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Fluchtpunkt Australien

Cees Notebomm: "Paradies verloren"

Von Maike Albath

Australische Ureinwohner
Australische Ureinwohner (AP Archiv)

Cees Nooteboom hat einen Teil der Handlung seines neuen Buches in Australien angesiedelt. Doch der fünfte Kontinent fungiert auch als Metapher, als Fluchtpunkt für eine junge Frau. Durch die Begegnung mit den Ureinwohnern erfährt sie einen anderen Weltzugang und ein neues Gefühl für ihre eigene Existenz.

Eine Mann beobachtet eine Frau, so fängt es an. Sie nimmt ein paar Reihen vor ihm im Flugzeug Platz, und alles an ihr reizt seine Neugier: ihre schmale Gestalt, ihre Bewegungen, ein Buch, das sie auspackt und sofort beiseite legt. Wer hat es ihr geschenkt? Warum reist die Unbekannte nach Berlin? Wie sieht ihr Leben aus? Gleich auf den ersten Seiten seines neuen Romans "Paradies verloren" lässt Cees Nooteboom einen Ich-Erzähler auftreten, der unverkennbar ein Alter Ego ist und gerade mit der Niederschrift eines neuen Buches beginnt.

Er treibt ein Verwirrspiel mit dem Leser, denn es ist das Buch, das wir in den Händen halten. Die Rahmenhandlung beschreibt eine Kreisbewegung. Im letzten Kapitel teilt uns der Schriftsteller mit, er sei im Begriff, eine Reise mit dem Zug in Richtung Osten anzutreten. Sein Buch habe er abgeschlossen. Und wem begegnet er? Richtig, der fremden Frau mit den anziehenden Bewegungen. Sie diktiert ihm die letzten Zeilen von "Paradies verloren".

Diese symmetrische Konstruktion mag gefällig wirken, der eigentliche Roman hat einiges zu bieten. Eine typische Nooteboom-Stimmung breitet sich aus, und man gerät rasch in den Bann der traumartigen Atmosphäre. Zufälle, Missverständnisse und schicksalhafte Begegnungen bestimmen den Rhythmus der Geschehnisse. Die Geschichte führt nach Saõ Paolo, eine junge Kunsthistorikerin ergreift das Wort und beschreibt mit gleichmütigen Worten eine grausame Gewalterfahrung.

Alma, Expertin für Engel auf Renaissancegemälden, war in einem Anfall von Wut ins Auto gesprungen und aus Unachtsamkeit in einer berüchtigten Favela gelandet, wo sie Opfer einer Vergewaltigung wurde. Nur ihre Freundin Almut kann ihren Schmerz nachfühlen. Weil beide seit Kindertagen von Australien träumen, beschließen sie, dorthin zu fahren.

Es ist kein Zufall, dass der Reiseschriftsteller Nooteboom seine Heldin ausgerechnet nach Australien schickt: Unterwegssein ist für ihn nicht nur eine Form der Selbsterfahrung und Meditation, sondern auch eine Bewegung in der Zeit. Durch die Begegnung mit den Ureinwohnern, "den ältesten Menschen der Welt", erfährt die junge Frau einen anderen Weltzugang und entwickelt ein neues Gefühl für ihre eigene Existenz. Ihre Beschädigung kann verheilen.

Bevor sich Alma in naturmystischen Betrachtungen verliert, holt sie ihre Freundin zurück auf den Erdboden: Das Geld ist alle, ein Job muss her. Almut treibt zwei Statistenrollen bei einem Theaterfestival auf. In einer Inszenierung von Miltons "Paradise lost" verkörpern die beiden – ausgerechnet – Engel.

Nun setzt der zweite Handlungsstrang ein: Nooteboom lässt einen Midlife-crisis-geplagten niederländischen Literaturkritiker gen Österreich reisen, wo er eine Kur absolvieren soll. Erik Zondag ist lesemüde und kulturüberdrüssig. Die Entschlackungswoche in den Bergen erlebt er wie eine Katharsis. Am vorletzten Tag seines Aufenthaltes begegnet er einer Masseuse, die ihm drei Jahre zuvor als Engel gegenüber gestanden hatte: Es ist Alma. Der Moment war für ihn ein Wendepunkt gewesen und wieder wäre er bereit, sein Leben zu ändern und alles aufzugeben, nur um Alma nicht verlassen zu müssen. Aber die junge Frau entgegnet ihm: "Engel gehören nicht zu Menschen".

Cees Nooteboom ist ein Experte für diffuse Stimmungslagen, und auch sein neuer Roman endet mit einem Rätsel. Es geht dem niederländischen Schriftsteller um die geheimnisvollen Unterströmungen jenseits der rationalen Erklärungen, um eine andere Sichtweise auf das eigene Lebensmuster, das unseren abendländischen Seelen oft verschlossen bleibt.

Von "Rituale" (1980) bis "Allerseelen" (1999) hat er sich immer wieder als ein Chronist der Metamorphosen erwiesen. Wie einen Engel lässt er seine Heldin zwischen den verschiedenen Sphären hin und her wechseln. Sie vertraut auf die Kraft der Veränderungen. Mit der Frage nach den metaphysischen Verankerungen westlicher Gesellschaften greift Nooteboom ein Thema auf, das in der Luft liegt. Dahinter mag Kalkül stecken, aber "Paradies verloren" ist schön erzählt und entwickelt einen gewissen Sog. Nur die überkandidelte Rahmenhandlung verrät große Eitelkeit.

Cees Nooteboom, Paradies verloren. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag Frankfurt. 160 Seiten. 16, 80 Euro.

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