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"Fliegender Holländer" als Ausdruck des suchenden Menschen

Theologische Betrachtung der Inszenierung in Bayreuth

Von Herbert A. Gornik

"Der fliegende Holländer" bei den Bayreuther Festspielen mit Adrianne Pieczonka (Senta) und Samuel Youn (Holländer)
"Der fliegende Holländer" bei den Bayreuther Festspielen mit Adrianne Pieczonka (Senta) und Samuel Youn (Holländer) (dpa / picture alliance / Enrico Nawrath)

Der "Fliegende Holländer" eröffnete die Wagner-Festspiele in Bayreuth. In der Oper spielen Motive wie Kainsmale und Wiedergeburt eine wichtige Rolle. Das musikalische Kunstwerk kann als Gleichnis des leidenden, umherirrenden Menschen verstanden werden.

Nicht nur sex sells. Auf der Opernbühne verkauft sich auch das Scheitern Sentas. Wie im wirklichen kapitalistischen Leben. Das zeigt die neue Bayreuther Inszenierung des "Fliegenden Holländers". Vater Daland als geldgieriger Ventilatorenproduzent, der Holländer mit abstoßendem Äußeren, wie mit einem Lepramal oder Kainsmal, aber mit einem Rollkoffer voller Geld.

Die erste biblische Anspielung: Mit einem Mal zeichnet Gott Kain, allein die Vertreibung ist Strafe genug, das Mal selber soll den Gezeichneten schützen vor der Rache der Menschen. Für die Liebenden beginnt eine ausweglose Liebe wie auf der Titanic. Wie nah ist das an Richard Wagners Ideen? Wagner schreibt in "Eine Mitteilung an meine Freunde" von 1851, der Holländer sei "eine merkwürdige Mischung des Charakters des Ewigen Juden mit dem des Odysseus".

Die Rede vom wandernden bzw. ewigen Juden entsteht in den Legenden des 13. Jahrhunderts. Ein unbekannter Mann, von einem Juden ist nicht die Rede, soll Jesus auf seinem Kreuzweg verspottet haben, wird dafür vom leidenden Gottessohn verflucht und bleibt zur Strafe unsterblich, aber bis zum ewigen Gericht ohne Heimat. Erst zu Anfang des 17.Jahrhunderts wird die Figur judaisiert. Der Name Ahasver spielt auf einen nichtjüdischen König an.

Alle sieben Jahre kann ihn eine ihm bedingungslos treue Frau wieder für immer an Land bringen. Dieses "Alle 7 Jahre wieder, immer und immer wieder" ist ein Wiedergeburtsmotiv. Im "Fliegenden Holländer" ist dieser buddhistische Gedanke schon angelegt und ausgeprägt: Nur durch Enttäuschung und Leid, aber mit Treue und Liebe kann Erlösung stattfinden. Und zwar im Hier und Jetzt, der Holländer muss immer wieder an Land, Menschen wie wir müssen hier immer wieder neu standhalten; Eskapismus ist in diesem Kreislauf nicht nur nicht erlaubt sondern ganz unmöglich.

Die antijüdische Haltung Wagners mag Pate gestanden haben, dominant aber kommt sie in der Theologie des "Fliegenden Holländers" nicht zum Ausdruck. Der "Fliegende Holländer" kann als Ausdruck des suchenden, leidenden, umherirrenden Menschen verstanden werden. Handlung und Szene sind ein Bild fürs Leben selbst: Meer und Wind drücken gleichzeitig Ausweglosigkeit und damit Stillstand aus, aber auch dem eigenen Willen nicht unterworfene Veränderung – Wind und Wellen sind wir ausgeliefert. Aber der Mensch kann sich damit nicht abfinden, er will ankommen, landen, zum Ziel kommen, endlich erlöst werden. Menschen wollen Menschlichkeit. Wagner selber hatte in der erwähnten "Mitteilung an meine Freunde" von einer geradezu antiken griechischen Sehnsucht gesprochen, von einer, so wörtlich "Sehnsucht nach der Heimat, Haus, Herd und Weib".

Wofür entscheidet sich die neue Inszenierung ? Für das christlich mittelalterliche Todessehnsucht-Titanic-Motiv oder für das antike Sehnsuchtsmodell der Heimat im eigenen Haus oder fürs buddhistische Vervollkommnungsmodell?

Für Heimat, kapitalismuskritisch gedeutet. "Heimat, Haus, Herd und Weib" - das hat der Regisseur Jan Philipp Gloger ganz wörtlich genommen. Der Holländer will ankommen, Senta will rauskommen, er will verwurzeln und einen neuen Ort finden. Senta dagegen will ausbrechen, aus der Erdenschwere an den Himmel stoßen, aber einen neuen Ort finden will sie wie er. Jenseits der Geldgesellschaft; das Geld, das der wie mit Lepramalen gezeichnete Holländer im Rollkoffer trägt und für das Sentas Vater Daland seine Tochter verkauft, dieses Geld verbrennen die beiden Liebenden. Ein stimmiges Bild in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise. Gegen die käufliche Liebe. Aber leider nicht mehr als ein sehr guter Gag.

Denn der Steuermann, Sentas Verlobter Erik und der heimliche Hauptdarsteller, das Meer, passen nicht in das einfache Koof-mich-Konzept der Kapitalismuskritik. Kein wildes Meer, keine Ruhelosigkeit, keine seelischen Abgründe motivieren den Regisseur. Auch keine Schicksalsfäden webenden Mädchen in der Spinnstube. Die stellen ja Ventilatoren her. Hat auch was mit Wind zu tun und bringt Geld. Dieses Bild nimmt die Schlusseinstellung auf: Statt Erlösung und Himmelfahrt lässt Kapitalist Daland kitschige Figuren von Senta und dem Holländer in inniger Umarmung verpacken und vermarktet sogar das traurige Scheitern seiner Tochter.

Ein interessanter Aspekt, ein Bild, das im Kopf bleibt. Menschliches Scheitern als kapitalistisches Geschäftsmodell wie bei der Vermarktung des Untergangs der Titanic. Doch Wagner wird hier unter Wert inszeniert. Zu flach und eindimensional für die Seelentiefe der Wagner-Figuren. Wäre da nicht Christian Thielemann, das Festspielorchester und der schon legendäre Bayreuth-Chor gewesen. Die Römer nannten ihre guten Hausgeister "Penaten". Thielemann haben die Wagner-Schwestern wohl schon zu recht den Status eines musikalischen Hausgeistes von Bayreuth gegeben. Christian "P." Thielemann. Mit ihm, mit dem wieder sensationellen Chor und mit auf hohem Niveau singenden Solisten ist der diesjährige "Fliegende Holländer" zwar überdurchschnittlich geworden, aber noch kein Durchbruch auf dem Grünen Hügel.

Links bei dradio.de:

Untote unterwegs <br> Richard Wagners "Der Fliegende Holländer" bei den Bayreuther Festspielen

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