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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.08.2006

Flaneur im Nahen Osten

Volker Perthes gibt Einblicke in die Alltagskultur von Ägypten bis Kurdistan

Rezensiert von Sebastian Engelbrecht

Perthes hält die Sorge vor einer islamistischen Revolution in Ägypten momentan für unbegründet. (AP)
Perthes hält die Sorge vor einer islamistischen Revolution in Ägypten momentan für unbegründet. (AP)

Volker Perthes beschreibt iIn "Orientalische Promenaden: Der Nahe und Mittlere Osten im Umbruch" detailreich seine Reisen durch Israel, Saudi-Arabien, Ägypten, den Iran und Kurdistan. Jenseits der Klischees vom Nahost-Konflikt bietet er interessante Einblicke in die orientalische Lebenswelt. Er trifft auf gelangweilte arabische Jugendliche und Aquarienbesitzer in Teheran.

Ein Buch über fünf Krisenherde im Nahen Osten zu schreiben, ist mutig. Volker Perthes, anerkannter Kenner der Region, weiß, dass sich die Ereignisse zwischen östlichem Mittelmeer und Indischem Ozean schnell überstürzen können. Dann stehen alle Notizen, alle Texte, alle Erkenntnisse, gewonnen auf fünf langen Reisen, plötzlich unter einem neuen Vorzeichen.

Perthes’ Promenade durch "Israel und Palästina" etwa wirkt fast schon historisch. Der Autor hat das Manuskript zu seinem Buch im Juni 2005 abgeschlossen, und es scheint, als müsste allein über das Jahr, das seither vergangen ist, ein weiteres Buch von 400 Seiten geschrieben werden. Macht nichts. Perthes kennt das Risiko. Im Israel-Kapitel schreibt er:

"Ich weiß nicht, ob wieder Krieg herrscht, wenn dieses Buch auf den Markt kommt."

Genau so ist es gekommen. Aber das nimmt dem Buch weder seinen Sinn noch seinen Reiz. Volker Perthes promeniert nicht als Dandy durch Ägypten, Saudi-Arabien, Kurdistan, Iran und Israel, sondern als Beobachter mit wachem Auge und dem Blick für die historischen Zusammenhänge, für die politischen und religiösen Hintergründe. Die ändern sich nicht so rasch.

Er analysiert die politische und gesellschaftliche Lage an den fünf Brennpunkten. Die Analysen lesen sich wie Reportagen, keineswegs wie trockene Gesprächsprotokolle. Der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, als Experte ein wichtiger Assistent und Berater des Auswärtigen Amtes, hat Spaß am Detail, etwa für den ägyptischen Wachpolizisten, der aus einem Stahlhelm in Essig eingelegtes Gemüse in einen Brotfladen füllt, oder für die in Saudi-Arabien üblichen Brautwerbungsversuche junger Männer: Sie halten den Damen Pappschilder mit ihrer Handy-Nummer entgegen, in der Hoffnung, die Begehrte könnte sich die Zahlen notieren und anrufen.

Das Buch liest sich wie der Essay eines kompetenten, uneitlen Journalisten. Perthes hört seinen Gesprächspartnern zu: Vertretern von Parteien, Mitgliedern der Regierungsapparate, Schriftstellern, Händlern, Gruppen von Jugendlichen. Er zeichnet nüchtern nach, was sie gesagt haben, in welcher Szenerie. Dabei hilft ihm enorm, dass er Arabisch spricht. Der sprachkundige Experte kennt und respektiert das Denken seines Gegenübers. Im ganzen Buch findet sich keine einzige tendenziöse Beurteilung, keine polemische Randbemerkung.

Flüssig liest sich die Promenade durch Saudi-Arabien, ein Gebiet, das dem gemeinen Touristen aus dem Westen bis heute so gut wie verschlossen ist. Perthes gibt, wie in jedem Kapitel, einen zeitgeschichtlichen Abriss. Hier geht es um die Entstehung des Staates Saudi-Arabien seit Beginn des 20. Jahrhundert

Perthes nennt die Langeweile das zentrale Problem der saudi-arabischen Jugend. Die herrschende religiöse Tradition der Wahabiten verbietet Kino, Theater, Tanz und Gesang. Nicht einmal soziale Probleme haben die jungen Leute in einem Staat, der vor lauter Öl-Reichtum seinen Bürgern keine Steuern abverlangt. Das Problem der Menschen also ist die kulturelle Leere.

Dazu kommt die Monotonie der wahabitischen Ideologie, die weder Zweifel noch Skepsis kennt. Im religiösen Staat herrscht die Religion über alles. Zu den Gebetszeiten schließen die Geschäfte. Inoffizielle islamische Prediger wachen in Cafés darüber, dass die jungen Leute nicht fernsehen. Polizisten halten Paare im Auto an, um herauszufinden, ob sie auch verheiratet sind. Frauen ist das Autofahren verboten.

Wie schwer es in dieser reichen, verknöcherten und trägen Gesellschaft ist, Veränderungen durchzusetzen, wird an den Kommunalwahlen deutlich: In der saudischen Monarchie brauchte es 27 Jahre von der Verabschiedung des Gesetzes bis zum ersten Urnengang, an dem sich natürlich nur die Männer beteiligen durften.

Erkenntnisgewinn liefert auch Perthes’ Promenade durch das "milde Kurdistan", die friedlichste Provinz im unruhigen Irak. Seine Reise zeigt, dass die irakischen Kurden unter dem Schutz der USA faktisch längst eine Autonomie praktizieren. Erkennbar wird das an den überall präsenten kurdischen Flaggen. Das Militär und die meisten Einheiten der Polizei tragen ebenfalls die kurdische Fahne auf dem Uniformärmel.

Perthes leuchtet aber auch die Tragik dieser Fast-Autonomie aus, nämlich die innere Zerstrittenheit der Kurden. Es existieren seit 1992 praktisch zwei kurdische Regionalregierungen im Irak, eine in Arbil und eine in Sulaimani. Im Gouvernement Sulaimania herrscht die PUK, die Patriotische Union Kurdistans, und im Gebiet um Arbil die KDP, die Demokratische Partei Kurdistans. Eine Spaltung, die aus dem Bürgerkrieg herrührt, der im kurdischen Teil des Irak in den Jahren 1994 bis '98 herrschte. Damals ging es um die Macht in der Kurdenprovinz, ein bis heute ungelöster Konflikt, sichtbar an der getrennten Organisation der Sicherheitskräfte.

Anders als die Promenaden durch Kurdistan und Saudi-Arabien bietet das Kapitel über Israel und die palästinensischen Gebiete manche Geschichte, die man so ähnlich schon in der Zeitung gelesen hat, etwa über die Mauer durch das Westjordanland oder über die Führung der Islamisten von der Hamas. Der Ritt durch Ägypten offenbart, dass die Sorge vor einer islamistischen Revolution momentan kaum begründet ist: Die Muslim-Brüder haben der Gewalt abgeschworen, und der allmächtige Mubarak-Staat hat ihre Strukturen weitgehend zerschlagen.

Aus dem Iran schließlich hat Perthes ungewöhnliche Beobachtungen mitgebracht. Die Atmosphäre dort erinnert ihn an die kleinbürgerliche Grundstimmung der Bundesrepublik in den 50er, 60er und 70er Jahren. Der Trend geht zur Kleinfamilie: Familienausflug mit Fotoapparat. Vater lässt mit dem Sohn ein ferngesteuertes Modellboot fahren. Und in Mittelschichtsvierteln florieren die Aquarienläden.

Volker Perthes: Orientalische Promenaden: Der Nahe und Mittlere Osten im Umbruch.
Siedler Verlag, München 2006
400 Seiten. 24,95 Euro

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