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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.08.2013

"Flieg Vogel, fliege vor, wart auf mich am Himmelstor"

Yasar Kemal: "Auch die Vögel sind fort", Unionsverlag, Zürich 2013, 156 Seiten

In diesem Buch geht es um Vogelfänger in Istanbul - und die großen Fragen der Menschheit. (Stock.XCHNG)
In diesem Buch geht es um Vogelfänger in Istanbul - und die großen Fragen der Menschheit. (Stock.XCHNG)

Die Zeiten, in denen Vogelfänger in Istanbul aus Barmherzigkeit die Tiere wieder freiließen, sind lange vorbei. Drei Freunde müssen von dieser alten Tradition ihr tägliches Überleben sichern. Obwohl Yasar Kemal "Auch die Vögel sind fort" schon vor 35 Jahren geschrieben hat, hat sein Blick auf den Wandel der Werte nichts von seiner Aktualität verloren.

"Flieg Vogel, fliege vor, wart auf mich am Himmelstor." Mit diesen Worten haben jahrhundertelang Vogelfänger vor Moscheen, Kirchen und Synagogen im alten Konstantinopel und späteren Istanbul im Herbst kleine Vögel zum Kauf angeboten. Die Käufer warfen die Vögel in die Luft und gaben ihnen damit die Freiheit zurück – ein Zeichen von Barmherzigkeit, das die Menschen glücklich machte.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die drei Jungen Selim, Süleyman und Hayri haben so viele Vögel gefangen wie noch nie. Mit Netzen haben sie sich vor den Toren Istanbuls auf die Lauer gelegt und riesige Vogelkäfige gefüllt. Immer im Herbst ziehen große Vogelschwärme Richtung Westen. Die Samen der Dornbüsche sind für sie ein Leckerbissen, so dass die Vögel in Scharen herabstürzen und dann gefangen werden.

Doch als die drei Jungen mit ihrer reichen Ausbeute in die Stadt kommen, ernten sie nicht nur abweisende Blicke. Aus einer Moschee stürmt ein gläubiger "Käppchen-Mann", versucht Selim mit einer großen Keule zu schlagen und zerstört schließlich seinen Käfig. Die Jungen sind fassungslos - schließlich waren sie schon immer Vogelfänger, so wie ihr erwachsener Freund Mahmut vor ihnen. Was bleibt ihnen sonst für eine Alternative - nur betteln oder stehlen. Dabei wissen sie doch, was Ehre bedeutet. So setzen sie auch alles daran, für den "Onkel" - den Ich-Erzähler der Geschichte - einen Falken zu fangen. Schließlich hat er ihnen schon einen Vorschuss gezahlt, damit sie sich etwas zu essen kaufen können.

Yasar Kemal lässt den "Onkel" nicht nur die Geschichte der Jungen erzählen, sondern zeichnet mit unendlicher Genauigkeit und viel Liebe zum Detail ein Porträt von Istanbul. Sein besonderes Augenmerk legt er auf die Spitzbuben und Tagträumer, die Gestrandeten und Gescheiterten. Mit wenigen Worten gelingt es dem Autor vor den Augen des Lesers Bilder der brodelnden Metropole Ende der 1970er Jahre entstehen zu lassen. Er beschreibt den quirligen Taksim Platz, die unterschiedlichen Stadtviertel und ihre Bewohner.

Wie immer legt Yasar Kemal in seinem Roman viel Wert auf die Farben. Insbesondere die kleinen Vögel sind so leuchtend rot, gelb, grün und blau, dass sie allein durch ihr Aussehen Freude und Hoffnung ausdrücken. Mahmut ist überzeugt, dass die Menschlichkeit niemals ausstirbt und glaubt, dass die Vogelfänger "Istanbul den Puls fühlen". Dagegen ist die Prognose von Yasar Kemal insgesamt düster.

Die Menschlichkeit und Barmherzigkeit sind einem großen Egoismus gewichen, so dass auch Anstand und Ehre keinen Bestand mehr haben können. Sehr deutlich fällt auch die Kritik des Autors an dem zunehmend orthodoxer werdenden Islam aus. Dabei ist zu bedenken, dass der Roman bereits 1978 geschrieben wurde. Doch auch nach 35 Jahren hat sein Blick auf den Wandel der Werte nichts von seiner Faszination verloren. Mit wenigen Worten hat Yasar Kemal eine kleine intensive Geschichte über die großen Fragen der Menschheit geschrieben - sehr einfach und doch von großer Tiefe. Im Oktober wird Yasar Kemal 90 Jahre alt.


Besprochen von Birgit Koß

Yasar Kemal: Auch die Vögel sind fort
Aus dem Türkischen von Cornelius Bischoff
Unionsverlag, Zürich 2013
156 Seiten, 12,950 EUR

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