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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 14.05.2006

Flucht in die Unwissenheit

Peter Longerich: "Davon haben wir nichts gewusst!"

Vorgestellt von Margarete Limberg

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)
Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)

Der Historiker Peter Longerich verweist den seit 1945 üblichen Spruch "Davon haben wir nichts gewusst" endgültig ins Reich der Legende. In dieser ersten großen deutschen Untersuchung des Themas entzaubert der Autor penibel mit vielen Belegen diese Formel der deutschen Selbstrechtfertigung, Verdrängung und Abwehr jeglicher Mitverantwortung.

Vom Holocaust wusste in irgendeiner Form, so schreibt er:

"… nicht die Mehrheit, aber doch ein erheblicher Anteil der Bevölkerung und nicht etwa nur eine kleine, auf eine bestimmte Region, Berufssparte oder auf ein soziales Milieu beschränkte Minderheit. Es bestätigt sich damit, was wir auch den Stimmungsberichten, Tagebüchern und anderen zeitgenössischen Aufzeichnungen entnehmen können: In der deutschen Bevölkerung waren generelle Informationen über den Massenmord an den Juden weit verbreitet."

Longerich hat für seine Untersuchung eine Fülle von Quellen herangezogen: die geheimen Lage- und Stimmungsberichte des NS-Regimes, die Protokolle der täglichen Konferenzen des Propagandaministeriums aus den Jahren 1941/42, die regionale und überregionale Presse, Tagebücher und Briefe.

Die Judenverfolgung fand im Wesentlichen öffentlich statt. Die Deportationen ab Herbst 1941 geschahen am helllichten Tage, und die Presse ließ keinen Zweifel am Schicksal der Deportierten im Osten. Immer wieder redeten führende Politiker des Regimes von der Vernichtung und Ausrottung der Juden. Peter Longerich:

"Wenn man sich nun vor allem mit der Propaganda dieser Zeit beschäftigt, dann sieht man doch sehr deutlich, dass sehr viel mehr an Informationen über die Judenverfolgung und auch über die letzte Phase der Judenverfolgung, die so genannte Endlösung, vorhanden war, als man das gemeinhin glauben würde. Das heißt, es gab eigentlich genügend Informationen für den normalen Deutschen, um sich ein Bild zusammenzusetzen, das zumindest ausreicht. Man wusste, dass die Menschen, die aus Deutschland deportiert wurden, umgebracht wurden."

Wie sind die Deutschen aber mit den zur Verfügung stehenden Informationen umgegangen?

"Haben die Menschen damals das wirklich gemacht, haben sie Informationen systematisch gesammelt, haben sie sich dieses Gesamtbild zusammengesetzt oder haben sie nicht versucht, der scheußlichen Konsequenz dieser verschiedenen Informationen auszuweichen, haben sie nicht versucht, sich in eine künstliche Unwissenheit zurück zu ziehen."

Longerich zeigt an vielen Beispielen, wie die antisemitische Propaganda in verschiedenen Wellen und in unterschiedlicher Intensität über das Land hinweg ging. Dabei ist er – im Unterschied zu Goldhagen - zu der Erkenntnis gelangt, dass die Hetze gegen die Juden vor allem in den ersten Jahren keineswegs auf die gewünschte einhellige Begeisterung stieß, er macht keine breite antisemitische Volksstimmung aus.

Peter Longerich: "Davon haben wir nichts gewusst!" (Coverausschnitt) (Siedler Verlag)Peter Longerich: "Davon haben wir nichts gewusst!" (Coverausschnitt) (Siedler Verlag)Es sei, so räumt Longerich ein, unter den Bedingungen der NS-Diktatur indessen schwierig, die wahre Stimmung herauszufinden. Das Regime hingegen wertet die Passivität klar als Zustimmung und verfolgt vor allem bei den Pogromen der so genannten Reichskristallnacht am 9./10. November 1938 die Strategie, die Bevölkerung als Zuschauer und Mitwisser zu Komplizen zu machen. Noch deutlicher wird dieses Bestreben im Zusammenhang mit der so genannten "Endlösung". Ab Spätsommer 1941 bereitet eine nie da gewesene antisemitische Propagandamaschinerie die Deutschen auf die letzte Stufe der Eskalation vor:

"Das Regime versuchte, sie durch Propaganda in die Politik der Judenvernichtung zu involvieren, das versuchte zu signalisieren, ihr wisst doch, was passiert, ihr seid mitverantwortlich, und es gibt offenbar in der Bevölkerung einen immer größeren Unwillen, sich in diese Politik involvieren zu lassen. Es gibt so etwas wie eine Flucht in die Unwissenheit."

Einzelheiten der Mordmaschinerie unterlagen zwar der Geheimhaltung. Dennoch war es, wie Longerich festgestellt hat, durchaus möglich, etwas über die Massenmorde zu erfahren:

"Es gibt während des Krieges zwar eine ganze Menge Gerüchte, etwa über Erschießungen von Juden in Osteuropa, es gibt auch Gerüchte über die Verwendung von Giftgas, aber es gibt doch relativ wenig konkrete Informationen über die Vernichtungslager, Namen etwa, und es gibt auch relativ wenig konkrete Informationen über die Existenz von Gaskammern oder von Gaswagen. Hier hat eben die Geheimhaltung des Regimes schon recht gut funktioniert. Trotzdem muss man immer wieder sagen, gleichzeitig auf der anderen Seite trotz dieser Geheimhaltung wurden immer wieder deutliche Signale ausgesandt, etwa durch führende Politiker des Regimes, die ganz offen 1942/43 von der Ausrottung, der Vernichtung der Juden sprachen."

Je schwieriger der Kriegsverlauf wurde, umso mehr bemühte sich das Regime, die demoralisierte Bevölkerung an sich zu binden, zu Komplizen zu machen, indem man Hinweise auf den Judenmord streute und gleichzeitig die Angst vor Vergeltung schürte:

"Das Regime hat tatsächlich mit dieser Propagierung der so genannten jüdischen Rache gearbeitet. Das heißt, es hat deutlich durchblicken lassen, dass man den Krieg nicht verlieren darf, weil man sonst mit der jüdischen Rache zu rechnen habe. Mir scheint, dass diese Drohung doch letztlich kontraproduktiv gewesen ist und dass das dazu geführt hat, dass die Menschen versucht haben, vor diesem Thema Judenverfolgung die Augen zu verschließen, weil sie eben versucht haben, sich nicht in diese Politik der Vernichtung involvieren zu lassen."

Dieser Verdrängungsmechanismus, den Longerich eindrucksvoll belegt und beschreibt, hat langfristige Wirkungen weit in die Nachkriegszeit hinein:

"Die einfachste und vorherrschende Haltung war daher sichtbar zur Schau getragene Indifferenz und Passivität gegenüber der "Judenfrage" – eine Einstellung, die nicht mit bloßem Desinteresse an der Verfolgung der Juden verwechselt werden darf, sondern als Versuch gesehen werden muss, sich jeder Verantwortung für das Geschehen durch ostentative Ahnungslosigkeit zu entziehen. Es scheint, als habe die nach Kriegsende zur stereotypen Floskel gewordene Redewendung, man habe 'davon nichts gewusst' ihre Wurzeln in eben dieser Verweigerungshaltung der zweiten Kriegshälfte hatte: in der Flucht in die Unwissenheit."

Es ist kaum zu begreifen, dass es so lange gedauert hat, ehe sich ein deutscher Historiker ausführlich mit der zentralen Nachkriegsmär vom "Nicht-Wissen" der Deutschen über die NS-Verbrechen auseinandergesetzt hat. Longerich selbst hat keine schlüssige Erklärung. Man kann nur dankbar sein, dass ein Wissenschaftler von seinem Renommee sich dieses Themas jetzt mit so großer Sorgfalt angenommen hat.

Flucht in die Unwissenheit
Peter Longerich: Davon haben wir nichts gewusst!
Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933 – 1945

Siedler Verlag, München 2006

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