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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.12.2007

Flucht durch Massenekstase

David Albahari: Die Ohrfeige. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2007. 367 Seiten

David Albahari lässt seine Leser verstört zurück.
David Albahari lässt seine Leser verstört zurück. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

David Albahari umkreist in seinen Büchern das Trauma des Bürgerkriegs auf dem Balkan. So auch in seinem Roman "Die Ohrfeige". Darin erfährt ein namenloser Ich-Erzähler vom absurden Plan, während des Kosovo-Krieges Juden aus Belgrad mittels mystischer Praktiken in ein etwaiges Jenseits zu evakuieren. Der Plan misslingt und der Ich-Erzähler flieht.

Aus der Politik hätte er sich gern herausgehalten: David Albahari, Jahrgang 48, geboren als Sohn eines Juden im Kosovo. Aber 1991 wurde Albahari, mittlerweile in Belgrad zu Hause, Vorsitzender des Verbandes der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens. Im gleichen Jahr begann der Bürgerkrieg, wenig später die Belagerung von Sarajevo, und der Schriftsteller kümmerte sich um die Evakuierung seiner jüdischen Mitbürger.

Die Erfahrung, dass Tausende wegen ihrer Herkunft oder Ansichten wieder verfolgt wurden, prägte Leben und Werk des Erzählers. In "Mutterland" notierte er:

"Ich hatte die Menschen in Serbien während des Krieges gesehen und wusste, dass es unter ihnen nie mehr Frieden geben würde".

1994 reiste David Albahari mit einem Stipendium nach Kanada. Er blieb in der Fremde, und über das Fremdsein hat er fortan geschrieben. In immer neuen, gefeierten Büchern umkreist er die eigene Identität und deren Zerfall: die jüdische Herkunft, die Einsamkeit im Exil, den Verlust von Heimat und Sprache. Immer wieder, auch in seinem jüngsten Buch, kehrt er heim in ein versunkenes Land, in eine blasse Stadt.

Belgrad 1998, ein kühler Märztag:

"Sonntags ging ich immer an der Donau spazieren, egal bei welchem Wetter, sogar wenn es stürmte und regnete."

Mit Nebensächlichkeiten beginnt der Roman. Der Ich-Erzähler, ein Mann ohne Namen, ist Journalist, Autor politischer Kommentare, die manchmal stürmische Reaktionen provozieren. Die Stadt bedrückt ihn, diese düstere Atmosphäre der Milosevic-Ära. (1998: ein schwieriges Jahr für die Serben. Das Land ist isoliert, die Nationalisten sehen sich als Opfer eines internationalen Komplotts. Daheim muss es Sündenböcke geben; die Andersgläubigen sind schuld, natürlich.) An der Donau, dicht am Wasser, sieht der Erzähler an diesem Sonntag einen Mann und eine junge Frau. Er beobachtet sie, isst einen Apfel dabei. Er kaut noch auf dem Stiel herum, "und in diesem Augenblick versetzte der junge Mann ohne jegliche Vorwarnung dem Mädchen eine Ohrfeige".

Die Episode wird zum Ausgangspunkt für eine Reihe unfassbarer Ereignisse. Der Ich-Erzähler folgt dem Mädchen, verliert sie, sucht sie anderntags erneut - vergeblich. Per Annonce empfängt er eine geheimnisvolle Botschaft:

"Eine Ohrfeige verändert manchmal den ganzen Kosmos."

Er findet Rätsel und Zeichen in der Stadt, immer wieder.

"Ein Kreis, darin ein Dreieck und in diesem wieder ein auf dem Kopf stehendes Dreieck."

Mal spürt der Erzähler übersinnliche Schwingungen, mal fühlt er sich als Teil einer Verschwörung, als Akteur - oder kleine Figur? - in einem Spiel, dessen Regeln er nicht kennt.

Das Spiel, so merkt er schließlich, ist ein Geheimplan, erdacht von Belgrader Juden. Das Ziel: die Rettung bedrohter Glaubensgefährten durch Flucht in eine jenseitige Welt. Der Weg: Massenekstase. Die Kabbala wird bemüht, die mystische Lehre. Der Erzähler hört eigenartige Dinge. Menschen aus seiner Stadt würden mit ihren Körpern bald ein zauberkräftiges Gebet schreiben. Andere rührten bereits Lehmbrei, um einen Golem zu erschaffen...

Immer tiefer dringt Herr Namenlos ein in die Welt der jüdischen Gemeinde. Als er in der Zeitung gegen ethnische Säuberungen polemisiert, als er Täter benennt, wird der Erzähler zum Opfer: Hakenkreuze im Treppenhaus, bluttriefende Davidsterne, Drohungen im Briefkasten und per Telefon...

Am Ende scheitert der abstruse, aus Verzweiflung geborene Rettungsplan. Ein Mitwisser wird ermordet, und der Ich-Erzähler flieht Hals über Kopf aus dem Land. Jahre später will er sich die Belgrader Erfahrungen von der Seele schreiben, will Klarheit schaffen, doch dies misslingt: Der Erzähler - und mit ihm der Leser - kann nicht unterscheiden, was real und was Traum ist. Er fragt sich, ob die Reise in die Schattenwelt der Mystik nur Selbstbetrug gewesen sei, "eine Flucht vor dem, was damals unsere Welt und deren Wirklichkeit war". In allem bleibt Zweifel.

"Die Ohrfeige" ist ein verstörendes Bucht: Makellos in Stil und Anlage, bleibt es schwer zu konsumieren. Endlos kreist der Monolog um Schatten und Spiegelungen. Kein Absatz, um Luft zu holen im Fluss. Wach muss einer sein, hellwach, um überhaupt in diesem Strom zu schwimmen, mit seinen Strudeln und Katarakten. Stimmt, die Geschichte habe zu viele Stränge, bestätigt selbstironisch die Ich-Figur des Romans - oder der Autor, David Albahari. Eine richtige Erzählung zeige Ordnung, während er schlicht ein Abbild des Lebens biete. Und das, sagt Albahari, sei immer chaotisch.

Rezensiert von Uwe Stolzmann

David Albahari: Die Ohrfeige
Roman. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann.
Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2007
367 Seiten. 22,95 Euro