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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.02.2013

Flucht ins Leben

Blaine Harden: "Flucht aus Lager 14", Deutsche Verlags-Anstalt

Von Martin Hyun

Gequält, gefoltert, erniedrigt: Shin Dong-hyuk
Gequält, gefoltert, erniedrigt: Shin Dong-hyuk (Real Fiction Filmverleih)

Shin Dong-hyuk wird in einem nordkoreanischen Arbeitslager geboren. Er soll dort auch sterben - doch ihm gelingt die Flucht. Das Buch nimmt zwar ein glückliches Ende, aber es hinterlässt beim Leser trotzdem einen schalen Beigeschmack.

Geschichten aus dem totalitären Nordkorea funktionieren nur dann, wenn sie die gängigen Vorstellungen der westlichen Welt bestätigen. Das Buch über Shin Dong-hyuk erzählt solch eine Geschichte. Dessen Familie galt als Staatsfeind und "nichtverbesserungsfähig". Ihnen stand im Lager 14 der Tod durch Arbeit bevor.

"Das Lager wurde 1959 in Zentralnordkorea – Landkreis Gaechon, Provinz Hamgyeong – errichtet, umfasst 15000 Häftlinge und erstreckt sich über eine Fläche von 280 Quadratkilometern."

Doch durch eine Reihe von Zufällen gelang Shin mit 23 Jahren die Flucht in die Freiheit.

"Die nordkoreanischen Zwangsarbeitslager existieren inzwischen doppelt so lange wie der sowjetische Gulag und rund zwölfmal so lange wie die deutschen Konzentrationslager. Die südkoreanische Regierung schätzt, dass dort etwa 154.000 Häftlinge festgehalten werden. Schätzungen des südkoreanischen Geheimdienstes und von Menschenrechtsgruppen zufolge gibt es sechs solcher Lager. Das größte ist rund 50 Kilometer lang und 40 Kilometer breit, seine Fläche ist größer als die von Los Angeles."

Zwar gilt Shin als der erste überlebende Flüchtling aus dem Lager 14, doch seine Geschichte liest sich wie die Berichte anderer nordkoreanischer Flüchtlinge. Aus Hunger verzehrte er Insekten und Ratten, wühlte in Kuhfladen nach unverdauten Getreidekörnern. Er wurde Augenzeuge, wie eine sechsjährige Schulkameradin von dem Klassenlehrer zu Tode geprügelt wurde.

Für zwei Privilegien, mehr Essen zu erhalten und zum Klassensprecher ernannt zu werden, verriet er den Fluchtplan seiner Mutter und seines Bruders. Daraufhin wurde seine Mutter vor den Augen Shins erhängt und der Bruder erschossen. Dabei fühlte er keinerlei Gewissensbisse. Doch statt der erhofften Privilegien folgte ein Martyrium von Folter und Qual, weil er keine weiteren Auskünfte geben konnte, was die Familie nach der Flucht geplant habe.

"Ein Becken mit glühender Holzkohle wurde gebracht und unter Shins Rücken geschoben. Einer der Helfer nahm einen Blasebalg und fachte die Glut an. Mittels der Winde wurde Shin abgesenkt. Shin konnte seine verbrannte Haut riechen. Wahnsinnig vor Schmerzen versuchte er sich von der Glut wegzudrehen. Einer der Wärter holte einen Haken von der Wand, stach den Jungen in den Bauch und hielt so seinen Körper über der Glut, bis Shin ohnmächtig wurde."

Auch wenn der monatelange Aufenthalt in der Folterkammer mehr Fluch als Segen darstellte, so entpuppte sich die Zeit für ihn als großes Glück. Er lernte einen älteren Mithäftling kennen, der sich fürsorglich um ihn kümmerte und heilte. Später nennt er ihn "Onkel", weil er ihm die Liebe gab, die er von Mutter und Vater nie erfahren hatte.

In Shins Leben trat eine erste Wende ein, als er beschließt, sich dem "Onkel" gegenüber loyal zu verhalten und nicht - wie es von ihm erwartet wird - zu bespitzeln. Aus der Folter freigelassen und zurückgekehrt ins Lagerleben geriet er vom Regen in die Traufe. Vom Klassenlehrer wurde er schikaniert, von seinen Mitschülern auf das übelste beschimpft und malträtiert.

"Für ihn gab es keine Hoffnung, die er hätte verlieren, keine Vergangenheit, der er hätte nachtrauern und keinen Stolz, den er hätte verteidigen können. Er fand nichts dabei, verschüttete Suppe vom Boden aufzulecken. Er schämte sich nicht, vor seinem Lehrer niederzuknien und ihn um Verzeihung zu bitten. Er empfand keine Gewissensbisse, einen Freund zu denunzieren, wenn er dafür eine Extraration Essen bekam. Das alles waren Methoden zum Überleben."

Als Shin einer Textilfabrik zugewiesen wurde und ihm eine Nähmaschine aus den Händen glitt, schnitten ihm die Wärter seinen rechten Mittelfinger ab.

Die Begegnung mit Park Yong-chul veränderte sein Leben ein weiteres Mal. Der gebildete Häftling gehörte einst zu den Privilegierten der Regierung und war nun in Ungnade gefallen. Dem jungen Mann erzählte er von China und vom Wohlstand im Süden Koreas.

"Er schilderte die Offenbarungen von Hühner-, Schweine- und Rindfleisch in China, Hongkong, Deutschland, England und der ehemaligen Sowjetunion. Je länger Shin diesen Geschichten lauschte, desto stärker wurde sein Wunsch, das Lager zu verlassen."

Shin gewann immer mehr Vertrauen zu Park. So sehr, dass er ihm seinen Fluchtplan anvertraute. Als beide an einem kalten 2. Januar 2005 zum Brennholzsammeln unweit vom Hochsicherheitszaun eingeteilt wurden, schlägt ihre Stunde. Park, der sich als erster durch den unter Hochspannung stehenden Draht zwängt, verletzt sich tödlich.

"Ohne nachzudenken robbte Shin über den Körper seines Freundes und benutzt ihn so unwissentlich als eine Art Isolierungskissen. Während er sich durch den Zaun wand, konnte Shin den Strom spüren. Shin hatte es fast geschafft, als seine Beine von Parks Rücken abrutschten und mit den doppelten Hosen, die er trug, den unteren Draht berührten. Die Hochspannung im Draht verursachte schwere Verbrennungen von den Knöcheln bis zu den Knien."

Fortan auf sich alleine gestellt, schlägt er sich nach China durch, überlebt dort als Viehhirte und Tellerwäscher. In einem koreanischen Restaurant lernt er einen Journalisten kennen, der ihn zur südkoreanischen Botschaft bringt. Das ist seine Rettung. Nach sechs Monaten darf er ausreisen, erhält die südkoreanische Staatsbürgerschaft und wird in einem Umsiedlerzentrum für nordkoreanische Flüchtlinge untergebracht.

"In den Monaten und Jahren, die jetzt vor Shin lagen, würde er viele Dinge entdecken: Online-Videos, Blogs und den internationalen Verkehr. Therapeuten und Berufsberater würden sich seiner annehmen, Prediger ihm zeigen, wie man zu Jesus Christus betet und Freunde ihm beibringen, wie man Zähne putzt, eine Kreditkarte benutzt und was man mit einem Smartphone alles anstellen kann."

Shins Leben in der Freiheit verläuft steinig. Und doch sei er auf gutem Wege, sein Leben zu meistern, verspricht Blaine Harden auf den letzten Seiten des Buches.

Mich als Leser aber lässt das ungute Gefühl nicht los, dass den Journalisten der "Washington Post" das tragische Schicksal des Nordkoreaners nicht wirklich berührt. Ihn scheint vielmehr der Ehrgeiz zu treiben, den begehrten Pulitzer-Preis zu erhalten - wie vor ihm mehrere Kollegen seiner Zeitungsredaktion.

Auch wenn er vom Honorar des Buches die Hälfte an seinen Protagonisten abtritt, inhaltlich mitsprechen ließ er ihn nicht. Shin Dong-hyuk veröffentlichte seine Memoiren auf Koreanisch bereits im Jahr 2007 unter dem Titel "Ausbruch in die Außenwelt". Doch das Buch floppte. Der Erfolg kam erst jetzt mit Blaine Harden, einem englischsprachigen Journalisten, der auf der Suche nach der Geschichte seines Berufslebens war und sie fand.

Blaine Harden: Flucht aus Lager 14. Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012
256 Seiten, 19,99 Euro

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