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Fazit | Beitrag vom 23.02.2016

Florentiner Manierismus im Städel MuseumDie jungen Wilden der Renaissance

Von Rudolf Schmitz

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Eine Besucherin betrachtet das Modell "Neptun" von Baccio Bandinelli im Frankfurter Städel Museum in der Sonderausstellung "Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici" 2016 (picture alliance / dpa / Alexander Heinl)
Das Modell "Neptun" von Baccio Bandinelli im Frankfurter Städel Museum (picture alliance / dpa / Alexander Heinl)

"Maniera" – ein raffiniert-eleganter Malstil, geprägt im Florenz der Medici. Das Städel Museum in Frankfurt am Main zeigt eine große Ausstellung mit 120 Leihgaben aus Italien. Hier zeigt sich der kreative Eigensinn der "jungen Wilden" der Renaissance.

Alles beginnt mit einem frühen Porträtbild Jacopo Pontormos von 1518, der Darstellung eines jungen Goldschmieds mit breitkrempigem schwarzem Hut, einem braunen Mantel mit Luchspelzkragenund einem Gravierstichel in der Hand. Er wirkt aufgeschreckt, blickt nach rechts aus dem Bild, als hätte ihn jemand gerufen. Eine ziemliche Unruhe für ein Standesporträt...

"Maniera hat nicht drei Charakteristika, die man aufzählen kann, sondern das Interessante an der Sache ist, dass eben der individuelle Stil des Künstlers… - Die Handschrift? - … genau, die Handschrift das kommt ja von mano, die Hand, dass das eben eine ganz besondere Rolle spielt und dass diese Künstler schon früh, in ihrer Werkstattausbildung, dazu erzogen werden, ihrem eigenen Stil freien Lauf zu lassen und dass das eben von den Auftraggebern auch besonders geschätzt wird." 

Bastian Eclercy führt mich in der Ausstellung "Maniera" im Frankfurter Städel Museum zu den ersten Skandalbildern der jungen Florentiner. Rosso Fiorentino und Jacopo Pontormo setzen sich mit der Madonna mit dem Kind und dem Johannesknaben auseinander. Ein kleiner Raffael auf Holz zeigt, wie dieses Thema bis dahin bearbeitet wurde: als harmonisch gestufte Figurengruppe in sanfter toskanischer Hügellandschaft. Bei den jungen Wilden wird es zur Szene im Innenraum, Jesus und Johannes wirken fast albern, Maria reichlich irdisch...

Spiel mit dem Angemessenen

"Diese Bilder sind von unglaublicher Kühnheit, insbesondere bei Rosso, da wird sozusagen gespielt mit den Grenzen des Angemessenen, was man Dekorum nennt, das, was sich ziemt. Zum einen eben in den Gesichtsausdrücken der beiden Knaben, die fast bis ins Karikaturhafte überzeichnet wirken, aber auch in der Figur der Madonna selbst, die ja eher wie eine antike Venus daher kommt, mit dem ganz eng anliegenden Gewand, bei dem sich die Brüste und sogar der Bauchnabel abzeichnen, das geziemt sich ja eigentlich nicht für eine Madonna."

Die jungen Wilden von Florenz kämpften gegen die Überväter Michelangelo, Leonardo da Vinci und Raffael. Wie, das zeigt die Frankfurter Ausstellung am Beispiel von insgesamt 50 Gemälden und 80 Zeichnungen und Kleinskulpturen. Herzstück ist Agnolo Bronzinos Bildnis einer Dame in Rot, von 1533, eines der wertvollsten Stücke der Städel-Sammlung. Mit diesem hinreißenden Porträt einer jungen Dame in rotem Kleid und mit kühl beherrschtem Gesichtsausdruck, den Diamantring der Medici an der rechten Hand, habe Agnolo Bronzino eine neue Gattung in die Kunst eingeführt, erklärt mir Bastian Eclercy.

"Ich nenne das monumentale repräsentative Damenbildnisse. Damen, die sich in einer Weise darstellen lassen, wie sie vorher nicht üblich war, im großen Format, als Dreiviertel-Figur, in üppigen Gewändern, vor allem mit diesen Puffärmeln, die diesen Figuren so ein luftiges Volumen und eine Gravität geben ohne wirklich schwer zu sein, mit einem Schoßhündchen als it-piece-artiges Accessoire, wie man heute vielleicht sagen würde – eine Spaniel, den diese Dame mit sich führt..."

Manieristen verformten bis ins Bizarre

Die Hintergrundfaben der Ausstellungsinszenierung sind ungewöhnlich. Kein Italienerrot, wie vielleicht erwartet, sondern Farben im Grün-Blau-Bereich.  

"Und sagen Sie, was haben Sie sich hier für die Hängewände einfallen lassen, das sieht aus wie eine Prägetapete? - ... Genau, wir zeichnen bestimmte Wände der Ausstellung durch eine geprägte Tapete aus, die man dann mit der Wandfarbe entsprechend streichen kann, die eine Stoffbespannung, wie man sie in einem Palazzo erwarten könnte, suggeriert und mit einem ganz verhaltenen Muster, das nicht den Rhythmus der Bilder stört, sondern eher unterstreicht und mit der wir bestimmte Werke an besonderen Wänden hervorheben können, ein Element, mit dem wir hier zum ersten Mal gearbeitet und experimentiert haben."

Giorgio Vasari übrigens, der erste Kunstgeschichtsschreiber und Verfasser der Viten der Renaissancekünstler, bildet mit Zeichnungen und Gemälden den Abschluss der Ausstellung. Und zumindest seine "Toilette der Venus" beweist, dass er als Künstler durchaus nicht nur Mittelmäßiges schuf. Vasari sah die jungen Wilden der Maniera oft ziemlich skeptisch. Die Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum dagegen überzeugt mit einem neugierigen Blick auf die vielen Facetten dieses erfindungsreichen Stils.

"Zum einen geht es um Raffinesse, um Eleganz, um das Verfeinerte, das Kultivierte, das ist die Wurzel, die aus der Hochrenaissance herkommt. Und zum anderen geht es auch immer wieder um die Überzeichnung, um das Extravagante, um die Verformung bis ins Bizarre hinein. Wir begreifen das eben als zwei Seiten derselben Medaille. Das gehört untrennbar zusammen, das sind die beiden Pole, zwischen denen sich diese Kunst bewegt."

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