale Gesellschaft für Neue Musik".

"Noch wäre die Aufführung eines neuen Streichquartetts von Arnold Schönberg zu erwähnen. Ich beschränke mich auf die Konstatierung, dass es zu einem heillosen Skandale kam. Mitten drin in den einzelnen Sätzen wurde anhaltend und stürmisch gelacht und mitten drin im letzten Satze schrie man aus Leibeskräften ‚Aufhören! Schluß! Wir lassen uns nicht narren!’"

Solchen mitunter rüden Reaktionen, von denen eine Wiener Zeitung 1909 berichtete, war die neue Tonsprache zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig ausgesetzt. Außerhalb gelehrter Musikerkreise stieß Atonalität auf wenig Verständnis. Erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden die Musiker selbstbewusster. 1918 entstand der "Verein für musikalische Privataufführungen", in Donaueschingen 1921 gar ein Festival "zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst". Da entwarf ein kleiner Kreis engagierter Wiener Musiker um den Komponisten Rudolf Réti – durch die Idee des 1919 gegründeten Völkerbundes angeregt – den Plan, ein internationales Treffen zu organisieren. Und einen Verband zu schaffen, der als Dachorganisation nationaler Gesellschaften die Aktivitäten und Interessen junger Komponisten weltweit fördern und koordinieren sollte. Am 11. August 1922 wurde in Salzburg die IGNM, die Internationale Gesellschaft für Neue Musik, gegründet.

Bela Bartok, 1881 - 1945. Ungarischer Komponist und Pianist.Bela Bartok, 1881 - 1945. Ungarischer Komponist und Pianist. (AP)Die IGNM wächst schnell, es entstehen immer mehr Sektionen. Mit den USA, Argentinien und Australien treten bald erste außereuropäische Verbände der Organisation bei. Ihr Hauptziel: Die jährliche Ausrichtung eines Weltmusikfestes, eines Treffens der musikalischen Moderne auf höchstem Niveau. Eine internationale Jury wird jedes Jahr neu gebildet, hier finden sich Namen wie Maurice Ravel, Béla Bartók, Alban Berg, Nadia Boulanger oder Anton Webern. Viele der eingereichten Kompositionen, die hier zum ersten Male erklingen, zählen heute zum festen Kanon der klassischen Moderne. 1933 wird die deutsche Sektion verboten, später auch die Sektionen weiterer europäischer Länder. Doch ein kleiner Rest von Aktiven bleibt, und selbst 1942 findet in San Francisco ein Musikfest statt.

Nach Kriegsende ist das Bedürfnis nach internationalem Austausch in Europa enorm. Es kommt zu einem regelrechten Boom der Neuen Musik. Pierre Boulez oder Karlheinz Stockhausen, Begriffe wie "serielles Komponieren" oder "Aleatorik" erhitzen die Gemüter. Musik soll strengen Regeln folgen und von subjektiven Einflüssen befreit werden. Die Komponistin Olga Neuwirth:

"Das war die Generation nach `45 die noch einmal die Musikgeschichte schreiben konnte. Das war die letzte Generation, die diese Möglichkeit hatte. Die haben noch ein Ziel gehabt und das haben sie auch verfolgen können, weil sie sind mit dieser Art von Musik bis zu einer Grenze gegangen, und das geht nicht mehr."

Heute haben viele Komponisten zur Harmonik zurückgefunden, Musiker wie Krzysztof Penderecki oder Arvo Pärt, Vertreter der ‚minimal music" wie Michael Nyman oder Philip Glass sind sogar kommerziell erfolgreich. Die Internationale Gesellschaft für Neue Musik ist weltweit anerkannt und Mitglied der UNESCO. Julia Cloot, Präsidentin der deutschen Sektion:

"Die IGNM kann natürlich gar nicht so klar die Neue Musik definieren, weil einfach durch diese 57 Ländergesellschaften 57 ästhetische Entscheidungen darüber, was Neue Musik sei, auch eingebracht werden. Und es steht ja auch in den Statuten, dass die IGNM sich eben einsetzt für die Neue Musik unabhängig von ästhetischen Anschauungen, Nationalität, Rasse, Religion, politischer Einstellung, und dass ihr Hauptanliegen die Verbreitung von Werken von Komponistinnen aus den Ländersektionen ist."



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