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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 05.09.2015

FlüchtlingshilfeWie können wir die Ursachen von Flucht verhindern?

Gäste: Christopher Hein, Direktor des Italienischen Flüchtlingsrates und Sabine Hess, Kulturanthropologin und Ethnologie an der Uni Göttingen

Flüchtlinge am Budapester Ostbahnhof Keleti (02.09.2015). (dpa / picture-alliance / Kyodo)
Flüchtlinge am Budapester Ostbahnhof Keleti (dpa / picture-alliance / Kyodo)

Waffendeals, Umweltzerstörung, Ausbeutung von Ressourcen: Auch Europa trägt dazu bei, dass Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Mit unseren Studiogästen diskutieren wir über mögliche Wege aus der Krise.

Kein Thema beherrscht die gesellschaftliche und politische Debatte derzeit so stark wie die Flüchtlinge. Neben der Frage, wie die Länder Europas mit den Hilfesuchenden umgehen sollen, fällt auch immer häufiger der Satz: "Wir müssen die Fluchtursachen in den Herkunftsländern bekämpfen."

"Es ist eine scheinheilige Debatte, die wir führen"

Aber was heißt das genau? Was müsste passieren, damit Fluchtgründe wie Krieg, Hunger, Sklaverei und Folter verschwinden? Wie realistisch ist dieses Ziel? Und welchen Anteil hat auch Europa an den Fluchtursachen?

"Es ist eine scheinheilige Debatte, die wir führen", sagt Sabine Hess.

Die Professorin für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Georg-August-Universität Göttingen sieht eine klare Mitverantwortung Europas: "Wir liefern Waffen in den arabischen Raum und machen ihn zum Pulverfass; wir schauen dem Bürgerkrieg in Syrien seit drei, vier Jahren zu; wir erlauben der Türkei, die Kurden zu bombardieren – das ist so schizophren!"

Die Wissenschaftlerin engagiert sich im Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung. Dessen Mitglieder beobachten seit 2002 die Entwicklung an den Außengrenzen Europas – und damit auch die Aufrüstung der Grenzregime und die Abschottung Europas. "Wir haben schon damals gesagt, dass das so nicht funktionieren wird. Weil die große Geschäftemacherei beginnen wird, wenn man die Reisewege verknappt."

"Entwicklungshilfe darf nicht länger Industriehilfe sein"

Für eine Verbesserung der Lebensumstände vor Ort bräuchte es "einen globalen Marshallplan, eine Entwicklungsperspektive. Wir wissen, wie gute Entwicklungshilfe funktioniert – eben nicht mit Mammutprojekten. Entwicklungshilfe darf nicht länger Industriehilfe sein. Das sind alles Krokodilstränen, die die Politiker absondern."

"Was die Flüchtlingspolitik betrifft, befinden wir uns im Mittelalter", sagt Christopher Hein. Der deutsche Jurist ist Direktor des Italienischen Flüchtlingsrates CIR und hat zuvor lange beim Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) gearbeitet. Die Ursachen für die Flucht seien längst bekannt: "Es gibt die Folgen von Klimaveränderung und Umweltschäden, die die Menschen aus ihren Ländern fliehen lassen – wie Wassermangel, Lebensmittelmangel. Dies ist einer der Gründe für Instabilität in den Ländern. Auf der anderen Seite gibt es die ökonomischen Gründe, zum Beispiel in Nigeria, und da geht es auch um die Verantwortung der internationalen Industrien, die dort einfallen. Dort geht es um Petrol, Diamanten, Gold, Uran, dort wird die Korruption unglaublich hochgeschraubt."

"Wirtschaftliche Entwicklung hat nicht den Effekt, dass keine Migranten mehr kommen"

Er selbst habe an genug Konferenzen teilgenommen, in denen viel geredet, aber danach wenig umgesetzt worden sei. Denn es gehe immer auch um globale politische und wirtschaftliche Interessen.

Wie auch die anderen europäischen Flüchtlingsräte setzt sich Christopher Hein für mehr legale Möglichkeiten der Zuwanderung ein: "Wir befürworten geschützte Einreiseverfahren. Warum sollen Flüchtlinge nicht schon in Tripolis oder Kairo an den Botschaften der EU-Länder einen Asylantrag stellen können, anstatt wie bisher ihr Leben zu riskieren?" Das Fehlen dieser Möglichkeit bilde die "Business-Grundlage der Schmuggler".

Er dämpft aber auch die Hoffnung, dass mit der Verbesserung der Lebensverhältnisse die Fluchtbewegungen gestoppt werden können: "Die Verbesserung des Lebensstandards in den Ländern bedeutet unter Umständen sogar eine Erhöhung der Migrantenzahlen. Die Ärmsten emigrieren nicht, sie können es nicht. Es kommen fast ausschließlich Menschen aus urbaner Herkunft, aus der Mittelklasse – nicht die Halbnomaden. Wirtschaftliche Entwicklung hat nicht den Effekt, dass keine Migranten mehr kommen."

Wie können wir die Ursachen von Flucht verhindern? Darüber diskutiert Klaus Pokatzky heute von 9:07 Uhr bis 11:00 Uhr mit Sabine Hess und Christopher Hein. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de sowie auf Facebook und Twitter.

Informationen im Internet:

Über Sabine Hess

Über Christopher Hein und den CIR

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