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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 24.05.2015

Flüchtlinge und FussballEin anderes Gesicht von Tröglitz

Von Christoph Richter

Das Ortsschild von Tröglitz (dpa / picture alliance / Jan Woitas)
Das Ortsschild von Tröglitz (dpa / picture alliance / Jan Woitas)

Der Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz hat für weltweites Aufsehen gesorgt. Der örtliche Fußballverein, der TSV Tröglitz, möchte dem schlechten Image etwas entgegensetzen. Flüchtlinge sind im Verein willkommen.

Das Fußball-Training des TSV Tröglitz im südlichen Burgenlandkreis – auf halber Strecke zwischen Leipzig und Weimar – findet auf einem von blühenden Linden umsäumten leicht holprigen Rasenplatz statt. Noch sind es nur Anwohner, die da kicken, doch bald sollen auch Flüchtlinge mitspielen. Das zumindest ist der Wunsch des Vereins und des 32-jährigen Trainers Jörg Heinold:

"An mich ist niemand herangetreten, der gesagt hat, das wollen wir nicht, das ist ein Grund zum Aufhören. All sowas ist nicht passiert."

Jörg Heinold scheint darüber selbst ein wenig überrascht zu sein, sagt aber:

"Will nicht behaupten, dass es nicht vielleicht auch kritische Stimmen im Verein gibt. Die sind aber – wie ich es empfinde – deutlich in der Unterzahl, die halten diese Meinung sehr privat."

Heinold ist der Sektionsleiter Fußball beim TSV Tröglitz. Er ist so was wie der klassische Mittelstürmer-Typ. 1,85 groß, durchtrainiert, voller Energie. Und weltoffen. Ihm ist es wichtig, das andere Gesicht, ein anderes Bild von Tröglitz der Öffentlichkeit zu zeigen. 

Der Vereinsvorsitzende Tobias Neupert – grünes Trikot, schwarze Trainingshose – erzählt, dass man im 270 Mitglieder zählenden Verein bereits im November den Entschluss gefasst habe, falls Flüchtlinge nach Tröglitz kommen, dass man sie sofort zum Mit-Kicken, Mit-Turnen oder Tischtennis spielen einladen wolle.

"Wir reichen auf alle Fälle erstmal die Hand und geben das Angebot weiter."

Hautfarbe und Herkunft  sei ihnen egal, sagen sie

Ähnlich sehen es Kicker vom TSV Tröglitz. Junge Männer zwischen 20 und 30. Die Hautfarbe, die Herkunft der Spieler – so hört man es gebetsmühlenartig – sei ihnen völlig egal.

"Jeder, der gerne Fußball spielen möchte, ist willkommen. Ganz einfach. Fußball verbindet."

"Wir sind da ganz offen für die Angelegenheit und werden die herzlichst begrüßen und mit einbinden. Vielleicht ist ja auch der eine oder andere gute Fußballer dabei."

Man bekommt den Eindruck, als ist der Verein sowas wie eine warme Willkommensoase. Keiner hat etwas gegen Flüchtlinge. Ganz im Gegenteil.

"Ich weiß zu schätzen, weil ich privat auch gerne reise, wie gut es uns in Deutschland geht. Wie glücklich wir sein können, dass wir hier im Frieden leben können und in einem recht umfassenden Wohlstand. Und wenn man da im Kleinen die Möglichkeit hat, etwas zurückzugeben, wenn nur durch Offenheit, dann können wir das doch gerne tun."

Trainer Heinold – im Hauptberuf ist er Immobilienmakler – sagt noch, dass man nicht über, sondern mit den Menschen, den Flüchtlingen, sprechen wolle. 500 Euro hat der TSV Tröglitz bereits für das formulierte Engagement als Unterstützung von der DFB-Stiftung Egidius Braun aus Frankfurt/Main bekommen. 

Im Dorf dagegen sieht man das Engagement des Vereins doch etwas skeptisch. Viele winken nur ab, andere schimpfen.

Mann: "Braucht keiner hier."

Autor: "Die braucht keiner hier?"

Ein kleiner Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe von Ausländern

Der Mann um die 50 nickt, sein Nachbar stimmt ihm zu. Gibt aber auch Stimmen, wenn auch wenige, die sich darüber freuen, dass es Nachbarn gibt, die in Tröglitz den Flüchtlingen die Hand reichen.

"Es ist doch schlimm, dass solche Stimmung gegen die Ausländer gemacht wird. Das sind doch Menschen. Für mich. Ich meine, ich bin selbst ausgesiedelt worden, ich weiß wie das ist",

sagt eine Frau, schräg gegenüber vom Sportplatz. Mit der Gartenschere, die sie bedrohlich in der Hand hält, schneidet sie eine kleine Hecke.

Der Vorwurf der Dorfbewohner, dass die Angelegenheit lediglich eine PR-Geschichte des Vereins sei, widerspricht man im Verein vehement. Stattdessen bekommen Besucher das Gefühl, dass man beim TSV Tröglitz Berührungsängste erst gar nicht aufkommen lassen wolle. Man will seinen kleinen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe von Ausländern leisten. Ohne es groß an die Glocke zu hängen.

Wenn dann noch Spieler kommen, die technische Finessen, wie Übersteiger oder Fallrückzieher beherrschen, wäre doch toll, sagt der Vereinsvorsitzende Tobias Neupert. Derzeit spielt der TSV Tröglitz – früher Chemie Tröglitz - in der Burgenland-Kreisliga und steht auf dem zweiten Tabellenplatz. Dieses Jahr habe man den Aufstieg in die Kreisoberliga verpasst, sagt er noch. Doch zusammen mit den Flüchtlingen könne man das vielleicht ändern. Und das wäre dann doch das Allerschönste, sagt der Vereinsvorsitzende Tobias Neupert. Und lacht.

"Natürlich! Man hat es bei anderen Vereinen gesehen, wie in Grana. Die haben jetzt drei oder vier Leute – da ist ja gleich das Asylantenheim in Zeitz daneben. Und die haben gleich auch mittrainiert. Und wie ich weiß, spielen da jetzt auch zwei, drei Leute in der ersten Mannschaft. Fördert natürlich den Kader nach oben." (lacht)

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