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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 27.09.2015

Flüchtling als FußballerWillkommener Torjäger

Von Tonia Koch

Unbekannte haben "Refugees not welcome" gesprayet, andere haben das "not" durchgestrichen. (Andreas Kolbe)
Flüchtlinge sind bei vielen Fußballvereinen willkommen. (Andreas Kolbe)

Zahlreiche Vereine bemühen sich um die Integration von Flüchtlingen. Wie sehr sich das auch sportlich lohnt, erlebt die FSG Bous. Der neue syrische Stürmer Tarek Abd Alsalam schießt den saarländischen Verbandsligisten mit seinen Toren aus dem Tabellenkeller.

Trainer: "So Männer, mit Abseits, wenn ihr Euch nicht bewegt, brechen wir ab, machen eine halbe Stunde die Antritte bis ihre schwindlig werdet , dann könnt ihr Duschen gehen und Bayern München gucken..."

Michael Latz, der Trainer der 1. Mannschaft der FSG-Bous hatte schon bessere Laune. Es regnet in Strömen, der Rasenplatz ist gesperrt, das Training wurde deshalb auf den alten Brascheplatz verlegt und beim Gedanken an das Unentschieden vom vergangen Wochenende, verzieht er das Gesicht. Schließlich wähnte sich der Verein in der Erfolgsspur, nachdem ihr neuer Syrischer Stürmer Tarek Abd Alsalam bereits drei Mal getroffen hat.

Trainer: "Wir sind froh für jede Ergänzung, weil wir haben 2 Schwerverletzte, beides Stürmer und Tarek ist ein Stürmer. Dadurch konnten wir eine kleine Lücke schließen, aber es gibt noch ein Problem mit der Integration, er ist sehr zurückhaltend und fordert nix ein. Aber die Jungs machen ihn so langsam schon flott, es klappt schon ganz gut."

Tarek gehörte mit 15 dem syrischen Jugend-Nationalteam an.

Tarek: "In Syrien, ich bin einer von 23 in der Mannschaft, alle in Syrien haben mich gesehen."

Zerplatzter Traum von der Profi-Karriere

Der 21-Jährige trauert um seinen vom Bürgerkrieg zerstörten Traum von einer Karriere im Profifußball. Hier in Deutschland kennt ihn niemand. Das will er ändern. Zunächst hat er sich, nachdem er Deutschland erreichte, der zweiten Mannschaft des 1. FC Saarbrücken angeschlossen. Doch im fehlte die Spielerlaubnis.

Tarek: " Ich hatte keine Chance, weil ich musste auf mein Papier aus Syrien warten, zwei Monate und als ich mein Papier hatte, war die Saison zu Ende."

Aber nicht nur die Saison war zu Ende, sondern Saarbrücken hatte auch die zweite Mannschaft aus der Oberliga abgemeldet, so dass Tarek sich ein neues Team suchen musste. Dabei half ihm eine ehrenamtliche Betreuerin, Christel Ullrich.

Christel Ullrich: "Auf den Verein bin ich gekommen im Internet, da habe ich rumgeguckt und da hab ich einfach mal angerufen und dann sind wir hin, die haben ihn freudig aufgenommen und er fühlte sich dann wohl."

Sportlich fühlt sich Tarek beim saarländischen Verbandsligisten nicht wirklich gut aufgehoben, menschlich allerdings schon.

Tarek: "Es ist wie spielen auf der Straße aber es ist gut, es gibt nette Leute und die helfen mir immer, ich finde das sehr gut und ich mag alle hier."

Er werde über alles informiert und wenn er wolle, könne er auch bei allem mitmachen, was die Mannschaft außerhalb des Spielfeldes plane.

Tarek: "Es gibt eine Gruppe auf WhatsApp, die reden immer mit allen. Wann ist Training, was machst du heute wohin willst du gehen, es gibt ein Fest in Saarbrücken, wir gehen zusammen, sie sagen immer zu mir, komm, komm, aber ich bin ein bisschen schüchtern."

Der Trainer sieht die Distanz ein wenig mit Sorge.

Trainer: "Geöffnet hat er sich noch nicht, das sieht anders aus, er hat noch Vorbehalte, denke ich."

Aber man versuche alles, um ihm dabei zu helfen, in Deutschland Fuß zu fassen, sagt Michael Latz.

Der DFB unterstützt das Engagement

Latz: "Vor zwei Wochen haben wir zusammen gegessen, da haben wir für ihn extra Putenschnitzel gemacht, damit er merkt, dass er willkommen ist. Aber das sind halt Prozesse, das dauert halt ein bisschen, man weiß ja nicht welche Vergangenheit er hat, da muss man behutsam vorgehen, aber er ist kein Kind von Traurigkeit, den Eindruck habe ich nicht."

Die FSG Bous setzt auf Zeit und auf ein gelebtes Miteinander. Inzwischen spielen drei syrische Flüchtlinge bei den Aktiven und zwei Kinder im Jugendbereich. Der Dorfverein hat für die Neuankömmlinge bereits ein Fest organisiert und aus den Reihen der Mitglieder sind genügend Kleider- und Schuhspenden zusammen gekommen, um sie auszustatten.

Darüber hinaus honorieren sowohl der DFB als auch die Landessportverbände das Engagement der Vereine bei der Integration von Flüchtlingen mit bescheidenen Geld- und Sachspenden. Und schließlich hat die erste Mannschaft der FSG Bous auch einen neuen Fan gewonnen: Christel Ullrich. Drei Mal die Woche fährt die sportbegeisterte 75-jährige Tarek Abd Alsalam zum Training.

Ullrich: "Es macht Spaß, ich komm gerne hier her. Am Abend, was soll ich vor dem Fernseher sitzen, ich hab' nette Leute kennen gelernt, es tut uns allen gut."

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