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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 29.09.2015

FliegenlarvenMaden als eiweißreiches Futtermittel

Von Christiane Habermalz

Ein Mitarbeiter betrachtet am 16.1.2003 im Labor der Firma BioMonde in Barsbüttel (Kreis Stormarn) Fliegenmaden. Die Firma BioMonde ist nach Angaben der Gesundheitsbehörde Hamburgs der einzige Produzent von Fliegenmaden, die als zertifiziertes Arzneimittel hergestellt werden. Die Maden sind vom Landesamt als sogenanntes Fertigarzneimittel eingestuft und apotheken- sowie rezeptpflichtig. Die Maden werden in der Wundbehandlung eingesetzt. (picture-alliance / dpa / Ulrich Perry)
In der Medizin werden Fliegenlarven bereits als lebende Arznei eingesetzt. (picture-alliance / dpa / Ulrich Perry)

Die Larven der "Hermetia illucens" sind besonders reich an Proteinen – und deshalb als Futtermittel bestens geeignet. Ein Brandenburger Unternehmen setzt auf das Potenzial der Maden für die Tierzucht und arbeitet seit Jahren an der Marktidee.

Die Erdbevölkerung wächst, und mit ihr der Hunger nach Proteinen. Bis zum Jahr 2050, so die Prognose der Welternährungsorganisation FAO, wird der weltweite Konsum von Fleisch und Fisch um 70 Prozent ansteigen. Doch die Ressourcen sind endlich. Geht es nach Wissenschaftlern wie Christian Borgemeister, klingt die Zukunft der Welternährung so:

"Insekten könnten meiner Meinung nach eine extrem interessante und eben auch eine sehr, sehr umweltverträgliche Alternative darstellen.

Man kann Insekten zweifach einsetzen. Man kann Insekten einerseits als Tierfutterersatz, oder als Bestandteil von Tierfutter in der Haltung von Hühnern oder Schweinen einsetzen. Aber man kann es eben auch im Food-Bereich, also für die menschliche Ernährung einsetzen."

Eine Abfall fressende Fliegenlarve

Das Kerbtier der Zukunft, da ist sich Insektenforscher Borgemeister von der Universität Bonn sicher, heißt "Hermetia illucens" zu Deutsch: "Schwarze Soldatenfliege". Ein unscheinbarer Zweiflügler, der seinen Namen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg hat, weil ihre Maden sich dort als Aasfresser an den Leichen der Gefallenen gütlich taten. Hermetia ähnelt unserer Stubenfliege, aber ohne deren lästige Eigenschaften: Als erwachsene Fliege nimmt sie keine Nahrung mehr zu sich, also sucht sie nicht die menschliche Nähe. Ihre Darmflora wirkt antibakteriell. Sie überträgt keine Krankheitserreger, im Gegenteil: Keime werden in ihrem Verdauungstrakt abgetötet. Und: Im Larvenstadium vertilgt sie Unmengen an organischen Abfällen, im Prinzip alles, was unsere Biotonnen hergeben. Und verwandelt sie in 1A reines Protein.

Christian Borgemeister: "Weil man eben bestimmte organische Abfallstoffe so wiederum dem Produktionszyklus zurückführen könnte, und eben aus beispielsweise Exkrementen, aus Scheiße, Gold im Sinne von Tierfutter zu machen, was dann eben hinterher irgendwann mal Milch wird oder Joghurt oder ein Steak."

Wer seit Jahren ebenfalls auf das Potential von Hermetia setzt, ist Heinrich Katz. Im brandenburgischen Baruth haben die Gebrüder Katz in den letzten Jahren eine veritable Zucht aufgebaut: Massentierhaltung ohne ethische Bedenken. In großen Gazekäfigen fliegen Tausende der geschlechtsreifen Tiere, sie paaren sich, die Eier werden abgesammelt und zum Schlupf gebracht.

Heinrich Katz: "Das sind jetzt richtig gute Eipakete hier. Das sind pro so weiße Kiste 20 Gramm Eier drin, 20 mal 20.000 sind 400.000 mal 0,3. Das heißt, dass aus ein so einer Kiste hinterher 120 Kilogramm Larvenmasse rauskommt."

Eiweißreiches Futtermittel

Die Fliegeneltern sterben nach und nach, ihre Körper dienen noch als Dünger. Später könnte man sogar das Chitin noch verwerten, für Arzneimittel, sagt Katz. Im Nebenraum werden die Larven gemästet, unter optimalen Bedingungen. Temperatur, Belüftung, Feuchtigkeit. Katz steckt seine Hände in Bottiche voll wimmelnder Maden. Nichts für Zartbesaitete. Aber die proteinreichen Larven sind als Futtermittel bestens geeignet. Für die Fischzucht, für Schweine oder Hühner – die picken ohnehin von Haus aus Würmer. Eine innovative Marktidee.

Heinrich Katz: "Hier die Behörden in der Gegend waren auch sehr positiv, das wird ein paar Probleme lösen. Müssen wir noch gucken, ob man so Sachen wie Schweinegülle verwenden könne, Tierkörperbeseitigung wäre auch so was. Und dann haben wir einen Fütterungsversuch angemeldet mit Broilern, und die haben gesagt: Stopp: Dürft ihr gar nicht! Das ist tierisches Protein, dürft ihr nicht an Nutztiere verfüttern, einzige Ausnahme ist Fischmehl."

Und da begannen die Probleme. Seit der BSE-Krise ist EU-weit allein Fischmehl als tierischer Bestandteil von Nutztierfutter zugelassen. Dabei ist gerade Fischmehl ökologisch äußerst problematisch.

Heinrich Katz: "30 Millionen Tonnen Fisch werden direkt rausgefischt aus den Weltmeeren, und dann circa sechs Millionen Tonnen Fischmehl draus gemacht. Und dann wenn man dann drei Kilogramm Fischmehl braucht, bis man ein Kilogramm Lachssteak auf dem Tisch hat, machen wir aus 30 Millionen Tonnen Fisch zwei Millionen Tonnen Fisch. Also macht es eigentlich keinen Sonn, wir brauchen eine Alternative."

Schwierige Begrifflichkeiten

Doch die wird als Futtermittel nicht zugelassen. Bislang produziert Katz also sein Produkt Hermetia - im getrockneten Zustand sieht es aus wie Rosinen, im Geruch angenehm nussig - vor allem für Forschungseinrichtungen. Erste Anfragen kommen jetzt von der Heimtierfutterindustrie, deren Auflagen sind nicht so hoch wie die an Futter für Nutztiere. Katz hofft darauf, dass die EU sich bewegt und die Regularien an Insekten anpasst. Bislang scheitert es schon an Begrifflichkeiten.

Für die Behörden sind Hermetia Nutztiere. Die dürfen aber laut Vorschrift nicht mit Abfällen gefüttert werden – Katz muss also teuren Getreideschrot einkaufen, um seine Maden zu ernähren, die doch alles fressen würden. Und die Brandenburger Behörden verlangten gar einen zertifizierten Schlachthof – für Maden.

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