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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.02.2009

Flucht ins Verhängnis

Philip Roth: "Empörung", Hanser Verlag 2009, 208 Seiten

US-Autor Philip Roth (AP Archiv)
US-Autor Philip Roth (AP Archiv)

Der 19-jährige Marcus Messner ist begabt und fleißig, und er leidet unter der übertriebenen Fürsorge seines Vaters. Marcus flieht in ein weit entferntes College. Doch anstatt seine ehrgeizigen Ziele verfolgen zu können, werden ihm die gesellschaftlichen Konventionen zum Verhängnis. Auch in Philip Roths neuem Roman "Empörung" geht es um Todesangst und ums Sterben.

Es war einmal ein jüdischer Junge, der lebte in Newark, New Jersey. Das ist die Ausgangslage für zahllose Romane von Philip Roth, der wie viele seiner Helden auch selbst aus Newark stammt. Auch in seinem neuesten, seinem 25. Roman "Empörung" nimmt Roth Newarks jüdische Gemeinde zum Ausgangspunkt.

Der Held und Ich-Erzähler ist der 19-jährige Marcus Messner, der begabte, fleißige, gehorsame, liebevolle und ehrgeizige Sohn eines koscheren Metzgers in Newark. Aus Angst um sein einziges Kind entwickelt Messner senior eine obsessive Überfürsorglichkeit, entfremdet sich dadurch den Jungen und treibt ihn erst recht aus dem Haus. Vor dem Kontrollzwang seines Vaters flüchtet Marcus ins weit entfernte Winesburg College in Ohio, in der Hoffnung, dort in Ruhe gelassen zu werden in der Verfolgung seines einzigen Ziels: Jahrgangsbester zu werden. Aber auch in Winesburg gibt es Kontrollzwänge, gesellschaftliche Konventionen und zwingende soziale Gepflogenheiten – und die werden dem Musterstudenten Marcus zum Verhängnis.

Schließlich schreiben wir das Jahr 1951, und hinter Marcus’ Strebertum steht eine ganz reale tödliche Angst – die Angst, bei Versagen im Studium oder gar Rauswurf aus dem College sofort in den Koreakrieg eingezogen zu werden, in dem bereits Zehntausende junge Amerikaner gefallen sind, regelrecht abgeschlachtet von chinesischen Bajonetten.

Es geht in diesem Kurzroman also letztlich wiederum um die Themen, die den alten Philip Roth schon in "Das sterbende Tier", "Jedermann" und "Exit Ghost" umgetrieben haben – um Todesangst, ums Sterben, um den Tod, wenn auch diesmal geschildert aus dem Blickwinkel eines aufgebrachten, "empörten" jungen Mannes, der das Leben scheinbar noch vor sich hat. Marcus Messner wird im College Objekt der Begierde einer Studentin und eines Kommilitonen und verstrickt sich in sexuelle Abenteuer, denen der unerfahrene und prüde Jüngling nicht gewachsen ist. Außerdem legt er sich sehr zu seinem Schaden mit dem Dekan an, dessen Schnüffelei ihn genauso reizt wie die seines Vaters daheim – eine Machtprobe, die Marcus nicht gewinnen kann.

Die Plot-Idee erweist sich als überraschend und durchaus auf der Höhe der Roth’schen Raffinesse. Bis fast zuletzt bleibt unklar, in welchem Zustand Marcus seine Erinnerungen vor uns ausbreitet – als Lebender, als Sterbender oder als Toter. Mit der Durchführung gibt sich Roth diesmal weniger Mühe: Es scheint ihn inzwischen zu langweilen, seinen Plot zu Ende zu erzählen. Lustlos spult er ihn ab und schiebt dem Leser die Aufgabe zu, sich den Rest dazuzudenken. Für Roth-Adepten eine mögliche, aber keine zwingend notwendige Roman-Lektüre.

Rezensiert von Sigrid Löffler

Philip Roth: Empörung
Roman
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
Hanser Verlag, München 2009
208 Seiten, 17,90 Euro